‚Wie ist es [...] möglich, dass sich Musiker im Ensemble einigen und die mathematisch ‚unkorrekten’ Metren letzten Endes doch sehr genau untereinander abstimmen können? Und was passiert dabei physiologisch gesehen im Inneren des Musikers? Was gibt dem Musiker den Inneren Takt? Dieser Frage soll in der vorliegenden Arbeit auf den Grund gegangen werden.’
‚Vorliegende Arbeit’ wurde an der Berliner Humboldt-Universität verfertigt, als Magister-, mithin Abschlussarbeit eines musikwissenschaftlichen Studiums. Tilo Hähnel, ihr Verfasser, konstatiert ein Forschungs-, oder eher: Darstellungsdesiderat. Es klaffe eine ‚interdisziplinäre Lücke’: Zwar gebe es eine ‚Fülle von Literatur zum Thema ‚Timing’ und ‚innere Uhr’, aber offenbar kein Werk, das die verschiedenen Ansätze überblicksartig zusammenfasst.’ Damit ist der hohe Anspruch dieses Bandes bezeichnet.
Um es vorwegzunehmen: Tilo Hähnel ist seiner Aufgabe durchaus gewachsen; dass seine Magisterarbeit, entgegen dem Brauch, publiziert wurde, ist sehr zu begrüßen. Mögen einige sprachliche Unebenheiten auftreten – im Ganzen ist dieses Buch unprätentiös und jargonfrei, nicht zuletzt angenehm kurz: Auf etwa 130 Seiten – zuzüglich ‚Bildanhang’, Literaturverzeichnis und Register – wird ein kompetenter Überblick zum Forschungsstand geboten, sinnvoll gegliedert in ‚musikbezogene’, psychologische und physiologische Gesichtspunkte. Zu den besonderen Vorzügen des Autors ist seine Neigung zu rechnen, sämtliche maßgeblichen Begriffe ausführlich zu definieren und jede Etappe der gedanklichen Entwicklung eigens vorzubereiten und zu rechtfertigen. Das trägt zur Sprödigkeit dieser Prosa bei, verbessert aber die Klarheit – und darauf kommt es an.
Nicht, dass der sachliche Gehalt von Reflexionen zur Methode überwuchert würde. Hähnel vermittelt zahlreiche substantielle Einsichten ins ‚Wesen’ der Musik und menschlichen Empfindens. Erörterungen zur Regelmäßigkeit der Regelabweichung im Tempo rubato, zur Differenz von Beat und Taktsystem, motorischen Voraussetzungen des Musizierens, schließlich neuronalen und biochemischen Korrelaten des ‚Timing’ sind aufschlussreich für jeden Leser – sei es, weil sie von Grund auf Neues berichten, sei es, weil sie aus musikalischer Praxis dunkel Geahntes und halb Gewusstes in eine präzise begriffliche Form bringen; dieses, wie angedeutet, ohne Dünkel und Zeigefingerei. Wer das Bedürfnis hat, Musik und das eigene Musizieren zu ‚begreifen’, Intuition in Wissen zu verwandeln, kann viel aus dieser Lektüre gewinnen. |