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Dienstag, 10. Dezember 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Letztes Konzert der Saison mit der Staatskapelle

Der Woyzeck Franz singt Mahler-Lieder

Gebeugt, in sich gestaucht, als schleppe er den ganzen Fluch des letzten Jahrhunderts mit Kriegen, Morden und Verwerfungen auf seinen nicht gerade schmalen Schultern, so betritt der Bariton Matthias Goerne das Podium, um erstmalig mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden zu konzertieren. Goerne singt sieben Lieder von Gustav Mahler aus der Sammlung ?Des Knaben Wunderhorn?. Mahlers Schreckensvisionen durchzucken den Sänger und lassen ihn immer wieder in so irre Gesten geraten, als sähe er in der Gestalt von Büchners Woyzeck dessen apokalyptische Zukunftsvisionen als unbezähmbare Erinnerungen vor sich. Goernes ?Ich kann und mag nicht fröhlich sein...? die Eröffnungsstrophe des ersten Liedes ?Der Schildwache Nachtlied? klingt fahl, kommt aus dem Dunklen wohin der Gesang wieder flieht am Ende des Zyklus mit den todtraurigen Zeilen des armen Tamboursg´sell ?Gute Nacht! Gute Nacht!? Dazwischen Gesänge von größter Not, vom frühen Tod, erstorbener Liebe, unstillbarem Hunger auf Erden, der vergeblichen Predigt des Heiligen Antonius zu Padua für die Fische und marschierenden Gebeinen zu klirrendem Trommelklang.


Matthias Goerne singt nicht schön im üblichen Sinne, er singt auch nicht mühelos, in den tieferen Lagen ist auch die Diktion nicht immer klar, auch Anstrengungen sind nicht zu überhören. Nun führen diese sieben Lieder den Bariton auch von den Tiefen, die ins Bassregister gehören bis in Höhen, die in die Bereiche der Tenöre weisen. Es gehört zur Interpretation im Horizont der zu gestaltenden Thematik wahrhaft Höhen und Tiefen dieses dunklen Kosmos zu durchmessen, und es gelingt dem Künstler Schmerz und Wahnsinn realistische Töne zu geben.                 
Daniele Gatti ist der Dirigent des Abends. Hier reagiert er sensibel auf die Vorgaben des Sängers, führt die menschliche Stimme und das große Orchester so zusammen, dass der Gesang, auch wenn er in den Tiefen fahl und hauchend wird, niemals überdeckt wird, umhüllt ja. Goerne, Gatti und das Orchester finden hier zu musikalischen Expressionen und Impressionen, von deren Unbedingtheiten her sich die weiteren Stücke dieses Abends erst erschließen.


Den Liedern folgten ?Drei Orchesterstücke op. 6? von Alban Berg, entstanden 1914 und 1915, revidiert 1929. Das knappe Präludium, der trügerische Reigen und der infernalische Marsch mit seinen harten Schlägen nehmen geradezu direkt, nicht nur durch die Anklänge an seine sechste Sinfonie, Mahlers Visionen auf und steigern sie in die Unermesslichkeit der Wortlosigkeit. Daniele Gatti und die Staatskapelle trumpfen nicht unnötig auf. In solcher Sensibilität gemeinsamen Musizierens wie sie hier zu erleben ist, gelingt es sogar, hoffende Klänge unter schmetternder Hoffnungslosigkeit vernehmbar zu machen.

Wir waren vorbereitet, wir waren eingestimmt, wir waren sensibilisiert. Gatti eröffnete den Abend mit Anton Webens Opus ?Langsamer Satz für Streichquartett ? Ausführung mit Streichorchester? von 1905. Vom feinsten Piano bis ins kräftigste Forte können die Damen und Herren der Staatskapelle bei Anwendung unterschiedlicher Spielweisen ihrer Streichinstrumente ihren Tugenden klingenden Lauf lassen. Der Dirigent lässt spielen, die Dynamik des zehnminütigen Streichersoges mit Erinnerungen an Klangwelten der Renaissance und Hinweisen auf kommende, bzw. derzeit neu entdeckte Bevorzugungen meditativer Streicherklänge, breitet sich fast unmerklich aber dann doch alternativlos aus.

Die folgende gute halbe Stunde, in der die dritte Sinfonie in F-Dur von Johannes Brahms erklingt, vergeht wie im Fluge. Dabei lässt sich der Dirigent immer wieder Zeit, nimmt sich scheinbar ganz zurück. Das Werk rauscht nicht als üppiger romantischer Klangzauber dahin. Brüche gibt es zu vernehmen, Schärfen auch, Abgründe und Untiefen tun sich auf. Gatti sucht hinter den durchaus liebenswerten Stimmungsbildern, hinter scheinbarer innerer Ruhe, eher die Gegensätzlichkeiten die in seiner Interpretation auch nicht zu überhören sind. Er hebt die Motive hervor, die gegeneinander laufen, findet bedrohende Bewegungen, gerade im letzen Satz, und gibt dem freudigen Thema des Horns zumindest auch den Hauch der Bedenklichkeit in der Art wie es von anderen Instrumenten aufgenommen wird. Kein Brahms zum Zurücklehnen. Ein so ungewöhnlicher wie spannender und auch verstörender Versuch, seine Sinfonie in den Kontext des zwanzigsten und wohl auch des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu stellen.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Dresden, Semperoper: Sächsiche Staatskapelle Dresden

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Johannes Brahms, Anton von Webern, Gustav Mahler, Alban Berg

Mitwirkende: Daniele Gatti (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Matthias Goerne (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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