Benjamin Britten war schwul, und das war gut so. Aber auch für Britten selbst? Seine Lebens- und Liebesbeziehung mit dem Tenor Peter Pears war, gesetzlich betrachtet, bis zum Ende der 60er Jahre verboten. Die inzwischen geradezu ins Groteske verzerrte, total übersättigte Präsenz und Penetranz des Themas Homosexualität in all ihrer Plakativität lässt heute kaum mehr daran denken, welchem Druck ein Künstler wie Britten ausgesetzt gewesen sein muss, als Homosexualität noch unter Strafe stand. Jeder wusste von seiner sexuellen Neigung (immerhin wurden Britten und Pears 1953 ob ihrer Homosexualität zum Verhör zitiert), doch herrschte nobles Stillschweigen. Offenbar im Zugzwang der anscheinend so wichtigen Aufarbeitung gleichgeschlechtlicher Beziehungen unter Künstlern hat die Musikwissenschaft dieses angeblich wichtige Thema ‚Homosexualität’ schon längst aufgegriffen und so manchen unglückseligen Forschungszweig etabliert. Auch auf die Gefahr hin, gelyncht zu werden, sagt der hier Schreibende: Es gibt wichtigere und fruchtbarere Themen der Musikwissenschaft als Untersuchungen, ob es ein männliches oder weibliches Komponieren gibt, ob es gleichsam ‚schwule’ Musik gibt und wer unter den namhaften Komponisten der Musikgeschichte dem gleichen Geschlecht zugetan war. Man gehe bitte in sich und frage sich, welchen wirklich effektiven Nutzen dies für die Erkenntnisgewinnung innerhalb der Musikgeschichte haben soll. Wer käme denn ernsthaft auf die Idee, nach dem Hören von Brittens, Tschaikowskys oder Händels Musik zu fragen: ‚wie schwul ist das denn?’
In ihrem Film ‚The Hidden Heart – A Life of Benjamin Britten and Peter Pears’ aus dem Jahr 2001 stellt sich Teresa Griffiths diese Frage gottlob nicht. Die Liebesgeschichte Brittens und Pears’ in drei Teilen, die bereits auf ARTE im Fernsehen – und ebenfalls bereits in Wiederholung – zu sehen war, ist eine fulminante Hommage an eine Liebesbeziehung, deren sexuelle Couleur in rein musikalischer Hinsicht keinerlei Rolle spielt. Eine Hommage indes, die auch um Brüche und Eigenheiten der künstlerischen Entwicklung von Britten und Pears keinen höflichen Bogen macht, in ihrer Art der Präsentation aber größte Höflichkeit wahrt.
Eine Liebesgeschichte in drei Stücken
Drei Wegmarken, gleichsam drei Stationen der künstlerischen Laufbahn Brittens in Relation zu seiner Beziehung mit Peter Pears bilden den Rahmen für Griffiths’ Filmporträt: Die Oper 'Peter Grimes’, das 'War Requiem’ und Brittens letzte und autobiographischste Oper 'Death in Venice’. Wegmarken einer der erstaunlichsten Musikerkarrieren des 20. Jahrhunderts mittels Wochenschauberichten, Super-8-Filmen, Probenausschnitten und eigens inszenierten Szenen, von keinem Off-Sprecher geschildert, sondern samt und sonders in Interviewausschnitten kommentiert von Weggefährten, Freunden und Verwandten Brittens und Pears’, die da sind Sue Phipps, die Nichte von Peter Pears; Rita Thomson, Brittens Krankenschwester; der Countertenor James Bowman; die Dowager Countess of Cranbrook, eine Freundin der beiden; natürlich Donald Mitchell, Freund und Herausgeber der Briefe Brittens; John Amis, Musikkritiker; John Evans, Musikchef von BBC Radio 3; Leonard Thompson, der in der Uraufführung von 'Peter Grimes’ den ersten Lehrjungen spielte; Lord Harewood; Galina Wischnewskaja und Mstislav