Nicht selten kommt es vor, dass durch den vehementen Eintritt eines bekannten und geschätzten Interpreten für einen eher unbekannten Komponisten letzterer ein Stück weit in den Gesichtskreis des Publikums gerückt wird. Dem norwegischen Komponisten Rolf Wallin mag man wünschen, dass das eben Beschriebene mithilfe des blutjungen, aber momentan heiß umworbenen Schlagzeugstars Martin Grubinger gelingt, der Wallins Konzert für Perkussion und Orchester ‘Das war schön!’ auf ebenso schöne Weise zum Leben erweckt – auch wenn Rolf Wallin dieses Schlepptau aufgrund seiner kompositorischen Klasse gar nicht nötig hätte. Anders aber gelänge es wohl kaum, Musik aus dem hohen Norden einem mitteleuropäischen Publikum schmackhaft zu machen.
Klangopulent und drängend
In grellem Neonorange gehalten, macht diese Veröffentlichung aus dem Hause Ondine einen fast aggressiven Eindruck; das passt ganz gut zu jenem vor Energie berstenden Orchesterstück ‘Act’, das namensgebend ist für diese grandiose Scheibe mit drei Orchesterwerken aus Feder Rolf Wallins. In drei großen Wellen führt der Komponist in ‘Act’ die Musik zu einer mitreißenden Schlusssteigerung, deren Kraft man sich kaum entziehen kann. Über vereinzelte Flötenkaskaden gelangt Wallin zu einer Klangmassierung, die, auf einem Binnenhöhepunkt angelangt, abgebrochen wird, um nach einer kurzen Ermattung wieder anzuheben. Dabei geht es vor allem darum, den gesamten, riesigen Orchesterapparat nach und nach in ein Klangkontinuum zu überführen, die Einzelkräfte zum Kollektiv zu binden. Dieses aktionsreiche, zuweilen fast aktionistische Manöver gelingt Wallin formdramaturgisch, kompositorisch und instrumentatorisch auf fabelhafte Weise. Ohne Rücksicht auf (mit spitzer Zunge formulierte) Reinheitsgebote zeitgenössischer Musik erzeugt er durch Akzentverschiebungen des in gleichmäßige Pulsation überführten Orchesters rhythmischen Drive und mit diesem eine unwiderstehliche Sogwirkung. ‘Act’ mag nichts sein für Apostel des kompositorischen Fortschritts. Die fast körperlich spürbare Kraftentladung orchestralen Volumens und die berstende Energie dieses Stücks machen aber auf wunderbare und sehr wirkungsvolle Weise deutlich, was diese Musik ausmacht: schiere Klangkraft. Wer sich der Klangspannung von ‘Act’ aussetzt, kann mit Fug und Recht behaupten, etwas Bewegendes erlebt zu haben.
Brillante Klangerfindungen
Nicht minder faszinierend sind die Klangerfindungen in dem Konzert für Perkussion und Orchester ‘Das war schön!’ aus dem Jahr 2006. Zurückgreifend auf Vogelstimmen und Grundmaterial, das Wallin bei Mozart fand, geriet dem Komponisten mit diesem Konzert ein mit instrumentaler Farbpracht, melodischen Fragmenten, Rhythmen und virtuoser Perkussion schillerndes Werk, das der österreichische Jungstar Martin Grubinger zusammen mit dem Oslo Philharmonic Orchestra und John Axelrod auf beeindruckende Weise präsentiert. Ebenso klangsinnlich wie filigran gearbeitet ist ‘Tides’ aus dem Jahr 1998 für sechs Schlagzeuger und Orchester. Allein schon wegen der klanglichen Schattierungen der Becken zu Anfang des Stücks ist ‘Tides’ hörenswert; noch reichhaltiger werden die Farben dann bei Eintritt des Orchesters, das Jukka-Pekka Saraste mit Sinn für die Klangpracht der Musik Rolf Wallins geschmack- und effektvoll neben dem hochvirtuosen Kroumata Percussion Ensemble in Szene zu setzen weiß.
Garant für die ganz unterschiedlichen, mal unglaublich fein schattierten, mal brachial kraftvollen Klangwirkungen, ist ein sehr direkter Orchesterklang, der das breite Panorama an Abstufungen sehr gut abbildet. In dem von Jaap van Zweden dirigierten ‘Act’ wird ein dynamisches Band abgedeckt, das von leisestem Flirren zu größter Wucht reicht; auch hier bleibt die technische Umsetzung dem Stück nichts schuldig.
Mit dieser wunderbaren, beinahe süchtig machenden Platte ist dem finnischen Label Ondine eine weitere Glanztat geglückt. Man kann nur hoffen, dass man dort noch mehr Wallin zu hören bekommt. |