1992 hat Ton Koopman Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion für die Schallplatte eingespielt. Im März vergangenen Jahres führte er diese Passion in der St. Joriskerk im niederländischen Amersfoort mit dem Amsterdamer Barockorchester und Chor sowie dem Knabenchor der Sakramentskirche Breda auf. Jörg Dürmüller sang den Evangelisten, Ekkehard Abele den Jesus, die Sopran-, Alt-,Tenor- und Bass-Soli sangen Cornelia Samuelis, Bogna Bartosz, Paul Agnew und Klaus Mertens. Der Mitschnitt dieser Konzerte ist nun sowohl auf CD als auch auf DVD erschienen. Macht sich Ton Koopman nun selbst Konkurrenz? Wie schneidet diese Live-Einspielung ab? Diesen Punkt betreffend, lässt sich dem Erachten des Rezensenten nach keine eindeutige Beurteilung fällen. Es ist vielmehr ein Abwägen unterschiedlicher Auffassungen.
Pro und Contra
Man kann an dieser Aufnahme zuallererst die klangtechnischen Äußerlichkeiten bemängeln: die Problematik eines ausgewogenen Klangbilds und Raumklang angesichts des Halls und der Akustik einer geräumigen Kirche ist hier nicht völlig zufriedenstellend gelöst worden. Sehr vordergründig klingt einem der Orchesterapparat entgegen, der die Soli in den Arien in den Hintergrund zu drängen droht. In tiefster Tontechnikernot hat man es zudem mit der Bassgrundierung besonders gut gemeint und für ein dumpfes, muffliges, ja undifferenziertes Klangbild der Continuo-Gruppe gesorgt, während die Evangelientext-Soli durchaus präsent dargestellt und in den Chorpassagen alle Stimmlagen hervorragend transparent ausbalanciert worden sind. Als nächstes lechzt die spitze Feder nach Kritik an der musikalischen Umsetzung der Matthäuspassion selbst. Stünde man dieser Aufnahme negativ gegenüber, gäbe es Mankos am laufenden Band aufzuzählen: die Live-Situation bedingt offenhörbar ein Einpendeln der Intonation auf professionelle Stimmigkeit. Die ist im Eingangschor noch keinesfalls gegeben, wo insbesondere die Holzbläser immer einen Hauch unter der eigentlichen Tonhöhe zu liegen scheinen und durch Nachdrücken der Töne an die uralten Zeiten der historischen Aufführungspraxis erinnern, als man völlig unnötigerweise glaubte, dies müsse so sein. Koopman vermag es nicht, im Eingangschor die Faktur auszubalancieren und ein differenziertes Klangbild einzufordern. Die eigentümlich missregistrierte Orgel schadet zudem dem Choralgesang des Knabenchors mehr als dass sie ihn unterstützen würde. Die Streicher erstarren fast in ihrem Non-Vibrato, Koopman entlässt die Phrasen in den Raum ohne dynamisch differenzierte Tonentwicklung. Dieses abgesetzte In-Den-Raum-Stellen ist paradigmatisch für die ganze Aufnahme. Koopman operiert mit einer extremen Kargheit des Klangs, mit nachgerade mönchischer Kontemplation. Bachs Matthäuspassion als Fastenversion, mit Kontur, doch hölzern-herb. Während Cornelia Samuelis und Bogna Bartosz ihre Partien ebenfalls mit meditativer Grundstimmung ausfüllen, die böse Zungen vielleicht als gelangweilt bezeichnen würden, die aber gleichwohl mit gutem Stimmsitz und raumfüllenden Timbres aufwarten können, wenn sie auch stellenweise zu kurzatmig phrasieren, so machen dies Jörg Dürmüller als Evangelist und Ekkehard Abele als Christus wieder wett. Mit beeindruckender Dramatik treiben sie das Passionsgeschehen voran, können dabei Klaus Mertens mitreißen, der mit seinem markigen Volumen und baritonalen Stimmklang