Rostropowitsch; Heather Harper und nicht zuletzt Brittens Neffe. Britten und Pears selbst kommen zu Wort – in ihren Liebesbriefen, deren Intensität verrät, wie eng verbunden die beiden sich waren. An sich ist dies keine neue Erkenntnis. Auch nicht, dass Pears gewissermaßen das Sprachrohr Brittens war und dass Britten aufgrund seiner Verletzbarkeit, Fragilität und Anfälligkeit gegenüber Kritik eine Clique um sich scharte, die ihm den Rücke stärkte, freihielt und ihm das Gefühl von Sicherheit gab, das er brauchte, um kreativ sein zu können. All dies im Film Angesprochene ist nicht neu. Neu hingegen ist der Ansatz von Teresa Griffiths, diese Aussagen in den fokussierenden Kontext der drei wegmarkierenden Werke zu stellen. Einen geradezu genialen Einstieg findet die Filmemacherin in Wellen, die sich am Strand von Aldeburgh brechen, begleitet vom fünften Zwischenspiel zu Beginn des dritten Akts aus ‚Peter Grimes’. Hier nämlich wird die poetische Überhöhung des Meeres, die in der englischen Musik eine so eminente Rolle spielt, sogleich gebrochen, und das in doppelter Hinsicht: filmisch als sich brechende Wellen, musikalisch durch das An- und Abschwellen der Dynamik des Zwischenspiels 'Moonlight’ und dessen trügerische Unschuld. Damit spricht Griffiths auf kongeniale Weise das Kernthema Brittens an: die Unschuld und das Verlieren der Unschuld durch Erfahrung. Die Qualität der Unschuld, die Britten meinte und in seiner Musik auszudrücken versuchte, ist von tödlicher Naivität geprägt, und sie hat zugleich etwas Elitäres, Arrogantes und Verachtenswertes, weil Kindheit, Jugend und Schönheit in ihrer Unverbrauchtheit damit kokettieren dürfen, während man sich durch Erfahrung ihres Verlusts nur allzu deutlich bewusst wird. Damit zurecht zu kommen war für den homosexuellen Britten umso schwerer, als er durch seine Neigung ein Ausgegrenzter war, ein in sich gekehrter Außenseiter, der sich nur in seiner Musik auslebte. Dies alles kommt in diesem Film wunderbar zur Geltung. Schlüssigerweise hat Teresa Griffiths Brittens und Pears’ Filmporträt in den aufeinander folgenden drei Teilen stets abgezirkelt in Biographisches, Entstehungsgeschichtliches und Rezeptionsgeschichtliches. Auf extensive musikalische Analysen hat sie hierbei verzichtet und stattdessen das Menschliche, manchmal allzu Menschliche, in den Mittelpunkt gestellt. Und den Zuschauer mitunter in ein Wechselbad der Gefühle getaucht. Während James Bowman mit glasigen Augen ein bisschen Britten-Anbetung betreibt, üben John Amis und Lord Harewood Kritik an Brittens Menschenbehandlung: wenn Leute ihm nicht mehr von Nutzen waren, ließ er sie fallen. Überhaupt haben die mehr als 30 Jahre, die nach Brittens Tod vergangen sind, die Kritikfähigkeit der ‚Britten-Clique’ geschult, denn ausgerechnet aus dem Munde derer, die zum festen Stamm dieser Clique zählten, kommen nun Worte, die der sonst üblichen Britten-Pears-Verklärung nötige Gegenpole setzen. Auf diese Weise zeichnen sie ein sehr umfassendes Bild der beiden Partner in menschlicher und künstlerischer Hinsicht. Umfassender scheint mir dieses Bild bislang noch nie gezeichnet worden zu sein.
Die 78 Minuten Filmlänge hätten gut und gerne noch mit Bonusmaterial aufgestockt werden können. Immerhin können die Zuschauer bestens übersetzte Untertitel auf Deutsch und Französisch wählen. |