Wann ist ein Komponist klassisch? Der Terminus des classicus auctor, oft verwendet für Künstler, die ihren Nachfolgern als vorbildhaft gelten können, passt ohne Zweifel auch auf die drei osteuropäischen Komponisten, deren Kammermusik im letzten Jahr durch eine Produktion des Kattowitzer Labels Dux gewürdigt wurde: Strawinskij, Bartók und Lutoslawski. Ein Klassiker des zwanzigsten Jahrhunderts ist Strawinskijs L’histoire du soldat allemal, seltener allerdings in der hier eingespielten Version für Klaviertrio mit Violine und Klarinette zu hören. Die gleiche Besetzung wählte Bartók für sein Spätwerk Kontraste, das zu den Perlen seines kammermusikalischen Schaffens zählt. Drei polnische Musiker haben sich für dieses Projekt zusammen gefunden: der Geiger Piotr Tarcholik, der Klarinettist Aleksander Tesarczyk und die Pianistin Monika Wilinska-Tarcholik. Eine CD in recht konservativer Aufmachung und mit einem soliden Booklettext in Englisch und Polnisch liegt vor.
Igor Strawinskij schrieb die L’histoire du soldat im Jahr 1917 für sieben Instrumente samt Erzähler, Schauspielern und Tänzern und schuf damit ein die Grenze zwischen Musiktheater, Ballett und Kammermusik verwischendes Werk. Einige Monate später arrangierte er fünf der acht Sätze zu einer Suite in Triobesetzung, die seinem Schweizer Mäzen Werner Reinhart, selbst Klarinettist, gewidmet wurde. Unter den Händen der drei Musiker wird der einleitende Marsch des Soldaten zu einem ausdrucksvollen und suggestiven Charakterstück: Violine und Klarinette verschmelzen im Unisono hervorragend, das tendenziell zurückhaltende Klavier klingt nur stellenweise etwas flach. Geigerisch sehr überzeugend, obschon in schroffem und gar nicht geräuscharmem Ton vorgetragen, gelingen die Doppelgriffpassagen im Kleinen Konzert und Ragtime. Das Klangbild stellt sich höchst variantenreich dar – lichten, durchsichtigen Passagen weiß das Ensemble Tutti wie zu Beginn des Teufelstanzes gekonnt gegenüber zu stellen und formt eine sehr unterhaltsame Interpretation dieser vielseitigen Musik. Der Klarinettist Tesarczyk weiß sich außerdem in Strawinskijs Drei Solostücken für Klarinette von 1919 zu profilieren. Negativ machen sich hier nur etliche Klappengeräusche und das nicht ganz ausgewogene Bassregister der A-Klarinette bemerkbar.
Kontrast und Homogenität müssen keine Gegensätze sein
Die dreisätzige Partita für Violine und Klavier von Witold Lutoslawski liegt dem Ehepaar Tarcholik hörbar am Herzen. Das 1984 entstandene, Pinchas Zukerman gewidmete und vor allem durch Anne-Sophie Mutter zu Weltruhm gelangte Werk zählt zu den wichtigsten Geigenkompositionen der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts und kann insofern als klassisch betrachtet werden, als es eine Zusammenfassung der violin- und klaviertechnischen Möglichkeiten sowie der kompositorischen Strömungen der voraus gegangenen Jahrzehnte darstellt. Die von Lutoslawski häufig verwendete Aleatorik, hier vor allem für die satzverbindenden Kadenzen maßgeblich, nutzen die Musiker zur Gestaltung metrisch völlig freier Momente von schwebender Kantabilität. Auch einzelne Intermezzi in den Ecksätzen gewinnen enorme Aussagekraft durch ein berückendes, vibratoloses Pianissimo der Geige. Eine gelungene musikalische Partnerschaft, die auch durch eine bisweilen auffallende Inhomogenität des Raumklangs beider Instrumente, wie sie der Registergegensatz zwischen Violine und Klavier oftmals mit sich bringt, nicht getrübt wird.
Dem Jazzklarinettisten Benny Goodman, den Béla Bartók durch seine Schallplatten kennen gelernt hatte, und dem befreundeten Geiger József Szigeti sind die Kontraste von 1939 gewidmet. Eine sanftere, sowohl inhaltlich als auch musikalisch ins Ohr fallende Parallele zum einleitenden Marsch der Histoire du soldat entsteht zu Beginn des Rekrutentanzes Verbunkos, mit dem Bartóks dreiteilige Suite beginnt: Pizzicato-Akkorde, stellenweise durch das Klavier gefärbt, untermalen eine lydisch gefärbte Melodie der Klarinette. Später verschmelzen die drei Instrumentalparts in mächtigen Tutti-Kaskaden zu einem Höhepunkt mit fast orchestraler Klangwirkung. Wenn auch einzelne rhythmische Figuren nicht ganz präzise gelingen, so weiß das Trio doch die individuellen Vorzüge seiner Mitglieder zu einem jederzeit korrespondierenden Ensemble zu formen. Schöne Klangflächen, mit einem Minimum an Ausdrucksmitteln gestaltete Zweistimmigkeit bringt der an Entspannung kaum zu überbietende und dennoch stetig fließende zweite Satz. Mit dem Sebes, einem rondoähnlichen und von seiner repetitiven Rhythmik geprägten Tanz, findet das Werk zu einem virtuosen Finale. Der Geiger Tarcholik vermag dieser fortwährenden motorischen Bewegung durch seine improvisatorisch anmutenden Solo-Intermezzi einen schönen Gegensatz zu verleihen. Insgesamt eine sehr beachtenswerte Einspielung, die zur Pflege einiger vortrefflicher Werke der jüngeren Zeit beiträgt.
|