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Freitag, 10. Juli 2020

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v.l.n.r.: Lin Lin Fan, Daniel Holzhauser, Philipp Basener, Belinda Williams, Daniel Jenz, Copyright: N. Klinger

v.l.n.r.: Lin Lin Fan, Daniel Holzhauser, Philipp Basener, Belinda Williams, Daniel Jenz, © N. Klinger

Bernsteins Operette 'Candide' am Staatstheater Kassel

Optimistischer Antiheld

Auch das Staatstheater Kassel reiht sich zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein (2018) mit der Inszenierung von 'Candide' – Premiere war am 25. Jan. 2020 – in die vielen Opernhäuser ein, die das Werk wiederentdeckten und zur Aufführung brachten. Es ist weder Oper noch Operette noch Musical. Bernstein widmete in einem Vorwort 'Candide' der europäischen Musik und Kultur. In der Ouvertüre, welche oft als Konzertstück gespielt wird, hört man vieles davon. Im Laufe des Abends erklingen verschiedene Tanzstücke wie Mazurka, Polka, Flamenco. Die Handlung basiert auf der satirisch-bissigen Novelle 'Candide – Der Optimist' des französischen Philosophen Voltaire, der 1759 sein Werk veröffentlichte. In ihm sprach er sich gegen das Weltbild von Gottfried Wilhelm Leibniz aus, in einer der ‚besten aller möglichen Welten‘ zu leben.

Die Handlung erzählt die Reise des Jünglings Candide durch die Welt. Dieser wächst als unehelicher Neffe eines westfälischen Barons auf dessen Schloss auf, zusammen mit der Tochter des Barons, Kunigunde, und dessen Sohn, Maximilian. Deren Hauslehrer Dr. Pangloss unterrichtet die drei in dem Glauben, in der ‚besten aller möglichen Welten‘ zu leben. Bei der Unterweisung in die körperliche Liebe verliebt sich Candide in Kunigunde und wird von seinem Onkel bei der Umsetzung der Lehre auf frischer Tat erwischt. Das hat zur Folge, dass er Candide aus dem Schloss jagt. Nun beginnt für ihn seine unglaubliche Reise um die Welt.

Viel Gutes, viel Schlechtes

Zeitgleich besetzt ein bulgarisches Heer Westfalen, verwüstet das Land, ermordet den Baron und dessen gesamte Familie. Auf wundersame Weise überleben Kunigunde und Maximilian das Massaker und fliehen aus dem Land. Candide und Dr. Pangloss verlassen Westfalen in Richtung Lissabon, wo ein schweres Erdbeben tobt. Dr. Pangloss wird nach Paris verschleppt, Candide landet im spanischen Cadiz und gerät von dort nach Montevideo. Hier treffen Kunigunde, Maximilian und Candide wieder aufeinander. Alle drei haben in der Zwischenzeit abenteuerliche Geschichten erlebt und überstanden. Die weiteren Stationen ihrer Reise sind das sagenumwobene El Dorado, eine einsame Insel und die Stadt Konstantinopel. Hier trifft er auf den ‚weisesten Mann des Universums‘, der kein anderer als Dr. Pangloss ist. Zurückgekehrt in die Heimat müssen die Protagonisten erkennen, dass viel Gutes, aber auch viel Schlechtes in der Welt existiert. Candide zieht sich zurück und will als Einsiedler auf einer Parzelle nur von den Erzeugnissen seiner Hände Arbeit leben.

Fulminante Show

Die Kasseler Inszenierung basiert auf der Fassung von 1974, die am Broadway umjubelt und vielfach ausgezeichnet wurde. Der Regisseur Philipp Rosendahl zeigt zusammen mit seinem Co-Regisseur Volker Michel auf der von Daniel Roskamp und Brigitte Schima gestalteten Bühne eine fulminante spritzige Show. Die Dramaturgen Maria Kuhn und Christian Steinbock haben sich auf die effektvolle Broadway-Fassung bezogen. Das kleine 16-köpfige Orchester wird rechts und links auf der Bühne postiert. In einem Halbrund, das einer Konzertmuschel nachempfunden ist, spielt die Handlung, welche durch die hervorragende Videokunst von Daniel Hengst gut zur Geltung kommt. Diese Bühne erweist sich als ideale Umsetzung der Darstellung der vielen Spiel- und Handlungsorte des Werkes.

Zum Gelingen der Inszenierung tragen auch die pfiffigen Kostüme bei. Die Kostüme und Haare sind den Figuren so zugeordnet, dass sie im Verlauf des Abends immer erkennbar waren: Comichaft bei den Agierenden, stilvoll üppig beim schön singenden Chor. In der zentralen Rolle fungiert Philipp Basener als Erzähler, Dr. Pangloss und weisester Mann. Er ist die ideale Besetzung. In seinem knappen Kostüm singt und spielt er mit sichtlicher Freude auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Selbst zwischen dem Publikum platziert er sich, das ist erheiternd mitanzusehen. Mit der großen Arie der Kunigunde 'Glitter and Be Gay' kann jede Sängerin das Publikum überzeugen. Sie sollte nicht nur gut gesungen, sondern auch gut darstellerisch interpretiert werden. Dies gelingt Lin Lin Fan mit ihrem hellen Sopran überzeugend. Als Maximilian präsentiert Daniel Holzhauer eindrucksvoll eine egoistische, selbstgefällige Person. Belinda Williams als Paquette spielt ihre Rolle mit auffälliger Freude, ihre weiblichen Reize auszustellen. Inna Kalinina hat ihren großen Auftritt mit dem Tango 'I Am Easily Assimilated', den sie bravourös darbietet. Bassem Alkhouri gelingen mit Bravour seine sieben Rollen, die er in dem Werk zu bestehen hat. In weiteren Partien sind  Marc-Olivier Oetterlie, Cozmin Sime, Michael Boley und Bernhard Modes mit schöner Präsenz zu hören und zu erleben.

Mit großem Engagement spielt das Orchester unter seinem Dirigenten Alexander Hannemann. Schon in der Ouvertüre ist zu hören, dass die kleine, hochkonzentrierte Besetzung begeistern wird. Ein großes Lob geht auch an den sicheren und stimmlich präsenten Chor unter seinem Chef Marco Zeiser Celesti. Ein gelungener Abend, der vom Publikum mit viel Applaus belohnt wurde.

Kritik von Manfred Zweck

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Candide: Bernstein

Ort: Staatstheater,

Werke von: Leonard Bernstein

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