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Donnerstag, 22. November 2018

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Siegfried (Michael Weinius), Mime (Cornel Frey), Copyright: Hans Jörg Michel

Siegfried (Michael Weinius), Mime (Cornel Frey), © Hans Jörg Michel

Anmerkungen zur „Siegfried"-Inszenierung

Der hilflose Rebell

Vor gut neun Monaten, im Juni 2017, begann die Deutsche Oper am Rhein ihre Neuinszenierung von Richard Wagners 'Der Ring des Nibelungen', dem Bühnenfestspiel für drei Tage und einem Vorabend. Mittlerweile ist man in Düsseldorf beim zweiten Tag der Tetralogie angelangt. Siegfried, der unerschrockene Rebell, betritt die Bühne. Isoliert im Wald aufgewachsen, sehnt er sich nach Freiheit, stellt unermüdlich Fragen, demütigt, bedroht und bedrängt seinen Pflegevater und will wissen, wer seine Eltern sind. Schließlich verlässt er den heimischen Herd, um das Fürchten zu lernen. Siegfried ist ein widersprüchlicher Held. Er mordet, widersetzt sich den Gesetzen und der großväterlichen Autorität, versteht die Sprache der Vögel und des Drachens. Und wenn er im letzten Akt seine zukünftige Liebste aus dem Schlafe weckt und endlich das Fürchten lernt, fühlt man sich in eine Märchenhandlung versetzt.

Nicht jedoch bei Dietrich W. Hilsdorf. Wenn sich in der Musik im zweiten Akt ein blechgewaltiger, Angst einflößender Riesenwurm nähert, öffnen sich auf der Bühne die Tore der grauen, Nebel umwölkten Halle. Aus dem Dunkel der Nacht bewegt sich unaufhaltsam und bedrohlich eine gigantische Dampflokomotive mit Schlot und riesigen Rädern voran. Die Bestie der industriellen Revolution, des technischen Fortschritts? Fafner hält sich in ihr versteckt. Zu tonmalendem Kampfgetöse in der Musik sticht Siegfried beherzt in den Kessel des Ungetüms. Und – oh Wunder – obwohl Fafner bei Wagner tödlich verletzt wird, verlässt er bei Hilsdorf als Lebender die Bühne.

Ähnlich im dritten Akt. Hier findet Siegfried sein Dornröschen nicht auf dem Walkürenfelsen, sondern im Cockpit des schon aus dem letzten Akt der Walküreninszenierung bekannten Hubschrauberwracks. Keine Rüstung, kein Helm, kein Brustpanzer, den er entfernen könnte. Keine Assoziationen an vergangenes Kriegsgeschehen. Stattdessen eine auf Siegfried fremd wirkende, blonde Schöne in kostbarem, rotseiden schimmernden Kleid, das von einem langen grünen Mantel verdeckt ist. Statt auflodernder Leidenschaft schauen sich beide lange in die Augen. Er kennt sein Schicksal nicht. Sie – wissend – fürchtet sich vor dem nie Erlebten. Langsam nur tasten sie sich näher, einfühlsam, die Gefühle des Gegenübers achtend.

Wer eine 'Ring'-Iinszenierung als Fortsetzungsroman oder Familienserie sieht, wird bei Dietrich Hilsdorfs 'Siegfried' enttäuscht. Hier wird kein Entwicklungsroman eines Weltverbesserers erzählt. Im Grunde – und Hilsdorf hält sich in seiner Personencharakterisierung sehr genau an die Textvorlage – scheint Siegfried nicht wirklich eine Antwort auf sein Freiheitsbedürfnis zu suchen. Die dunkel ausgeleuchteten, geheimnisvoll eingenebelten Räume wiederholen sich. Romantische Säulen des Werks wie vollendete Liebe, Natur, Wanderschaft werden – wie Wotan als Wanderer – mit Baguette, Rotwein und Fahrrad in eine ironische Distanz gerückt oder sind zum Stillstand verurteilt.

Musikalischer Entwicklungsroman

Ein assoziationsreicher Entwicklungsroman findet derweil in der Musik statt. Expressiv, detailverliebt und dynamisch differenziert präsentieren Dirigent Axel Kober, die Gesangssolisten und Düsseldorfer Symphoniker das Werk. Der musikalische Spannungsbogen, gewoben aus dem Netzwerk der Leitmotive, reißt nicht ab. Überzeugend vor allem der erste Akt, wo Kober ein recht schnelles Metrum konsequent beibehält, die Rhythmen zuspitzt und sie unermüdlich – wie das Herz einer Maschine federnd – hämmern lässt. Dazu fantastisch homogene Blechbläsergewalten, die sich götterdämmerungsgleich drohend aufbäumen und verebben.

Unter den ausdrucksstark singenden und schauspielenden Gesangssolisten beeindruckt Tenor Cornel Frey mit Stimm- und Sprachklang, Gesten, Körperhaltung und tänzelnden Bewegungen gleichermaßen. Er hinterlässt ein karikierendes, betörend ausdrucksstarkes Bild des hinterlistigen Mime. Simon Neal überzeugt – wie in den vergangenen Ringteilen – als Wotan. Michael Weinius ist ein kraftvoller, mit sattem, brustigem Stimmklang ausgestatteter Siegfried, der auch kopfstimmig gefärbte, lyrisch weiche Gefühle auszudrücken vermag und es virtuos versteht, rhythmisch und im Tempo mit dem Orchester zu schmieden. Linda Watson überschlug sich als Brünnhilde – zumindest an diesem Premierenabend - in Kraft zehrendem, schillernd blumigen Vibrieren, sodass sie – und nicht nur sie – am Ende Mühe hatte, den orchestralen Klanggewalten stimmlich zu begegnen. Okka von der Dammerau betört mit tiefgründigem, klangvollen Mezzosopran.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Siegfried: Der Ring des Nibelungen

Ort: Deutsche Oper am Rhein,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Axel Kober (Dirigent), Düsseldorfer Symphoniker (Orchester)

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