die Bass-Arien mit profunder Sicherheit in den Koloraturen absolviert. Und auch der stimmlich hörbar angeschlagene Paul Agnew wird mitgerissen und lässt sich leider ach hinreißen zu einem noch ausgeprägteren Vibrato wie er es ohnehin schon praktiziert, und zu einer Dramatik, die schon an Karikatur grenzt. ‚Geduld, wenn mich falsche Zungen stechen’ singt er heiser und jeden einzelnen Ton stemmend in seiner von der Viola da Gamba begleiteten Arie. Wie Recht er doch hat! Den Chor scheucht Ton Koopman mehr als einmal rasant durch die Choräle und mit wenig differenzierter Dynamik und Agogik, aber wenn der Chor Einbindung in das dramatische Geschehen der Passionsgeschichte erhält, wendet sich das Blatt. Dann nämlich hat diese Live-Einspielung ihre stärksten Momente, wenn das dynamische Potential des Chors ausgereizt wird und sich Vokalensemble und Orchester voller Stringenz dramatisch fast schon unbändig steigern. Wahrlich atemberaubend. Dann wieder enttäuscht Koopman durch eigenartig abgesetzte Kadenzen in den Rezitativen, die so plakativ wirken, als wolle er sich darüber lustig machen.
Vom Saulus zum Paulus
Das oben Beschriebene stellte sich dem Rezensenten beim ersten Hören dar. Das war ein Hören an der Oberfläche. Dringt man tiefer ein in Ton Koopmans Interpretation, wird man anderes gewahr: mit logischer Konsequenz scheint Koopman hier in der Tat einem zutiefst positivistischen theologischen Konzept zu folgen, einem Konzept, das von der seelenvollen, opulenten Betrachtungsweise dieser Musik so grundverschieden ist und den Rezensenten mehr und mehr überzeugt hat. Ausgangspunkt für die Wende vom Saulus zum Paulus ist zunächst die orchestrale Klanggestaltung. In ihrer Sprödigkeit, Kargheit, ja Herbheit steckt kompromisslose Umsetzung des Geschehens in der Leidensgeschichte. Nicht die süßliche Glaubensfrömmigkeit, nicht, bemüht man den Vergleich mit der bildenden Kunst, der barocke Realismus der Körperlichkeit als Fanal der Vergänglichkeit alles Irdischen ist Leitlinie in Ton Koopmans Konzept, sondern die zaghafte Räumlichkeit, die strukturierte Bilddramatik, die noch zurückhaltende, ja gleichsam herbe Physiognomie der Gesichter, wie sie auf den Fresken des Trecento zu sehen sind. Koopman setzt die Leidensgeschichte Jesu musikalisch um, wie sie Giotto oder Orcagna gemalt haben. All das Meditative, Kontemplative in den Interpretationen der Arien in dieser Aufnahme (mit Ausnahme des Gesangs von Paul Agnew, der trotzdem hier stimmlich schlicht und einfach tadelnswert ist) geht nicht von der Leidenslust aus, sondern von der der Passionsgeschichte impliziten Herbheit. Das Ringen um den rechten Glauben spiegelt sich in der Rolle des Chores in dieser Einspielung wieder: er ist es, der in den Chorälen Zuversicht proklamiert, Standfestigkeit beweist und dadurch Bachs tief verwurzelten Protestantismus demonstriert. Dass Ton Koopman dieser intrikaten Leitlinie in einem großen Bogen und mit unbeugsamer Binnenspannung bis zum Ende folgt, macht seine Live-Einspielung zu einer der theologisch fundiertesten Aufnahmen dieser Passion, anstrengend zwar, aber lohnenswert. Mehr noch: sensationell und empfehlenswert! Wer oberflächliche Opulenz und oberflächlichen Wohlklang liebt, wird allerdings mit dieser Einspielung nicht glücklich werden. Ein Geheimtipp am Schluss: der herausragende Booklettext von Bach-Experte Christoph Wolff. |