> > > > > 22.07.2007
Samstag, 4. Dezember 2021

Giuseppe Verdi

Verdis Maskenball als Mummenschanz

Scharfe Sachen auf Gut Immling

Ja, ja, das Spiel mit den Masken. Wenn eine Oper schon „Ein Maskenball“ heißt, der dramatische Höhepunkt sich auf einem „Maskenball“ ereignet, dann doch gleich mit Masken beginnen. Also steht schon ganz deutlich vor einem vielmals geschlitzten Rundhorizont auf der schmalen Spielfläche der Reithalle von Gut Immling eine Schautafel mit Masken. Wie das klobige Element mit den Billigvarianten historischer und traditioneller Masken hierher gekommen ist bleibt eines von vielen Geheimnissen der Ausstatterin Caroline Neven Du Mont. Zu erklären wäre auch, woher die hochmütige Annahme kommt, Kinder armer Menschen wären immer schmutzig, zumindest haben deren Gesichter im Bild bei der Wahrsagerin darauf deutende, hastig angeschminkte, Flecken

Die Regisseurin wird es uns auch nicht verraten, bringt sie es doch schon in ihren Konzeptgedanken des Programmheftes nicht zusammen, logisch darüber Auskunft zu geben, was, bzw. welche der Fassungen des Stückes überhaupt gespielt wird. Da ist einmal von „René“ die Rede, dann wieder von „Renato“, dann davon dass bei diesem, wenn er in das wahre Antlitz seiner Gattin und das des Königs schauen müsse, sämtliche Masken fallen würden. Ein paar Zeilen weiter ist von Riccardo die Rede, der aber, wenn es um die durch Zensur veränderte Fassung der Uraufführung gehen sollte, nicht wie das historische Vorbild Gustav III. von Schweden ist – tatsächlich ermordet auf einem Maskenball in der Stockholmer Oper – sondern der Gouverneur von Boston. Dann wäre jener René ein Kreole und Offizier in des Gouverneurs Diensten, was ja zumindest einen handfesten Ansatz für das Verschwörerdrama gäbe, dessen melodienreiche Anreicherung durch ein unerfülltes Liebesverhältnis seiner Gattin mit dem Gouverneur, genug Stoff böte für eine klare, auf menschliche und politische Konflikte in ihren Verquickungen basierende, Handlung zu erzählen. Stattdessen will die Regisseurin, wenn alle Masken und Stoffbahnen gefallen sind, wie sie schreibt, einen Hoffnungsschimmer am Horizont malen, „die schleichende Demaskierung als Symbol für den Individuationsprozess Riccardos deuten. Er, der von Beginn an zwischen kindlicher Eifersucht und depressiven Momenten, zwischen leerem Pathos und brennender Liebe laviert, findet zu Klarsicht und verantwortungsvoller Entsagung. Wenn Ulrica, als Mittlerin zwischen den Welten, ihn im Sterben abholt, so ist das auch ein Aufbruch zur nächsten höheren Ebene.“ Erste Frage, was ist es denn noch außer einem Aufbruch, und zweite, wo bitte ist diese „nächste höhere Ebene“?

Cornelia von Kerssenbrock schlägt kräftig und weithin sichtbar den Takt mit der rechten Hand, die Damen und Herren des Orchesters in ihrer Nähe verpassen dennoch manchen Einsatz, sind in der Begleitung aber grundsätzlich solide, doch die einmal fordernden, zum anderen zu nuancierterer Gestaltung anregenden Zeichen und Modulationen durch die linke Hand der Dirigentin kommen nur zögerlich an.

Die Solistinnen und Solisten kommen an ihre gesanglichen Grenzen und können  unterschiedlich damit umgehen. Dimitri Kharitónov als Renato setzt auf Kraft, auch wenn er forciert, Schärfen bleiben aus. Solche können der lautstarke Tenor Enrique Ambrosio als Riccardo und die Sopranistin Monica Chavez als Amelia nicht vermeiden. Einige schöne Töne der Mittellage und in leisen Passagen machen nicht wett dass die Stimme der Sopranistin in der Höhe scharf und schmal klingt. Total unverständlich ist, warum Kostüme, Maske und vor allem die Haartracht, eine Sängerin dermaßen unvorteilhaft erscheinen lassen müssen. Auch Anastasia Bibicheva gibt im Zottelkostüm die Rolle der Wahrsagerin, Felicitas Fuchs den Pagen Oscar. Die eifrige Sängerin ist aufgedreht, wiederholt ungerichtete Gesten und grinst beständig. Solch fahriger, von der Regisseurin nicht geformter Aktionismus ließe sich mit einfachen theaterpädagogischen Mitteln beheben. Beunruhigender aber klingen hier die Schärfen in den Höhen der ansonsten frischen, schlanken jungen Stimme, die vielleicht mit dieser oft unterschätzten Partie noch überfordert ist.
Überfordert scheint mir hier aber in erster Linie das Team, das sich durch dürftige Personalregie, vor allem durch die Ästhetik der Ausstattung wirklich demaskiert.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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11. Opernfestival Gut Immling Chiemgau: Giuseppe Verdi, Ein Maskenball

Ort: Gut Immling,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Kornelia von Kerssenbrock (Dirigent), Münchner Symphoniker (Orchester), Enrique Ambrosio (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernfestival Gut Immling Chiemgau

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