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Dienstag, 31. März 2020

Der Anton-G.-Rubinstein-Klavierwettbewerb ist noch nicht dort, wo er hin will

Hart, härter, Rubinstein

Wenn kürzlich in einer Kaufzeitung vom "härtesten Klavierwettkampf der Welt" die Rede war, so war nicht der Rubinstein-Klavierwettbewerb Tel Aviv (gegründet 1974, ausgerichtet von der internationalen Arthur Rubinstein-Gesellschaft) oder der Internationale Arthur-Rubinstein-Wettbewerb in Bydgoszczy gemeint; nicht der 2007 erstmalig ausgerichtete Nikolai-Rubinstein-Wettbewerb in Moskau oder der ebenfalls lange schon renommierte Rubinstein-Wettbewerb in Paris. Im Pressezitat war die Rede von dem seit 2003 in Dresden ausgerichteten Anton G. Rubinstein-Klavierwettbewerb, der sich wiederum direkt auf den 1890 bis 1910 aller fünf Jahre vom Namensgeber selbst ausgerichteten Anton G. Rubinstein-Wettbewerb in St. Petersburg beruft. Die damaligen Preisträger hießen Wilhelm Backhaus oder Alexander Gedecke, andere Quellen nennen auch Ferruccio Busoni, Sergei Prokofiew oder Maria Yudina. (Zumindest bei Prokofiew scheint mir die Angabe zweifelhaft; der komponierende Pianist verließ das Konservatorium erst 1914).

Vielleicht war es nicht die glücklichste Hand, die diesen Namen 2003 wieder hervorkramte, als ein neuer Klavierwettbewerb in Dresden etabliert werden sollte. Hätte das Forum Tiberius, das bereits Ausrichter der "Competizione dell' Opera" ist, statt auf einen der international bekannten Musikverweser und womöglich einen Verwechslungseffekt zu setzen, lieber unter dem Namen eines lebenden Pianisten einen kleinen, feinen, auf ein moderneres Repertoire zielenden Wettbewerb ins Leben rufen sollen? Immerhin sitzen diese in der vergleichweise riesigen und scheinbar bunt zusammengewürfelten Jury: Jeanette de Boer, Peter Feuchtwanger, Veronica Jochum von Moltke, Detlef Kaiser oder Rudolf Meister. Fragt man Pianisten, so hat es die Dresdner Veranstaltung jedenfalls bisher trotz anderslautender Beteuerungen noch nicht unter die zehn wichtigsten Klavierwettbewerbe allein in Deutschland geschafft - die Gründe sollen im folgenden ausführlich betrachtet werden.

Austauschbarkeit und Beliebigkeit

Lassen wir die Namensgebung des Wettbewerbs hier einmal beiseite und werfen den Blick auf das Pflichtrepertoire. In der ersten Runde reicht es von Bach bis Ligeti (!), und zwar über Haydn, Mozart, Beethoven, Schumann, Chopin und Debussy. Daran ist allein nichts auszusetzen, dient die erste Runde (die international an im Augenblick neunzehn verschiedenen Standorten ausgetragen wird) doch allemal der Sichtung der Teilnehmer; sie scheint bisher eine vergleichsweise geringe Hürde für die teilnehmenden Klavierstudenten zu sein. Auf das ?uvre Anton G. Rubinsteins bezieht sich immerhin die zweite Runde, die in Dresden ausgetragen wird: irgendein Werk des Komponisten zu spielen, steht zur Auswahl, neben "einem Werk freier Wahl der Romantik" und "einem Werk freier Wahl des 20./21. Jahrhunderts". Bei dieser Wahlbreite (welcher Stilrichtung, fragt sich der verwunderte Leser, sind denn wohl die fünf Klavierkonzerte Rubinsteins zuzuordnen?) verwundert es wohl niemanden, wenn im Finale bisher nur sattsam bekannte Werke standen und auch dieses Jahr wieder stehen: nämlich einmal Schumanns, Brahms und Prokofiew, zwei Mal das dritte Konzert Ludwig van Beethovens - und bereits vier mal Konzerte Rachmaninoffs. Indem der Wettbewerb auf ein breites Spektrum junger Pianisten zielt, die mit genau diesen Werken alljährlich von Wettbewerb zu Wettbewerb tigern (wie die Bewerbungsbögen der Pianisten auch immer wieder zeigen), vergibt er sich die interessante Nische, die phänomenale Entdeckung eines jungen Interpreten zeitgenössischer Klaviermusik oder auch nur die ernsthafte Wiederentdeckung eines der Rubinsteinschen Konzerte. Hier wäre eine Straffung des Pflichtprogramms und eine strenge Konzentration des Repertoires angeraten, will der Wettbewerb nicht im internationalen Einerlei der pianistischen Beliebigkeit untergehen oder als bloßes Sprungbrett, als "Probensituation" für die wirklich renommierten Wettbewerbe, enden.

