John Adams ist mehr als ein bedeutender Gegenwartskomponist. Der 1948 geborene Amerikaner scheut keine Kontroversen und setzt sich in seinen Bühnenwerken immer wieder auch mit schwierigen Fragen wie Terrorismus, Migration und Krieg auseinander. In seiner bisher längsten Oper ‘Doctor Atomic’ legt Adams den Finger auf die größte Wunde der jüngeren amerikanischen Geschichte: den Abwurf von Atombomben über zwei japanischen Großstädten am Ende des Zweiten Weltkrieges.
Apokalyptischer Weltenzerstörer
‘Doctor Atomic’ versucht sich gar nicht erst an einer Darstellung des nuklearen Grauens von Hiroshima und Nagasaki. Stattdessen konzentriert sich die Handlung auf die letzten 24 Stunden, die dem ersten Atomtest vom 16. Juli 1945 in der Wüste von New Mexico vorangingen. Adams langjähriger Wegbegleiter und Regisseur Peter Sellars verfasste anhand historischer Quellen ein Libretto, in dessen Zentrum J. Robert Oppenheimer steht. Sellars zeigt den ‘Vater der Atombombe’ und Leiter des Manhattan-Projekts als einen modernen Faust, der zwischen den auseinanderstrebenden Gegensätzen seiner Rollen als apokalyptischer Weltenzerstörer und treusorgender Ehemann zerrissen wird.
Eindringliche Arien
Adams Musik packt den Zuhörer wie ein unerbittlicher Countdown. Spannung und Nervosität wachsen kontinuierlich bis zu dem Moment, an dem Zeit- und Musikebenen im infernalischen Feuerball der Bombe zusammenfallen. Die Orchestersprache ist schroff und zerklüftet wie Licht und Schatten auf einem expressionistischen Holzschnitt. Die Partitur verschränkt sakral wirkende Chorpassagen und intimen Szenen miteinander, in denen wiedererkennbare Motive und lyrische Momente Halt geben. Die großen monologisierenden Arien der Hauptfiguren gehören zum Eindringlichsten, was zeitgenössische Oper zu bieten hat.
Wirklichkeit und Fiktion
2005 wurde ‘Doctor Atomic’ als Koproduktion mit Amsterdam und Chicago in San Francisco uraufgeführt. Als die Oper an der Nederlandse Opera aufgezeichnet wurde, war Peter Sellars nicht nur für die Inszenierung, sondern auch für die Video-Regie verantwortlicht. Wie in seinem Libretto lässt Sellars Wirklichkeit und Fiktion ineinandergreifen. Choreographische und quasi-oratorienhafte Passagen heben den Stoff auf eine surreale Ebene, die in starkem Kontrast zu den genau rekonstruierten historischen Schauplätzen und Handlungsabläufen steht. Aus diesen unterschiedlichen Elementen formt Sellars eine bedrückende und berauschende Bildersprache.
Ellen Rabiner, ein Naturereignis
Und die Sänger? Gerald Finley verdeutlicht, wie sehr Oppenheimer zwischen der Faszination der Macht und der Macht des Gewissens hin- und hergerissen ist. Die zentrale Arie ‘Batter my heart’ auf ein Gedicht von John Donne gestaltet er als erschütterndes Psychogramm, in dem für Adams ein ‘nahezu unerträgliches Selbstbewusstsein’ und der Kampf zwischen Gut und Böse, Dunkelheit und Licht ausgedrückt wird. Jessica Rivera verkörpert Kitty Oppenheimer als halbbewusste Botin des Unheils und archetypische Frau und Mutter. In der lyrischen Koloratur-Partie kann sie ihre geschmeidig geführte Stimme leuchten lassen. Als indianisches Dienstmädchen Pasqualita ist die Altistin Ellen Rabiner ein Naturereignis. Auch das restliche Ensemble ist mit Thomas Glenn (Robert Wilson) und Richard Paul Fink (Edward Teller) überzeugend. Dirigent Lawrence Renes bündelt die Fliehkräfte der Partitur, behält den Überblick und lässt die Spannung keine Sekunde lang nachlassen. Diese DVD hat Referenzcharakter. |