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Details zu Rehnqvist, Karin: Arktis Arktis!
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Kritik zu BIS Records: Rehnqvist, Karin: Arktis Arktis!

Nicht nur für Idioten


Miquel Cabruja, 17.10.2005

Rehnqvist, Karin: Arktis Arktis!
Label: BIS Records , VÖ: 02.06.2005
Spielzeit: 70:33
Hörbeispiele:
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Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Diese Aufnahme ist besonders empfehlenswert.


Frauen können nicht Auto fahren, wählen sollten sie eigentlich auch nicht, das Denken fällt diesen emotional gesteuerten, zur Hysterie neigenden Wesen ohnehin schwer genug und wirkliche Kunst produzieren, das können sie am allerwenigsten. So hieß es gestern, so heißt es heute und so wird es, auch Optimisten fällt es schwer etwas anderes anzunehmen, wohl auch noch morgen heißen. Selbst intelligente Menschen wie Marcel Reich-Ranicki gehen der durch sexuelle Repression verzerrten Geschichtswissenschaft und den konkreten Folgen dieser Unterdrückung auf den Leim.

Mir persönlich ist es als Mensch und als Mann immer eine besondere Befriedigung, wenn ich die Gelegenheit erhalte, den Vorschnellen, den ewig Gestrigen und den gewöhnlichen Idioten zu zeigen, dass sie irren. Eine solche Gelegenheit bot mir vor kurzer Zeit Karin Rehnqvist, geboren 1957 und eine der bekanntesten schwedischen Komponistinnen. Ich muss zugeben, wenn auch ungern, dass der Ruhm Rehnqvists bis dahin noch nicht zu mir durchgedrungen war. Dabei wird ihr Oeuvre, das Kammer-, Orchester- und Vokalmusik einschließt, gar nicht selten aufgeführt. Für mich war die neue CD des Labels BIS mit dem Titel ‘On a distant shore’ also eine Offenbarung. Ja, der Begriff ist gar nicht zu weit hergeholt, denn Rehnqvists Musik gehört für mich zum Aufregendsten, was neue Musik mir seit längerem geboten hat.

Unabfangen

Es ist oft hervorgehoben worden, dass die Musik Rehnqvists aus der Spannung lebt, die zwischen der zeitgenössischen Kunstmusik und ihren Rückgriffen auf volksmusikalische Strukturen liegt. Das stimmt zwar, sagt aber viel zu wenig über das aus, was Rehnqvists Musik eigentlich ausmacht. Wichtigstes Merkmal neben den bestehenden Bezügen zu der konstruktivistischen Musik ihrer Lehrer Brian Ferneyhough und Pär Lindgren und eben jenen Elementen der schwedischen Volksmusik ist: ihre Musik macht einfach Spaß! Keine Spur von trockenem Akademismus, ehrfurchtheischender Papiermusik und elitärem Kunstnirwana. Die preisbedachte Komponistin scheint genau so offen an ihre Musik heranzugehen, wie sie auf ihrer Netzseite über Hintergründe und Beweggründe ihrer Kompositionen bereichtet, und das kann man auch hören.

Tierschreie

‚An einem fernen Strand’ (2002) ist ein Konzert für Klarinette und Orchester, in dem Rehnqvist den Charakter ihres Soloinstrumentes mit spielerischer Freude auslotet, die Beziehung der einzelnen Musiker zueinander in Frage stellt, technische Aspekte beleuchtet und letztlich auf das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv eingeht. Es ist klar, dass schräge Töne da nicht fehlen können. Rehnqvist findet davon eine Menge und dazu eine enorme Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten. Sie entlockt der Klarinette Tierschreie, die Musik anderer Kontinente und Welten, Seufzer und Lachen, Schreien und Weinen, während sie in kurzen Sätzen die Tradition des Konzerts auf den Kopf stellt und neu definiert.

 Das Stück ‚Anfang’ für Klaviertrio von 2003 ist eine Meditation über Fragen musikalischen Materials, Ursprung und Formfindung. Daneben ist es auch ein fulminantes Kammermusikstück, indem Brutalität und Ausdruck, Dynamik und Klangkaskaden ineinandergreifen.

Pragrammmusik

‚Arktis Arktis!’ in vier Sätzen entstand aus den Eindrücken einer Expedition ins nördliche Kanada. Rehnqvist verbrachte 1999 einen Monat auf einem Eisbrecher und erhielt die Gelegenheit, in die Einsamkeit der Eisflächen hinauszufliegen. In Schweden zurück, blieb ihr gar nichts anderes übrig, als ihre Erlebnisse in Musik umzusetzen. ‚Arktis Arktis!’ ist im wahrsten Sinne des Wortes Programmmusik. Der erste Satz beschreibt das endlose Panorama mit seinen Horizonten und die Faszination des Eises. Im zweiten Satz erhält die Tundra ein Gesicht, werden ihre Blumen und Sträucher, die Tiere im schimmernden Licht zwischen Himmel und Erde lebendig, während der dritte Satz die plötzlichen Nebel, die untergründig immer vorhandene Dunkelheit und Nacht dieser Landschaf schildert. Erst der letzte Satz führt den Zuhörer wieder zurück zum Licht und in einen Ausbruch von Lebensfreude.

Lebensfreude ist auch das Thema des Chorwerkes ‚I Himmelen’, auch wenn das geschilderte Leben die Vollendung in Gott und seiner Schau im Himmel vorwegnimmt. Besonders werden hier die Bezüge zur schwedischen Vokalmusik sowohl im verarbeiteten Material als auch in der Nutzung traditioneller Gesangstechniken deutlich, die von den Solistinnen bewegend ausgeführt werden. Das gilt auch für die Umsetzung der anderen Stücke der CD, die hauptsächlich von schwedischen Künstlern ausnahmslos in Anwesenheit der Komponistin aufgenommen wurden. Mit ihnen erhält man eine wunderbare Gelegenheit die große Bandbreite der Kompositionsstile und Techniken Karin Rehnqvists kennenzulernen und ganze 70 Minuten herausragender neuer Musik zu hören. Bei weitem nicht nur etwas für die Idioten dieser Welt.

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