Was der Trierer Domorganist Josef Still da zum Thema ‘Engel’ zusammengetragen hat, ist eine hochinteressante Melange aus etablierter Orgelliteratur und lohnenswerten Raritäten. Johann Sebastian Bachs Canonische Veränderungen über ‘Vom Himmel hoch da komm ich her’ und Max Regers ‘Ave Maria’ sind da noch die bekanntesten Werke – umso spannender, was es zu entdecken gilt.
Da ist zum einen das Titel stiftende ‘Engelkonzert’ aus der Sinfonie ‘Mathis der Maler’ von Paul Hindemith in einer Orgeltranskription von Ulrich Krupp. Eine besondere Rolle spielt dabei der Choral ‘Es sungen drei Engel ein’ süßen Gesang’, der Gelegenheit zum solistischen Spiel mit den zeittypischen kurzbechrigen Zungen (Vox humana) und den Aliqouten gibt. Überhaupt scheint die Orgel für Hindemith am besten geeignet zu sein. Auch wenn man sicherlich an diesem 67-registrigen Instrument der Bonner Firma Johannes Klais, das als Schwalbennest im Zuckerbäckerstil auch ein ungewöhnliches optisches Vergnügen bereitet, Orgelmusik aller Epochen darstellen kann und es für sein Baujahr (1974) eine beachtliche klangliche Wärme vorweist, kann sie in den romantischen Stücken weniger überzeugen und ihre zeittypische ‘neobarocke’ Intonation nicht verleugnen. Allerdings: warum auch? Längst hat man erkannt, dass qualitätvoll gebaute Instrumente dieser Epoche – und die Klais-Orgel des Trierer Doms darf man getrost dazu zählen - ihren eigenen Charme besitzen. Für den Organisten gilt es jeweils, diesen geschickt als Stärke auszuspielen. Josef Still kennt sein Instrument genau und verfügt über genügend technische Souveränität und vor allem Spielwitz, seine Orgel bei allen Stücken überzeugend klingen zu lassen.
Ungewöhnliche Klangfarben
So entlockt er ihr immer wieder Klangfarben, die auch der Orgelkenner nicht sofort vermuten würde, beispielsweise im ‘Saluto angelico’ aus den ‘Cathedral Windows’ von Sigfrid Karg-Elert mit verschiedenen Schwebungs-Effekten. Fritz Gollers Choralpartita ‘Unüberwindlich starker Held, St. Michael’ enthält auch die Melodie des bekannteren ‘Ein Haus voll Glorie schauet’ und darf als Repertoireergänzung höchst empfohlen werden, besonders wegen des Drachenkampfes. Die genialen Übertragungen des amerikanischen Konzertorganisten Edwin H. Lemare, aufgrund ihrer technischen Schwierigkeiten gefürchtet, gelten mittlerweile als eigenständiger Beitrag zu Orgelliteratur und finden immer öfter auch in europäische Konzertprogramme Eingang. Die Engelszene aus Engelbert Humperdincks Märchenoper ‘Hänsel und Gretel’ mit dem herzergreifenden Abendsegen ‘Abends, will ich schlafen gehen, vierzehn Engel um mich stehn’ ist ohne jeden Kitsch, aber höchst sensibel gespielt.
Schöne Flötenstimmen kommen immer wieder zum Einsatz, sei es solistisch oder als Sextolen-Begleitung in Theodore Dubois’ ‘In Paradisum’. Beachtlich die dynamische Bandbreite und Differenzierungsfähigkeit der Orgel besonders im unteren Lautstärkebereich – dank des geschickten Registrierens des Organisten, das in Jâques Georges Paul Charpentiers (übrigens nicht zu verwechseln mit dessen barocken Namensvetter Marc-Antoine) ‘L’Ange à la Trompette’ sogar täuschend glockenähnliche Klänge hervor zaubert. Gerade dieses letzte Stück, bei uns kaum bekannt, ist ein visionäres, postsymphonisches Prélude, das mit dem großen Orgelklang rechnet, ohne das Filigrane zu ignorieren (mitunter hat hier Olivier Messiaens Vogelwelt ihre Spuren hinterlassen). Ein Werk von größter Aussagekraft, wie die ganze CD.
Hohe Aussagekraft
Josef Stills Spiel hat nichts Akademisches an sich, sondern wirkt frisch und zupackend, jedoch stets mit der nötigen Sensibilität. Nicht jede gute Orgel-CD kann man am Stück hören – diese schon. Das Klangbild SACD-Surround-Sound ist optimal, natürlich und kräftig. Cover und Booklet sind ansprechend gestaltet, letzteres mit lesenswerten, dreisprachigen Informationen zur Thematik, den eingespielten Werken, der Orgel und dem Organisten.
Eine rundum überzeugende Produktion des schwäbischen Orgellabels Organum Classics. |