Zusammensetzung der Jury

Mit zwanzig (!) international renommierten Pianisten und Klavierprofessoren ist die Jury des Anton G. Rubinstein-Wettbewerbes äußerst hochkarätig besetzt. Viele andere Wettbewerbe würden sich diese Breite an Meinungen vom Fach, die ein gerechtes Urteil erst ermöglicht, wünschen. Trotzdem bleibt die Frage: warum sind auch die restlichen fünfzehn Mitglieder der Jury (Wettbewerbsleitung, Vertreter von Orchestern, Opernhäusern und Festivals, Intendanten, Medienvertreter und Agenturen) auf gleichem Wertungsniveau stimmberechtigt? Treten hier nicht Aspekte der marketingtechnischen Verwertbarkeit der Bewerber, etwa ihre Ausstrahlung auf der Bühne oder ähnliche Kriterien, stärker in den Vordergrund? Zumindest stellt sich diese Frage unmittelbar jedem Leser des Programmheftes. Und: eine Jury solchen Ausmaßes wird eben auch immer nur ein aus einzelnen Punktwertungen statistisch errechnetes "Kompromiß"-Urteil fällen können, niemals eines, dass ungewöhnliche Vorlieben, was Repertoire, aber auch Interpretation angeht, beherzt am Mainstream vorbei protegiert. Dieser Problemstellungen ist sich die Wettbewerbsleitung sicher bewusst. Sie leistet bisher lediglich dem allerorten beklagten "Weg in die technische Mitte" Vorschub: am höchsten bewertet wird eben nicht die kompromißlose (!) künstlerische Ausnahmeleistung, sondern diejenige, die einfach fehlerlos und damit möglichst nah an der "Idealvorstellung" einer Werkinterpretation - oder nennen wir es die gemittelte Vorliebe der jeweiligen Zeitgenossen? - bleibt.

Schüler von Jurymitgliedern

Warum bloß wies der Vostandssprecher des Forum Tiberius und Leiter des Wettbewerbes, Hans-Joachim Frey, in eilig nachgeschobenen Pressemeldungen und auch bei der Verkündung der Preisträger immer wieder auf die Integrität der Jury und die Qualität ihrer Entscheidungen hin? Sicher, es gab Nachfragen, als 2003 statt des hoch favorisierten Wladimir Khomyakov mit Kateryna Titova ausgerechnet die Schülerin des Wettbewerbsleiters Arkadi Zenzipérs den Wettbewerb gewann. Man sah sich gemüßigt, darauf hinzuweisen, dass kein Professor Stimmen für seine eigenen Schüler abgeben dürfe, ja von der jeweiligen Abstimmung komplett ausgeschlossen sei. Da jedoch auch dieses Jahr wieder ein Zenzipér-Schüler, vom öffentlichen Semifinalpublikum relativ unerwartet, im Finale des Wettbewerbs steht, muss die Frage gestattet sein, ob es überhaupt angeraten ist, Schüler von Jurymitgliedern zum Wettbewerb zuzulassen. Eine Beeinflussung der Wertungskriterien nicht nur durch den eigenen Professor, sondern auch durch andere Jurymitglieder kann in einem solchen Fall wohl nie ganz ausgeschlossen werden.

Der 1. Preis: ein Blüthner-Flügel

Auch beim St. Petersburger Anton G. Rubinstein-Wettbewerb winkte dem Gewinner ein Instrument: ein weißes Klavier der Firma Schröder, die heute kaum noch jemand kennt. Kurioserweise muss es damals Probleme bei der Ausreichung gegeben haben: weder bei Maria Yudina noch bei Wladimir Sofronitzky, beide Gewinner des Wettbewerbes, kamen die versprochenen Instrumente jemals an, wie sich die Pianistin später erinnerte. Da darf es ein achtunggebietendes Wagnis genannt werden, wenn sich heuer wiederum ein Pianohersteller bereiterklärt, dem Gewinner des Wettbewerbs einen Konzertflügel zu schenken; sind doch die Transportkosten eines Flügels nach - sagen wir - Venezuela (dem Land, aus dem die Preisträgerin von 2003 stammt) sicher kaum geringer als vor hundert Jahren.

