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Details zu Gubaidulina, Sofia: Violinkonzert ´In tempus praesens´
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Kritik zu Deutsche Grammophon: Gubaidulina, Sofia: Violinkonzert ´In tempus praesens´

Edelstück aus der kompositorischen Nouvel Cuisine


Prof. Egon Bezold, 03.10.2008


Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 





Anne-Sophie Mutter eroberte seit ihrem Debüt mit Karajan bei den Pfingstkonzerten in Salzburg l977 die Konzertpodien an aller Welt mit Werken von Beethoven, Brahms, Mozart, Mendelssohn, Tschaikowsky und Bruch. Auch mit anderen Dirigenten bevorzugte die Geigerin das klassische und romantische Repertoire. Den hehren Nimbus der Klassik-Interpretin streifte Anne-Sophie Mutter vollends ab als sie die ihr gewidmeten Stücke ‘Partita und Chain 2’ von Witold Lutoslawski und ‘En Reve’ von Norbert Moret l988 aus der Taufe hob. Und sie inspirierte Krzysztof Penderecki zur Komposition seines zweiten Violinkonzertes, betitelt mit ‘Metamorphosen’. Die Uraufführung der Auftragskomposition des Mitteldeutschen Rundfunks fand l995 mit Mariss Jansons am Pult im Leipziger Gewandhaus statt (DG 453 507-2). Schließlich spielte Anne-Sophie Mutter 2003 in Boston die Uraufführung des Violinkonzertes ihres damaligen Gatten André Previn – eine Auftragskomposition der Boston Symphony (DG 474500-2).

Auch Wolfgang Rihm stand der Geigerin musikalisch zu Diensten und widmete ihr l992 sein Violinkonzert ‘Gesungene Zeit’. ‘Eine richtige Hornhaut habe ich beim Einstudieren bekommen’ resümierte Anne-Sophie Mutter. Unendlich weich und sanft fließen hier die Linien, werden melodische Fäden gesponnen, in durchaus getragenen Zeitmaßen. Das Werk fasziniert den Hörer durch den brillierenden Höhengesang. (DG 445 487-2).

Ähnlich wie ‘Gesungene Zeit’ entpuppt sich das neue Violinkonzert von Sofia Gubaidulina als ein Werk der kompliziert strukturierten Linien und Farben, belebt durch die spieltechnische Brillanz und die Leuchtkraft des Klangs. Dabei wird auf geradezu halsbrecherische Weise auf dem Instrument gesprungen: Aus höchsten Lagen tief hinab in den Keller der Töne. Ein fabelhaftes einsätziges Stück, griffig gebaut, eine Musik, die dem Hörer entgegenkommt, ihn ein wenig um den Bart geht, ohne ihn ein hohes Maß an substanzvoller kompositorischer Qualität vorzuenthalten. Ein Edelstück aus der kompositorischen Nouvel Cuisine, gut verträglich, von exzeptioneller Attraktivität.

Die Orchesterbesetzung mit vierfach besetzten Bläsern, reichlich Perkussion, ohne Geigen, zielt auf einen reduzierten, transparenten Klang, der das Soloinstrument kaum gefährdet. Es ereignet sich eine mächtig sich zum Höhepunkt wölbende Steigerung bis die Geige schrittweise nach strapaziösen  Klettereien sich zum Gipfel hochquält, um sich mit virtuos hingelegter Kadenz Luft zu schaffen. Wie eine Fessel umranken diverse Fußangeln die schwer atmende Geige, vermengt mit dissonantem philharmonischem Bläser-Klang. Das Orchester brilliert im dramatischen Wechselspiel mit enormen rhythmischen Energien bis schließlich ein Epilog, eine ruhevolle Oase, mit wohllautenden Gesten für Entspannung sorgt.

Sofia Gubaidulinas zweites Violinkonzert reflektiert wie ihr für Gidon Kremer geschriebener geigerischer Erstling (Offertorium) ‘kultische Momente’. Ausgangspunkt sind religiöse Motive, daher ist auch der Titel ‘tempus praesens’ zu verstehen als ein Ringen mit zwei Segmenten, die wie ein dialogischer Prozess miteinander in Konflikt geraten: Halbtonschritte nach unten signalisieren Trauer, während nervös vibrierende rhythmische Kräfte Auflehnung, Kampf bedeuten.

Anne-Sophie Mutter, Widmungsträgerin dieses Konzertes, veredelt die kompositorischen Absichten Gubaidulinas mit der ihr eigenen schlackenlosen Schönheit eines reich schattierten Geigen-Tons. Das Konzert erhält in den Phrasierungskanten geschärfte klangliche Diktion. Während anlässlich der Uraufführung beim Lucerne Festival im September 2007 die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle brillierten, übernahm das kostenwirtschaftlich ‘billigere’ London Symphony Orchestra die Begleitung in der Studioaufnahme. Valery Gergiev entlockt dem Avantgarde-erfahrenen Orchester akkurat formulierte Kommentare.

Keine Frage: Gubaidulinas kunstreich auskomponiertes Stück, schon beim ersten Hören gut nachvollziehbar, könnte zum Repertoire-Erfolg werden. Es verlangt von den Interpreten enorme Ausdruckskraft und nie nachlassende Intensität. Dem wird Anne-Sophie Mutter auf höchst bewundernswerte Weise gerecht.

Mit den Violinkonzerten von J. S. Bach (BWV 1041 und BWV 1042) waltet eine eher kulinarische Linie, die sich dezent einer klangrednerischen Konzeption nähert. Die Wiedergabe bleibt zwar frei von überzogenen Phrasierungsmechanismen, könnte aber einen sparsameren Gebrauch des Vibrato gut vertragen.

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