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Sonntag, 1. August 2021

Ein kleines, aber feines Festival

AlpenKLASSIK

Ein singuläres Projekt, die Liederwerkstatt im Rahmen der AlpenKLASSIK.

Ein apartes Festival ist die AlpenKLASSIK im Kur- und Urlaubsdomizil Bad Reichenhall, in unmittelbarer Nähe zum musikmächtigen Salzburg. Die künstlerische Leiterin Kari Kahl-Wolfsjäger drückte auch der dritten Edition unverwechselbar ihren Stempel auf. Natürlich wird mit einem locker gestrickten Programm-Mix dem Publikum ein wenig nach dem Mund geredet: mit erlesener Klassik und Romantik, mit Liedrecitals, Duo-Abenden, einer Stange Mozart wie „Mozart, Money, Marzipan“, „Mozart und die Frauen“, ferner zigeunerhaften Klängen und Klavier-Soirees mit Candle-Light Dinner. Nicht zu vergessen die Spezialität nach Bad Kissinger Modell, ein Marathon von 12 Stunden, in dem Nachwuchsstars und preisgekrönte Teilnehmer der Kissinger Klavierolympiaden in einem abwechslungsreichen Programm attraktive Auftritte absolvieren.

Welch singuläres Projekt, die auch im dritten Jahr zu erlebende Reichenhaller Liederwerkstatt. An zwei Abenden wurde einer begeisterten Zuhörer-Runde im historischen Ambiente des Prinzregent Luitpold Saal das präsentierte, was eine Garde junger aufstrebender Sänger dem Sinngehalt von Heinrich Heine Texten musikalisch auf die unterschiedlichste Art zu entlocken verstand.

Der vor 150 Jahren verstorbene Schriftsteller, Kritiker und Publizist Heine vermittelt in seinen Texten aufgrund seiner feinen, kritisch-ironischen Beobachtung ein reiches Bild von politischen wie kulturellen Strömungen der Restaurations- und Vormärzzeit. Bis heute zählt Heine dank seiner Lyrik zu den meist vertonten Schriftstellern, vor allem was das klavierbegleitete Sololied anlangt. Uraufführungen und klassische Vertonungen seiner Gedichte aus der Feder von Robert Schumann, Franz Schubert, Franz List, Othmar Schoeck, Johannes Brahms u.a. sprechen für eine große stilistische Spannweite.

Auch in diesem Jahr brachte Kari Kahl-Wolfsjäger das Kunststück zuwege, sechs Komponisten-Persönlichkeiten vom Schlage eines Moritz Eggert, Wilhelm Killmayer, Wolfgang Rihm, Aribert Reimann, Isabel Mundry und Manfred Trojahn nach Reichenhall zu holen. Das geschah mit der Absicht, den zeitgenössischen Createuren kompositorisch Neues auf Texte von Heinrich Heine abzuverlangen. Eine Woche lang haben die Komponisten mit Sängern und Pianisten neue Werke einstudiert, auch Fassungen korrigiert, modifiziert, sie ergänzt und hie und da auch unter gesangstechnischen Aspekten den Wünschen der Interpreten angepasst. Ein richtiges „Work in progress“, zugleich Herausforderung für Komponisten und Interpreten, die bizarren Traumbilder, ironischen Tönungen wie Disparitäten der Themen durch adäquate metrisch-rhythmische Strukturen und melodische Linien Musik werden zu lassen.

Heine zu „Seraphine“ - wie Wolfgang Rihm expressiv die Texte der sieben Gesänge auslotet, beeindruckt durch höchste handwerkliche Souveränität und bezwingende Intensität. Alles effektvoll gebaut, diese Spannungsfelder zwischen expressiven Steigerungen und kontemplativen Deklamationen.

Wolfgang Rihm schwärmte schon im vergangenen Jahr von positiven Erfahrungen, die ihm in der Vorbereitungszeit mit den Sängern widerfuhren: „Für mich ist die Erfahrung, die ich immer machen darf, dass Interpreten, wenn sie sich auf meine Musik einlassen, dann auch damit wachsen. Und das ist etwas sehr Schönes und macht mich sehr glücklich, und ich bin dankbar dafür“. Als profunde Mittler der Musik empfahlen sich Mareike Morr, die im Vortrag mit Jan Philip Schulze beachtliche Ausdruckskraft verrieten.

