> >
Samstag, 17. November 2018

Deutschlands publikumsstärkstes Klassikfestival wird kaputtgespart

Dresdner Musikfestspiele 2006 - Abstieg in die Zweite Liga?

Wir schreiben das Jahr 2006. Ganz Deutschland ist von ballspielenden Horden besetzt... Ganz Deutschland? Nein! Eine von unbeugsamen Kulturliebhabern bevölkerte Stadt hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten. Zeitgleich fanden hier in den letzten Wochen der inzwischen international angesehene Wettbewerb ?Competizione dell'Opera" (klassik.com berichtete) und die Dresdner Musikfestspiele statt ? ein Festspiele-Klassiker, seit fast dreißig Jahren geliebt und stets gern besucht von den Elbtalbewohnern und ihren Gästen.

Nun dräuen jedoch dunkle Wolken am Horizont. Sicher, die Stadt ist seit kurzem schuldenfrei ? aber auf dem Weg dorthin sind nicht nur die mittlerweile UNESCO-geschützten Elbwiesen, sondern auch die kulturelle Landschaft des Elbtals harten Prüfungen unterzogen worden. Der Oberbürgermeister hatte schon einmal laut darüber nachgedacht, die städtische Förderung für das Festival auf Null herunterzufahren; nur durch einen Proteststurm der Dresdner ließ sich der Stadtrat denn doch zu einer Verlängerung der Förderung überreden. Allerdings müssen die Musikfestspiele 2007 mit einem um satte 30 Prozent verringerten Budget haushalten; eine unlösbare Aufgabe, wenn die Qualität der Veranstaltungen nicht leiden soll.

So wehte denn auch etwas Wehmut durch die diesjährige, künstlerisch wiederum hochkarätige Auflage der Veranstaltungen. Deutschlands publikumsstärkstes Klassikfestival (2006: 140.000 Besucher) wird rabiat zusammengekürzt werden. Die traditionelle Eröffnungsveranstaltung ?Ouvertüre im Grünen", die segensreiche Reihe der Carte-Blanche-Künstler (Peter Rösel, das Kronos Quartett, Roderich Kreile, Gidon Kremer, Peter Schreier, Kurt Masur, Murray Perahia ? sie alle haben die Festspiele durch zahlreiche Sonderkonzerte thematisch bereichert), der ?Meißner Musik-Marathon" ? das alles ist gestrichen. Die Gesamtanzahl der Konzerte wird von 108 auf 64 fast halbiert. Die ständigen Unsicherheiten, was beispielsweise die Verlängerung des Intendantenvertrages über 2008 hinaus betrifft, machen eine kontinuierliche Arbeit, die Verpflichtung international gefragter Künstler für die Zukunft unmöglich. Ist es doch ? außer der normalen organisatorischen Planung, die bei Konzertreihen dieser Größenordnung meist vier, fünf Jahre vor dem eigentlichen Termin beginnt ? auch die Persönlichkeit des Intendanten, durch die sich die Musikfestspiele in den letzten vier Jahren wieder zu einem der beliebtesten Festivals klassischer Musik gemausert haben, und durch die immer wieder außergewöhnliche Konzertereignisse möglich werden. Bei einem im Vergleich fast lächerlich zu nennenden Gesamtbudget wären Konzerte wie das der Berliner Philharmoniker in der Dresdner Semperoper gar nicht denkbar ohne Hartmut Haenchens unermüdliches Engagement für ?sein" Festival: so widmete etwa Sir Simon Rattle sein Dirigat den Bürgern Dresdens und ihren Gästen, ?als Zeichen der Freundschaft zwischen Großbritannien und Deutschland" ? und dirigierte ohne Salär.

