Edvard Griegs Schauspielmusik zu Henrik Ibsens Schauspiel ‘Peer Gynt’ ist eines jener Werke der Musikgeschichte, aus dem mehrere Einzelteile ein Eigenleben zwischen Wunschkonzert, Kitsch, zigfachen Bearbeitungen und Werbung fristen. Die Melodien der ‘Halle des Bergkönigs’ von ‘Solveigs Lied’ oder die ‘Morgenstimmung’ gehören zu den populärsten des Komponisten. Die vollständige, mehr als einstündigen Schauspielmusik, der diese Nummern entnommen wurden, ist jedoch ungleich unbekannter. Grieg selbst hat dazu beigetragen, als er nach dem Erfolg der Schauspielmusik, zwei eigenständige Suiten verfaßte, die noch heute fester Bestandteil des Konzertrepertoires sind.
Ibsens ‚nordischer Faust’, wie der ‘Peer Gynt’ ob seiner philosophischen Tiefe und literarischen Bedeutung, gerne genannte wird, ist ein großangelegtes Welttheater, mit vielen wechselnden Schauplätzen und Situationen. Griegs bunte Partitur unterstreicht diesen Aspekt.
Die vorzügliche Einspielung der (fast) gesamten Schauspielmusik durch das Estonian National Symphony Orchestera aus Tallin unter Paavo Järvi demonstriert, dass Griegs dramatisches Gespür weit mehr als die Summe seiner populären Teile ist. Griegs Fähigkeiten Stimmungen in knappen Zügen charakteristisch zu fassen, fügt sich hier zum großen Tableau des Weltfahrers Peer Gynt, voll von überwältigenden Orchesterfarben, rhythmisch explosiven Passagen der Volkstänze, kammermusikalisch intime Szenerien und tonmalerischen Episoden. Für großes Orchester, Chor und drei Gesangssolisten gesetzt, bleibt immer wieder Raum für Details.
Musikalisch erstklassige Interpretation
Bemerkenswert aus der Fülle der Eindrücke ist der zarte Dialog der Stimmen in ‘Solveigs Lied’ und das fein abgestufte Streicherbett in ihrem abschließenden ‘Wiegenlied’, beides von Camilla Tilling mit berückend schönen Tönen ihres warmen Soprans und lupenreiner Intonation in den Vocalisen gestaltet. Peter Mattei verleiht der Serenade des Titelhelden seinen geschmeidigen, deutlich artikulierenden Bariton und Charlotte Hellekant macht selbst mit ihrem Miniauftritt als Anitra Eindruck. In ‘Aases Tod’, der so schnell in platter Sentimentalität untergehen kann, fließt die Musik ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Der ‘Schiffbruch’ wird zum sorgfältig ausbalancierten Tongemälde. Die Bläsersolisten des Orchesters brauchen die Konkurenz bekannterer Klangkörper nicht zu scheuen (man höre beispielsweise die exquisiten Hörner in ‘Peer Gynt vor der Memnonsäule)
Und Pavo Järvi gelingte es grandios die Klangeffekte der Partitur umzusetzen: selbst bekannte Stellen, wie in der ‘Halle des Bergkönigs’ bekommen so neue Kraft; mit sicherem Gespür für die Wirkung wird dort der Choreinsatz vorbereitet. Järvi versteht es, eine Balance zwischen dem großem, romantischen Orchesterklang des im Klangfarbenrausch schwelgenden Estonian National Symphony Orchestra und der Beweglichkeit der einzelnen Partiturteile herzustellen. Die 20 eingespielten (der insgesamt 26 Nummern) der Schauspielmusik entwickeln beim Hören dieser Aufnahme eine Sogwirkung and atmosphärische Dichte, die vergessen machen, dass es sich um die Reihung einzelner, meist unzusammenhängender Episoden der Schauspielmusik handelt. Die Tempi, die Järvi anschlägt, sind zügig, sein Zugriff teils sehr direkt (‘Anitras Tanz’) – so entsteht eine recht theatralische Wirkung, was beim bloßen Hören der Musik ohne die dazugehörigen Dialoge kein Nachteil ist. Der äußerst akzentuiert musizierte ‘Arabischen Tanz’ oder die derben Bauerntänze geraten auch deswegen so lebendig und unmittelbar.
Zu erwähnen bleibt, dass es nicht die vollständige Partitur ist, die hier eingespielt wurde: die Melodramen mit ihrem gesprochenen Text fehlen ebenso, wie einige kürzere Orchesterstücke (z.B. Die Jagd Peer Gynts durch die Trolle); angesichts der Spielzeit von nur 60 Minuten ist das unverständlich. - Die Aufnahmequalität läßt mit ihrem warmen, vollen Klangbild keine Wünsche offen und unterstützt mit ihrem breiten Klangpanorama den Akzent eines großen symphonischen Werkes. Das Beiheft bietet die gesungenen Texte und eine knappe Werkeinführung.
Eine auf jeden Fall empfehlenswerte Einspielung! |