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Mittwoch, 28. Juni 2017

Ein Interview mit dem Juror Jürgen Meyer-Josten

„Musik muss reifen“

Ich treffe Jürgen Meyer-Josten in der Lobby seines Hotels. Er ist neben Peter Cossé der zweite Deutsche in der elfköpfigen Jury. Die arktischen Temperaturen und die unverschämt lauten künstlichen Wasserfälle treiben uns sofort in höhere Regionen des weitläufigen Gebäudes. Dort prasselt zwar beleidigend schlechte Popmusik hernieder, doch immerhin ist es wärmer, so dass es sich eineinhalb Stunden aushalten lässt. Jürgen Meyer-Josten hat über drei Jahrzehnte den ARD-Wettbewerb geleitet, er ist Pianist und erfahrener Juror. Es dauert keine Sekunde und wir schwärmen über das süd-östliche Bayern, aus dem ich stamme und wohin er sich nach seiner Pensionierung mit seiner Frau und einem Ibach-Flügel zurückgezogen hat.

Thomas Vitzthum im Gespräch mit Jürgen Meyer-Josten

Herr Meyer-Josten, was spielen sie auf ihrem Ibach am liebsten?
Solange ich noch aktiv als Pianist tätig war, standen Schumann, Bach, Brahms und Beethoven im Zentrum meiner Bemühungen. Meine Vorliebe gilt bis heute vor allem Schumann und dem 19. Jahrhundert, weil es mir auf den Klang ankommt. Der Umgang mit Klang ist für mich als Juror sehr entscheidend. Es geht mir nicht darum, wie rasend schnell ein Pianist spielen kann, auch Fehler sind nicht so entscheidend. Mich interessiert, was er mit dem Klang, mit dem Instrument, mit der Musik macht.

Wie kommen die Entscheidungen der Jury zu Stande?
Ganz einfach. Jeder münzt seine Meinung in eine Ziffer um, die zwischen 1 und 25 liegen muss. Wollte man jemanden über die 1. Runde hinauskommen lassen, dann musste man ihm über 12 Punkte geben, in der 2. Runde über 13. Wir sind gehalten, die Skala möglichst gut auszunutzen, damit ein präzises Bild der Leistungen herauskommt. Jeder gibt anschließend seine Zahlen ab und die Computer rechnen das Ergebnis demokratisch aus. Die oberen sechs haben das Halbfinale gewonnen.

Warum hat die Entscheidung für die Finalisten trotzdem eineinhalb Stunden auf sich warten lassen?
Jedenfalls nicht auf Grund von Diskussionen. Ich bin ganz gegen Diskussionen in der Jury, denn wohin sollte das führen? Wir sind alle keine heurigen Hasen mehr, sondern haben unsere festen Meinungen.

Warum finden sich keine berühmten Solisten in der Jury? Fehlen sie nicht?
Nein, denn prominente Künstler erwarten, dass ihre Meinung die ausschlaggebende ist. Denken sie an den furiosen Abgang von Martha Argerich beim Warschauer Chopin-Wettbewerb als man Ivo Pogorelich nicht weiterkommen ließ. Außerdem kriegen sie die herausragenden Namen nicht, um für drei Wochen einen Wettbewerb zu verfolgen. Wenn man sie nur für die Finalrunde holen würde, dann hätte das zur Folge, dass die beständigen Pianisten, die über alle Runden ein gleich bleibend hohes Niveau halten, nicht davon profitieren könnten.

Was halten sie von Wettbewerben?
Wettbewerbe sind eigentlich gegen die Musik. Es sind Veranstaltungen, die helfen, junge Menschen zu entdecken und zu fördern. Es sind weniger Veranstaltungen, auf der die Höhepunkte der Interpretationsgeschichte zu erleben sind.

Werden zu wenig Klassiker gespielt, zu wenig Mozart, Haydn, Schubert, auch Beethoven?
Sie werden vielleicht zunehmend zu wenig gespielt. Man kapriziert sich mit der Romantik und der klassischen Moderne, weil das den besten Effekt macht. Jemand der einen exemplarischen Schubert vortrüge, fiele positiv auf. Ich glaube, dass der Umgang mit diesen Komponisten durch die größer werdende zeitliche Distanz zu ihrer Epoche immer schwieriger wird. Auch darum werden sie weniger gespielt.

Wird zu schnell gespielt?
Natürlich, das liegt an unserer Zeit. Nicht nur unser ganzes Leben wird von Hetze diktiert, auch die Musik ist davon betroffen. Das ist tödlich für Musik und alles, was Reife braucht. Die jungen Pianisten haben keine Zeit mehr, zu reifen. Ein Problem sind auch die Lehrer, die sich durch ihre Studenten und die Vielzahl ihrer gewonnenen Wettbewerbe profilieren wollen und die jungen Menschen zu früh loslassen.

Haben Sie nicht ein schlechtes Gefühl, diesen Entwicklungen als Juror Vorschub zu leisten?
Nein, denn ich gebe meine Stimme nur denjenigen, von denen ich überzeugt bin, dass sie morgen auf den Podien sitzen könnten. Als Wettbewerbsleiter habe ich die schlechte Erfahrung gemacht, dass die Leute schnell vom Musikleben verheizt werden. Die Agenten stören sich nicht daran, wenn das Repertoire nur für eineinhalb Saisonen ausreicht. Dann nimmt man eben den nächsten Preisträger. Musiker als Einwegflaschen. Sollte man aber nun gar nichts mehr machen oder versuchen aktiv etwas zu ändern, indem man Gewinner kreiert, die alldem gewachsen sind?!

Warum hat kein Cliburn-Gewinner der letzten 20 Jahre eine Weltkarriere gemacht?
Ich glaube, es liegt am Überangebot an Preisträgern. Auf 110 zählen die Wettbewerbe, die heute allein in der Vereinigung internationaler Musikwettbewerbe zusammengeschlossen sind. Und wenn es ernst wird, sind viele dem, was auf sie zukommt, nicht gewachsen – psychisch und physisch.

Wie beurteilen Sie den Beitrag der Kammermusik im Wettbewerb?
Die Kammermusik ist natürlich problematisch. Man kann keine wirkliche Kammermusik machen, wenn man nur eine einstündige Probe absolviert hat. Eigentlich sind wir hergekommen, um Solopianisten zu küren. Die Quintette sind vielleicht ein Zugeständnis an die Bevölkerung, die nicht an Kammermusik gewöhnt ist.

Haben sie noch Vorbehalte gegenüber den Asiaten?
Nein, im Gegenteil. Die Japaner gehen vielleicht zu wenig aus sich heraus. Die Südkoreaner sind schon deutlich lockerer, die freiesten aber sind die Chinesen. Sie explodieren manchmal geradezu vor emotionalem Mitteilungsbedürfnis.

Was kann man von den jungen Pianisten lernen?
Ich muss ehrlich gestehen, dass ich künstlerisch nichts lernen kann, es ist alles schon einmal da gewesen. Aber der entspannte Umgang mit Medien und moderner Technik ist beneidenswert. Meine Nerven flatterten in meiner Jugend noch heftig, wenn ein Konzert direkt über den Rundfunk ging. Die jungen Pianisten halten das aus. Sie haben die Fähigkeit sich zu konzentrieren, egal ob sie vor zehn oder zehntausend Zuhörern spielen. Das finde ich bewundernswert.

von Thomas Vitzthum

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