Heilige Brücken

Über 2.500 Mitwirkende haben die Musikfestspiele, die sich im Jubiläumsjahr der Stadt dem Themenkreis ?Glauben ? Verständnis, Toleranz, Kritik" widmeten, zu einem enormen Erfolg werden lassen, darunter Namen wie Nikolaus Harnoncourt, Yundi Li oder Frank Peter Zimmermann. Bereits im Eröffnungskonzert zeigte sich, wie ausgezeichnet der Intendant Hartmut Haenchen es versteht, alle Arten von Brücken zu bauen: In Mahlers Zweiter, der ?Auferstehungssinfonie", vereinigte er als Dirigent das Japan Philharmonic Orchestra, die Solistinnen Alexandra Coku und Birgit Remmert und einen gigantischen Chor (450 Sänger) zu einer in ihrer Einfühlsamkeit erschütternden Wiedergabe, deren Qualität die fast dreitausend Zuhörer in der Kreuzkirche bewegt mit stehenden Ovationen belohnten. Auch die Brücken in die diesjährige Gaststadt (Rom) waren meisterhaft geschlagen, etwa im Konzert ?Händel in Rom" mit Emma Kirkby und London Baroque. Ergreifend auch das Konzert der King's Singers in der wiedererstandenen Dresdner Frauenkirche: gemeinsam mit dem Ensemble Sarband stellten die Engländer christliche, jüdische und muslimische Psalm-Vertonungen des 16. und 17. Jahrhunderts einander gegenüber.

Unwiederbringliche Erlebnisse

Eine der gelungensten Ideen der Musikfestspiele unter Haenchens Prägung ist sicherlich die der ?Reisen zur Musik": auf organisierten Busreisen unter fachkundiger Begleitung durch den Intendanten erkundet man einen Tag lang das musikalische Umland der Residenzstadt, entdeckt musikalische Kleinodien. Wer da einmal mitgekommen ist, einen international gefragten Solisten hautnah in einer winzigen Dorfkirche hat spielen hören, der kommt wieder ? garantiert.

Daß George Bähr beim Wiederaufbau der abgebrannten Stadtkirche im beschaulichen Örtchen Hohnstein schon einige architektonische Ideen durchspielte, die später in den Entwurf der Dresdner Frauenkirche mit einflossen, mag man sich gern vorstellen. Zu Gast war hier Daniel Müller-Schott mit einem ambitionierten Programm: Bernd Alois Zimmermanns ?Sonate für Cello solo" (1960), Benjamin Brittens Suite Nr. 3 op. 87, und als Zugabe einen Penderecki ? mit so einem Programm jemanden hinter dem heimischen Ofen hervor in die sächsische Provinz zu locken, ist nicht ganz einfach. Die, die sich getraut hatten (das Kirchenschiff war bis auf den letzten Platz besetzt), erlebten ein denkwürdiges Recital, wurden später am Tag mit Bibers ?Rosenkranz-Sonaten" durch das Ensemble Lyriarte belohnt und beschlossen die denkwürdige Klangreise in der Pirnaer St. Marien-Kirche mit einem Konzert des Hilliard Ensembles und Christoph Poppen (Violine).

Ausblick

Wenn Sie jetzt doch Appetit auf einen Ausflug nach Dresden bekommen haben: das Programm der Dresdner Musikfestspiele 2007 (Thema: ?Landschaften") hat der Intendant beim diesjährigen Abschlußkonzert in der Dresdner Kreuzkirche bereits vorgestellt. Gaststadt wird im nächsten Jahr Helsinki sein; Alfred Brendel, Heinrich Schiff und Gidon Kremer werden nach Dresden kommen, und Namen wie Henze, Cage oder Hosokawa bieten auch für Liebhaber der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts Anreize. Auch wenn der 1. FC Dynamo Dresden dann wieder in der Regionalliga spielt: die vielfältigen kulturellen Ereignisse sind es doch, für die die Stadt Dresden nach wie vor weltbekannt ist. Ein deutliches (auch finanzielles) Bekenntnis zu den Dresdner Musikfestspielen, und endlich, endlich einen richtigen Konzertsaal, das wäre es, was der Kulturbürgermeister sich und der Stadt wieder gut lesbar auf die gelb-schwarze Fahne schreiben sollte. Brücken hat die Stadt genug.

von Martin Morgenstern

Dresdner Musikfestspiele 2006 - Abstieg in die Zweite Liga?
Dresden singt und musiziert ? zukünftig leider weniger Hinter dieser Tür spielt Daniel Müller-Schott gleich die erste Solo-Suite von Johann Sebastian Bach. Sacred Bridges - das Konzert der King's Singers in der Frauenkirche

Klicken Sie auf ein Bild, um die Fotostrecke zu starten (4 Bilder).

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2018) herunterladen (4200 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Franz Lehár: Kaiserin Josephine - Ich heiße Sie alle ganz herzlich willkommen!

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich