Die finnische Komponistin Kaija Saariaho, Jahrgang 1952, gehört nun schon seit geraumer Zeit zu den Shooting-Stars der zeitgenössischen Musik. Ihre Musik verkümmerte nicht in fachpublikumsbegrenzten Nischenfestivals; nicht nur bei den Salzburger Festspielen wurden Werke von ihr aufgeführt, sie schaffte es bis zu den Proms in die Royal Albert Hall. Ginge es nun nach den Fortschrittsideologen der Neuen Musik, die Publikumserfolg von vornherein für verdächtig hielten und wirkliche Qualität mitunter daran festmachten, wie sehr ein Werk beim Publikum durchfiel, dann müsste man Vorbehalte gegenüber der Musik Kaija Saariahos hegen. Das genaue Gegenteil aber ist angebracht. Kaija Saariahos Kompositionen, besonders die jüngsten Orchesterwerke, zeichnen sich durch eine hohe Dichte, flirrende Farbigkeit und Süffigkeit im Klang aus, sind aber grundiert von einer bis in kleinste Details ausgearbeiteten kompositorischen Faktur. Dass sie sich dabei immer mehr der filigran ausgestalteten Melodielinie widmet, bringt ihr wiederum bei oben angesprochener Klientel keineswegs Lorbeeren ein. Aber sie macht ihre feinstofflich gearbeitete Musik noch reizender.
Dem jüngsten Tonfall ihrer Werke mit Orchester lässt sich auf der neuesten Platte des Orchestre de Paris unter Christoph Eschenbach nachhören. Versammelt sind hier ein Werk für Cello und Orchester, ‘Notes on Light’, aus dem Jahr 2006, ‘Mirage’ für Sopran, Cello und Orchester (2007) und das schon etwas ältere reine Orchesterwerk ‘Orion’ (2002). In allen drei Stücken erweist sich Kaija Saariaho als eine subtile Feinzeichnerin orchestraler Klangfarben. Umgesetzt wird diese überreiche Farbpalette vom Orchestre de Paris mit hohem Engagement, spieltechnischer Klasse und einem den Werken zugute kommenden Sinn Klangvaleurs.
Dass Saariaho vom Celloklang fasziniert, wenn nicht gar besessen ist, erweist sich auch in ‘Notes on Light’ in jedem Moment. Dabei erforscht sie nicht mehr ganz so abenteuerlustig auch die geräuschhaften Möglichkeiten des Instruments wie in den Werken der 1990er Jahre. Wie vom Himmel nieder sausende Lichtstrahlen werden hier dagegen verschiedene Gestalten des Glissandos weidlich erkundet. Zudem scheint sie für jeden der fünf Sätze ein eigenes Kommunikationsmodell zwischen Solist und Orchester auszuprobieren. Dabei flirrt, glitzert, wetterleuchtet es unentwegt, mal kalt und gleißend wie ein furchtbar heller Lichtstrahl, mal so wunderbar vielgestaltig wie ein im Prisma gebrochener Lichtschein. Anders als in ihren früheren Orchesterwerken ist diese Musik eingebettet in klares taktmetrisches Muster; das Chaos von ‘Du cristal’ oder ‘…à la fumée’ ist gebändigt und gleichzeitig scheint die Leuchtkraft ihrer Musik potenziert. Vor allem in den langsamen, ungeraden Sätzen (eins, drei und fünf) bildet Kaija Saariaho Kraftfelder, steuert auf Klangballungen bzw. –entladungen hin und gibt ihrer Musik damit einen wellenförmigen Spannungsfluss, von dem sich der Hörer, betört durch die hinreißenden, süchtig machenden himmlischen Klänge, mitreißen lassen kann. Saariaho ist jedoch Künstlerin genug, um nicht allein bei monochromen Sphärenklängen zu verharren; ihre Glissandi wirken manchmal veredelt, manchmal durch geräuschhaften Bogenstrich wie in ein pixeliges Bild verschwommen, gebrochen.
Von dem finnischen Meistercellisten Anssi Karttunen wird dieses wie auch ‘Mirage’ mit einem traumwandlerischen Sinn für Saariahos Klangwandlungen interpretiert, überaus fein gestaltet, nicht nur bezogen auf seine Solostimme, sondern auch auf die Interaktion mit dem Orchester. In ‘Mirage’ wird dies um eine weitere Farbe erweitert, die zudem semantisches Material einbringt: Die Sopranistin Karita Mattila, die hier Texte der Wunderheilerin und Schamanin Maria Sabina in das knapp viertelstündige Klangmeer Saariahos einfügt. Karita Mattila verfügt über die nötige Stimmkraft, um die in dem Text ausgesprochene Ekstase mit der nötigen Überzeugung zu transportieren. Diese Aufnahme der Uraufführung könnte überzeugender nicht sein.
Nicht nur in den bereits angesprochenen Werken zeigt sich das Orchestre de Paris unter der Leitung von Christoph Eschenbach von seiner besten Seite. Auch in ‘Orion’ zeigt sich das Orchester hoch konzentriert in den Solopassagen, bestens abgestimmt im kniffligen rhythmischen Zusammenspiel. Die teils fahlen, teils farbtrunkenen Klänge werden von Eschenbach mit viel Sinn für feinste Schattierungen und Beleuchtungswandlungen hervorgezaubert. Dass er sein Orchester in den Einzelgruppen für diese Musik optimal zu balancieren versteht, zeigt sich in jedem Moment.
Damit erweisen sich nicht nur Kaija Saariaho wieder einmal – und immer mehr! – als eine Orchesterfarbkünstlerin von großer Versiertheit, sondern auch Orchester wie Dirigent als vorzügliche Anwälte dieser Musik.
Einen klitzekleinen Wermutstropfen gibt es allerdings die klangtechnische Umsetzung zu verzeichnen, ein Aspekt, der bei Produktionen aus dem Hause Ondine kaum je Anlass zur Kritik bietet. Doch hier scheint der Klang von Technik stellenweise etwas zu weich gezeichnet, so dass gerade das Blech manchmal etwas zahnlos wirkt. Das mag zwar die Zartheit der Saariaho’schen Klangwirkungen unterstreichen, wirkt aber wegen der Verschwommenheit der Orchestergruppen gerade in opulenten Klangballungen wie mit einem künstlichen Nebel versehen. Eigenartig, denn an anderer Stelle wirkt vieles sehr direkt und ganz präsent. |