Ein großes Lob verdient Blüthner allemal für das enorme Engagement; die ungenügende Abstimmung der eigentlichen künstlerischen Ausrichtung des Wettbewerbs auf der einen und der Pianofortefabrik auf der anderen Seite soll trotzdem nicht unerwähnt bleiben. Es ist kein Geheimnis, dass heutzutage sämtliche großen Klavierkonzerte mit Orchesterbegleitung fast ausschließlich unter Steinway-Monopol fallen. Vom Klang her, aber auch unter Aspekten der historischen Aufführungspraxis mag man das beklagen - so ist es nun einmal. Tatsächlich war zumindest im St. Petersburg der Rubinstein- bis Schostakowitsch-Zeit der Blüthner-Flügel ein viel gängigeres Instrument: beide Künstler besaßen privat einen Blüthnerflügel, der eine in weiß, der andere in schwarz (heute zu bewundern im St. Petersburger Musikinstrumentenmuseum). Der Zeitgeist diktiert aber nun einmal andere Klangvorstellungen, und Fakt ist: ein Blüthner-Flügel paßt schlecht zur musikalischen Ausrichtung des augenblicklichen Wettbewerbs. Er ist einem großen Orchester in der Semperoper einfach nicht gewachsen. Seine instrumentalen Qualitäten würden einem Kammermusikwettbewerb, einem Wettbewerb für Liedbegleitung oder einem Solo-Wettbewerb wesentlich besser zu Gesicht stehen. Wenn sich die Wettbewerbsteilnehmer (die teilweise noch nie vorher auf einem Blüthner-Flügel gespielt haben) befremdet über die Wahl des Flügels äußern, sollte das den Ausrichtern zumindest ein Anlass sein, darüber nachzudenken, ob eine leichte Veränderung des Wettbewerbsrepertoires angeraten ist, um auch den Stärken des ausgelobten Flügels besser gerecht zu werden.

Lokalitäten, Globalitäten

Das "Kleine Haus" - Ort der Austragung der Semifinals - ist ein wunderbarer Kammermusiksaal. Für ein großes Orchester, für ein romantisches Klavierkonzert ist er zu klein. Spätestens, als das Publikum zum Semifinalspiel in langen Schlangen vor der Tür ausharrte und schließlich doch einige heimgeschickt werden mußten, weil der kleine Saal aus allen Näthen zu platzen drohte, wurde das allfällige Dresdner Raumproblem wieder einmal deutlich. Nicht von ungefähr hat sich der neue Generalmusikdirektor der Semperoper, Fabio Luisi, unlängst für einen neuen Konzertsaal in Dresden ausgesprochen; der Intendant der Semperoper, Mitglied der Jury des Rubinstein-Wettbewerbs, pflichtete ihm freundlich bei. Wäre das nicht ein Projekt, das auch die Aufmerksamkeit des Forum Tiberius, in dem sich Landespolitiker wie Stadtväter, musikbegeisterte Consulting- wie andere Wirtschaftsunternehmen versammeln, verdiente?

Das Spannungsfeld "lokal-global" soll aber noch unter einem anderen Gesichtspunkt angesprochen werden. Die Qualität des Wettbewerbs, dessen Ausrichter stolz darauf hinweisen, er habe sich "zu Recht in die Spitzenklasse internationaler Wettbewerbe etabliert" [sic], bleibt hinter dem erwarteten Anspruch bisher zurück. Wer dem Finalisten als Lokalität für das Folgekonzert das Kulturzentrum "Parksäle" im beschaulichen Dippoldiswalde (eine Kleinstadt mit knapp über 10.000 Einwohnern auf dem halben Weg von Dresden nach Tschechien) anbietet, darf dort nicht mit allzugroßer internationaler Aufmerksamkeit rechnen. Diese - mit Verlaub - Fehlplanung sollte schnellstens korrigiert werden, zumal der Wettbewerb ja damit wirbt, die Teilnehmer präsentierten sich "genau jenem Personenkreis [...], der tatsächlich den Sprung in die professionelle Pianistenlaufbahn ermöglichen kann. Die Türen für eine internationale Karriere stehen in Dresden weit offen!"

Das an sich einzigartige Konzept, der Karriere junger Pianisten durch einen Wettbewerb mit internationaler Öffentlichkeit auf die Beine zu helfen und sie vor allem auch weiterhin auf ihrem Lebensweg zu begleiten, ist grandios und sollte in Zeiten, da Jungstars schneller verheizt sind, als ihre Ausbildung an Zeit in Anspruch genommen hat, viel öfter aufgegriffen werden - nur funktioniert es in Dresden offenbar noch nicht. Die erste Gewinnerin des Wettbewerbs im Jahr 2003, Alicia Martinez, ist zwar bei der Tiberius-Künstlerförderung gelistet; ihre hiesige Wettbewerbsteilnahme jedoch noch nicht einmal erwähnt. Eine optimale Karriereförderung - das ist am Beispiel der letzten Gewinnerin des Wettbewerbs, der jungen Ukrainerin Kateryna Titova, deutlich geworden - sieht anders aus. Der online einsichtige Terminkalender der jungen Dresdner Pianisten nennt zuletzt Termine, die bereits ein halbes Jahr zurückliegen; aus den Medien ist weiterhin nur ein Auftritt bei der Musikmesse "Popkomm" bekannt. Hier müßte sich die existierende Künstlerförderung des Forum Tiberius viel ernsthafter mit der weiteren Karriereplanung der jungen Preisträger (und vielleicht nicht nur des Gewinners?)auseinandersetzen, ihnen in mehr Folgeveranstaltungen ein weites öffentliches Forum bieten. Damit würde der Dresdner Anton G. Rubinstein-Klavierwettbewerb seinem hoffentlich ernsthaften Anspruch, international zukünftig einen wichtigen Stellenwert einzunehmen, ein weiteres Stück näherkommen.

von Martin Morgenstern

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