Jede Volksmusik ist schön, aber von der Jüdischen muß ich sagen, sie ist einzigartig! So äußerte sich einmal der sowjetische Komponist Dmitri Schostakowitsch.
Eine Auswahl dieser ‚einzigartigen' Musik stellen Helene Schneidermann (Mezzosopran), Motti Kastón (Bariton) und Eytan Pessen (Klavier) mit der nun in der Edition Hera erschienen CD ‚Kleyne Lider' vor. Im Rahmen eines Liederabends an der Staatsoper Stuttgart, zu deren Ensemble die drei Künstler gehören, präsentierten sie Volkslieder in den Sprachen der germanischen und iberischen Juden (Jiddisch und Ladino).
Zu den traditionell überlieferten Melodien der Lieder arrangierte der israelische Eytan Pessen Klavierbegleitungen mit stark romantischen Zügen, die den Volksliedcharakter leider völlig verdrängen und eher an das Schubertsche Kunstlied erinnert. Die klassisch ausgebildeten Sänger verstärken diesen Eindruck, indem sie die eigentlich simplen Melodien mit übermäßiger Emphase vortragen. Helene Schneidermann, jiddisch-sprachig aufgewachsen, singt mit ihrem warmen Mezzosopran vorwiegend die aus dem germanischen Judentum stammenden Lieder, wobei der Ladino sprechende Motti Kastón den Schwerpunkt auf die sephardischen Lieder legt. Beide singen mit tiefster Ausdrucksstärke, den melancholischen und dennoch lebensfrohen Charakter der Texte arbeiten sie hervorragend heraus.
Der virtuose Klavierpart wird von Eytan Pessan mit Leichtigkeit umgesetzt, die Begleitung der Sänger ist fabelhaft auf ihr Tempo und ihre Interpretation abgestimmt. Trotz der musikalisch erstklassigen Besetzung ist eine solche Interpretation von Volksliedern dennoch äußerst fragwürdig, geht der folkloristische Aspekt dieser Musik dabei doch völlig verloren. Das Jiddische ist, ebenso wie Ladino, eine Volkssprache, die reich an Idiomatik ist und kaum Wissenschafts- oder Kunstbegriffe hat. Eine derartig volksnahe Sprache durch die artifizielle Sprache des Kunstliedes auszudrücken, widerspricht jedem Sprachgefühl.
Das Label ‚Edition Hera' setzt auf authentische Liveaufnahmen, das heißt es verzichtet vollkommen auf jegliche Art von Nachbearbeitung der Tonbänder. Auch wenn sich eine schlechte Aufnahmequalität sicherlich nicht komplett vermeiden lässt, hätte ein wenig Nachbearbeitung dieser Aufnahme aber ganz guttun können. Der dumpfe und rauschende Klang wirkt nach einiger Zeit doch ziemlich störend.
Im umfangreichen CD-Beiheft finden sich sämtliche 22 Liedtexte in Originalsprache, sowie deutscher und englischer Übersetzung. Detaillierte linguistische Informationen zum Jiddischen und Ladino kann man im Vorwort nachlesen, und auch umfassende Biographien der drei Künstler fehlen nicht. Dieses sehr informativ und gut gestaltete Booklet ist übrigens komplett auf einer CD-eigenen Homepage abrufbar, von wo aus auch die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme mit den Künstlern besteht.
Wer eine CD sucht, um jüdisches Liedgut in traditioneller Interpretation kennenzulernen, dem sei von dieser Aufnahme eher abzuraten. Für den Kenner jiddischer und sephardischer Lieder könnte sie vielleicht von Interesse sein, um in eine etwas gewagte Verbindung von folkloristischer Musik und Kunstlied hineinzuhören. |