Seit einiger Zeit scheint der Großteil des kulturellen Exportguts aus dem Ostseeraum aus hochkarätigen Orchestern, Solisten, Dirigenten und vor allem Komponisten zu bestehen. Nachdem vor allem die Skandinavier für Furore gesorgt hatten (und immer noch sorgen, siehe Nørgård, Sandström, Rautavaara, Lindberg, Saariaho), gaben sie den Staffelstab an das Baltikum weiter, allen voran Estland. Von den dort beheimateten Komponisten war bisher allein Arvo Pärt in unseren Landen allgemein bekannt (und von einigen ebenso gefürchtet wie von intellektueller Warte belächelt). Nun stehen seit geraumer Zeit zwei weitere Komponisten neben ihm: Pçteris Vasks, der mit dem Schlagwort ‘Neoromantiker’ nur einseitig etikettiert wird, und Erkki-Sven Tüür, jenen Polystilisten, der das ‘postmoderne’ Komponieren ebenso gut beherrscht wie sich allen wohlfeilen Kategorisierungen zu entziehen versteht.
Erkki-Sven Tüür hat mit Anu Tali und in besonderem Maße mit Paavo Järvi sehr kompetente Anwälte, die seine Musik mit der nötigen Energie und ausgeprägtem Klangsinn effektvoll darzustellen vermögen. Järvi wird neben einigen Gastdirigenten und -orchestern Mitte September dieses Jahres Werke von Tüür dem Publikum vorstellen, ein Tüür-Symposium grundiert diesen Werküberblick wissenschaftlich.
Orchestrales Dickicht
Hat Paavo Järvi mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra bereits eine beachtliche Tüür-CD vorgelegt (ECM 1830), so bildet diese nun bei Warner erschienene Einspielung eine ebenso spannende wie kurzweilige Fortsetzung seines Engagements für den Landsmann. Das Zentrum dieser Aufnahme bildet Tüürs Vierte Sinfonie ‘Magma’ für Solo-Schlagwerk und Sinfonieorchester aus dem Jahr 2002. Neben dem brandneuen ‘Igavik’ für Männerchor und Orchester (vollendet 2006) und dem Arvo Pärt zum Siebzigsten gewidmeten ‘The Path and the Traces’ (2005) bildet ‘Inquiétude du fini’ für Kammerchor und Orchester (1992) einen kleinen Rückblick auf Tüürs kompositorische Vergangenheit.
Griff der Este in seiner Anfangszeit (nachdem er seine Rockmusikerkarriere zugunsten von Kompositionsstudien beim viel zu früh verstorbenen Lepo Sumera aufgab) auf Elemente der Minimal Music zurück, die er holzschnittartig mit Tonclustern kontrastierte, so findet er in der (der Solistin Evelyn Glennie gewidmeten) Vierten Sinfonie zu einer flüssigeren Sprache. Auch wenn die kompakten Akkordblöcke, mit denen ‘Magma’ glühend heiß eröffnet wird, nicht wenig an seine Orchesterstücke ‘Zeitraum’ oder ‘Exodus’ denken lassen, weichen die glatten Schnitte der früheren Werke etwas abgerundeten Bruchstellen. Am Anfang der gut halbstündigen Sinfonie finden sich typisch Tüürsche Ingredienzien: Klangsäulen im Tutti, deren Spannungspotential nach raschem Abbau mit Streicherglissandi, Schlagzeugklängen und Holzbläserstaccati aufgefangen wird. Nach traditionellem Vorbild ist der zähflüssige sinfonische Strom von ‘Magma’ in vier Abschnitte unterteilt, die von verschiedenen Klangtimbres des hervortretenden Schlagwerks bestimmt werden: im Anfangsteil vor allem von metallische Klängen, im zweiten vom Drumset, im dritten von Holzpercussion, im rhythmisch eingängigeren Finale von quasi improvisierenden Congas. Das ganze spannt Tüür unter wellenartige Steigerungsverläufe, ein ausgedehntes Schlagwerksolo teilt die Sinfonie in etwa zwei gleiche Hälften.
Ideale Solistin, hervorragendes Orchester
Evelyn Glennie nutzt die klanglichen Möglichkeiten des virtuosen Schlagwerkparts effektvoll aus. Unendlich reiche Farbschattierungen und rhythmische Überlagerungen ergeben sich mit dem Orchestersatz, im zweiten Teil (der in seiner rhythmischen Wucht nicht wenig an Mark-Anthony Turnage erinnert) darf sie mit dem Drumset richtig rockig zupacken, ehe ihr im dritten Teil ein Streicherteppich als Grundlage für rhythmische Kaskaden an Marimba, Xylophon etc. bietet. Die Solistin erweist sich hier als perfekte Darstellerin der Tüürschen Klangideen, die zwischen extrem treibender, eingängiger Rhythmik und konstruktiv überlagerten Temposchichten hin und her schwankt.
Paavo Järvi treibt das Estnische Nationale Symphonieorchester zu einer Höchstleistung an, die ebenso von hohem Engagement wie tiefem Klangsinn geprägt ist. Fesselnde Energie und dichte Verwebungen bestimmen den spannungsreichen Klangstrom. Nicht ganz zum Wohl der strukturellen Fasslichkeit schichtet Tüür hier so viele Klangtexturen übereinander, dass sich die dichte Orchesterpolyphonie fast selbst aufhebt. Das macht manchmal einen ungeheuer komplizierten Eindruck – und stellenweise ist es fast besser, wenn man das Ohr mehr auf die Fläche als die Einzelereignisse konzentriert. Bei all dem allerdings kann ‘Magma’ durchaus für sich einnehmen, ein Stück aus vielen Elementen, das von Järvi und dem Estnischen Nationalen Symphonieorchester mit ungemeiner Beredtheit zum Klingen gebracht wird.
Auf ebenso hohem Niveau gelingen die Aufführungen der anderen Stücke. In ‘The Path and the Traces’ erweist sich Tüür wieder einmal als ein genialer Modellierer des Streicherklangs. ‘Igavik’ lässt in beinahe roher Urtümlichkeit Anklänge an alte Runengesänge entstehen, überlagert freilich mit schwebenden Glissandi und zuweilen schreienden Dissonanzen. Dieser extrem dichte, polyphone Orchesterklangstrom wurde von der Technik sehr überzeugend eingefangen, auch wenn der Klangraum des Orchesters in ‘Magma’ technisch erweitert scheint, um den Klangschichten zusätzliche Entfaltungsmöglichkeit zu geben. |