Auf eine richtige Koloraturenachterbahn schickte der unlängst seinen siebzigsten Geburtstag feiernde Aribert Reimann den Sopran Mojca Erdmann mit vier Sologesängen „Ollea“. Atemnehmend wie die Sängerin die irrwitzig schweren Tonsprünge in den Griff bekam: eine radikal bis zum hysterischen Ausdruck hochgeputschte Komposition. Die drängenden Gesten, der abrupte Wechsel zwischen gesungenen und gesprochenen Passagen, zogen in den Bann.

Weniger überzeugte allerdings Isabel Mundry mit „Wenn“ und „Wer“ (Lieder, mit und ohne Worte). Beim Versuch, mit Klängen zu verführen, begnügt sich die Komponistin mit lang ausgehaltenen Tönen, die zum Phrasenende hin in wirres Silbengestammel münden. Im Wechsel zwischen Felicitas Fuchs und dem begleitenden Axel Bauni entstand ein recht maniriertes Gebräu, das dem Hörer verbrauchtes musikalisches Vokabular zumutet, doch die Identifikation mit der dichterischen Vorlage vorenthält. Sehr mager, dieser innovatorische Ertrag der Frankfurter Professorin für Komposition.

Immerhin beherrscht Moritz Eggert die Kunst, aus subtilen sprachmusikalischen Sujets von Heine (Der Ungläubige, Erinnerung, der Abgekühlte) das Hintersinnige, das ironisch Gemeinte musikalisch so zu verarbeiten, dass durch adäquate metrisch-rhythmische Strukturen und melodisch vibrierende Linien fesselnder Liedgesang entsteht. An gestalterischer Ernsthaftigkeit blieben bei der fabelhaften Felicitas Fuchs und dem begleitenden Komponisten wohl keine Wünsche offen.

Zu den bereits vorliegenden Kompositionen aus dem „Heine-Porträt“ (l994/95) fügte Wilhelm Killmayer „Ali Bey“ hinzu, das die Vorliebe für das kantabel Liedhafte verrät. Eine einfache, höchst griffige Musik von durchwegs tonaler Architektur, für die sich prächtig Hans Christoph Begemann und Moritz Eggert engagierten.

Manfred Trojahns Ausdrucksästhetik verrät in „Die kleinen Lieder“ (Neun Gesänge für Bariton und Klavier) eine eher gemäßigt moderne an die späte Romantik anknüpfende Lesart von beachtlicher Kunstfertigkeit. In der dynamisch aufgezogenen Wiedergabe durch Hans Christoph Begemann und Axel Bauni gewinnt die Komposition prägnante musikalische Gestalt.

An beiden sehr gut besuchten Abenden blieben bei den uraufgeführten Werken interpretatorisch kaum Wünsche offen, wenngleich manche Interpreten beim Vortrag des klassischen Liedgutes (Brahms, Schubert) in puncto farblicher Nuancierung, dynamischer Abstufung sowie textnaher Deklamation noch reifen könnten. Dass die kammermusikalische Bühne mit anderen Maßstäben zu messen ist als der Operngesang, sollte der stimmlich bei Franz Schubert (Atlas, Doppelgänger) arg outrierende Bariton Hans Christoph Begemann wohl bedenken. So souverän Mojca Erdmann sich im zeitgenössischen Repertoire ihre Lorbeeren auch immer verdient, könnte sie beim Umgang mit Liedgut von Johannes Brahms in den Stimmungswerten subtiler dosieren. Ob die mitunter allzu pedalfreudig wuchtig auftrumpfende Klavierbegleitung (Axel Bauni, Jan Philip Schulze) der Gattung des Kunstliedes angemessen ist, bleibe dahingestellt. Pauschaler Klavierdonner bei Franz Schubert? Sprengt das nicht den intimen kammermusikalischen Rahmen?

Es machte Eindruck, wie sich in der dritten Ausgabe von AlpenKLASSIK – sie endete mit einem Recital von Jean-Yves Thibaudet – vor allem junge Künstlerprofile ins Szene setzten. Sie sollen künftig das Erscheinungsbild des jungen Festivals positiv prägen.

von Prof. Prof. Egon Bezold

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