Sie sind hier:  Magazin > Plattenbesprechungen

Plattenkritiken, sortiert nach     | Empfehlungen | Datum | Komponist | Interpret | Orchester | Dirigent | Label

CD-, DVD-, Schallplatten- und Buch-Kritiken

Details zu Beethoven, Ludwig van: Complete Works for Piano - Volume 1
Cover vergrößern

Kritik zu BIS Records: Beethoven, Ludwig van: Complete Works for Piano - Volume 1

Revolutionärer Beethoven


Tobias Pfleger, 09.03.2005

Beethoven, Ludwig van: Complete Works for Piano - Volume 1
Label: BIS Records , VÖ: 23.09.2004
Hörbeispiele:
1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - 8 - 9 - 10 - 11 - 12 - 13 -


Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Diese Aufnahme ist besonders empfehlenswert.


Noch einen Zyklus mit Beethovens Klaviersonaten? Ist das wirklich nötig? Die selbe Frage stellte sich vor kurzem, als das schwedische Label BIS den ersten Teil der geplanten Beethoven-Sinfonien veröffentlichte. Eben dieser Plattenverlag nimmt sich vor, alle Klaviersonaten Beethovens einzuspielen und nimmt hier Projekte in Angriff, deren wirtschaftlicher und künstlerischer Erfolg angesichts des übergroßen Angebots an Alternativaufnahmen in den Sternen steht. Lohnt es nun –vergleichbar mit der hervorragenden und neue Seiten hervorkehrenden Aufnahme der Vierten und Fünften Sinfonie – auch bei den Sonaten für Klavier eine weitere Einspielung in den Plattenschrank zu stellen? Ja, unbedingt!
Denn der Beethoven, den der holländische Pianist Ronal Brautigam hier vorstellt, klingt nicht nur erfrischend, sondern unerhört und revolutionär. Schon die ersten Akkorde der ‘Pathétique’ hämmern dem Hörer in einer ungewohnt drastischen Weise entgegen. Der Nachbau eines Fortepianos aus dem Jahr 1802 schmettert Klangfarben hervor, die man auf einem modernen Konzertflügel nie erzeugen könnte. Hier klingt der siebenstimmige, in enger Lage erklingende c-Moll-Akkord so packend wie nie zuvor. Natürlich ist dies nicht nur durch die Verwendung eines Fortepianos bedingt, sondern auch durch die interpretatorische Grundhaltung Brautigams. Er scheint sich zum Ziel gesetzt zu haben, den modernen Ohren des Musikpublikums die Klaviersonaten Beethovens zu vorzustellen, wie diese womöglich auf die Zeitgenossen des Komponisten gewirkt haben: unerhört, dramatisch, leidenschaftlich, energisch; doch auch versonnen, elegisch, kantabel, wie in den langsamen Sätzen. Können diese Charaktere Beethovenscher Musik auch auf modernen Instrumenten angedeutet werden, so vermag Brautigam auf diesem Fortepiano die Gegensätze von furienhaften Klängen zarten Melodiebögen glänzend darzustellen.

Von der Tarantel gestochen

Man mag vielleicht in Fragen der Tempogestaltung Bedenken anmelden, denn der erste Satz der c-Moll-Sonate op. 13 wird von Ronald Brautigam rasend schnell genommen: Das Thema gewinnt so einerseits ungekannte Vehemenz, andererseits wird es weniger in seinen Einzelelementen als vielmehr als großer Bogen erfassbar. Das allerdings scheint genau die Spielanweisung ‘Allegro di molto e con brio’ abzubilden, denn hier soll es nicht um dunkle Seelenqualen gehen, sondern um feurige Leidenschaft. Bemerkenswert scheint hier vor allem, wie es der Pianist schafft, auch bei diesem horrend schnellen Tempo die aberwitzig flotte Achtelbegleitung differenziert zu gestalten. Die Oktavbewegungen in der linken Hand versieht Brautigam mit kleinen dynamischen Steigerungen, die gerade bei langsameren Bewegungen in der rechten Hand die Spannung halten. Man hat den Eindruck, als dränge die freigesetzte Energie unaufhaltsam vorwärts. Auch den dritten Satz interpretiert Brautigam in sehr schnellem Tempo. Dass man trotzdem nicht den Eindruck gewinnt, der Pianist rase wie von einer Tarantel gestochen durch die Gegend, liegt vor allem an der von Brautigam erzeugten Spannung, die auch durch die Tempogestaltung erzeugt wird: Hier treten – wie schon angedeutet – nicht Einzelelemente des Satzes in den Vordergrund, sondern größere Abschnitte. So wird die Architektur in Spannungsbögen umgewandelt, die sich dem Hörer unmittelbar mitteilen.

Feinste Technik

Erreicht wird die ungeheuere Drastik und Spannung jedoch nicht nur durch genaue Umsetzung der Spielanweisungen, sondern auch durch Brautigams famose Klaviertechnik. Verschiedene Anschlagshärten werden auf diesem Instrument sofort in fein schattierte Klänge umgewandelt, das leicht ansprechende Fortepiano bringt das feinfühlige Spiel Brautigams bestens zum Tragen. Vor allem klangliche Feinabstimmungen werden hier möglich, die auf einem Konzertflügel nicht in dem Maße zu realisieren sind.
Dass diese Aufnahme so frappierend aufregend klingt, hängt natürlich auch mit der Aufnahmetechnik zusammen. Sowohl in Bezug auf Dynamik als auch auf Klangfarbenreichtum gehört diese CD zur Spitzenklasse.
Man kann also nur hoffen, dass die mit dieser Aufnahme angefangene Reihe der Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven mit Ronald Brautigam fortgeführt wird. Der Einstieg zumindest hätte nicht besser gelingen können und lässt in Spannung auf Folgendes warten.

Mehr erfahren über den Autor

Weitere Kritiken zum Label BIS Records:

Symphonische Charakteristiken
Symphonische Charakteristiken
Osmo Vänskä und das Lahti Symphony Orchestra brillieren mit dem Zweiten Klavierkonzert und der Dreizehnten Symphonie von Kalevi Aho.
Weiter...
Zwei Schmerzenskinder
Zwei Schmerzenskinder
Diesen Einspielungen der beiden Symphonien William Waltons fehlt der letzte Schliff, klanglich werden sie gut präsentiert.
Weiter...
Fulminante Rehabilitation einer Spätfassung der Vierten
Fulminante Rehabilitation einer Spätfassung der Vierten
Die wohl erste moderne Einspielung einer unbekannten dritten Fassung der vierten Sinfonie Anton Bruckners. Die Fassung ist entgegen früherer Annahmen ‚echter’ Bruckner und kann hier in einer begeisternden Aufnahme entdeckt werden.
Weiter...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

Speziell, aber nicht weltbewegend
Speziell, aber nicht weltbewegend
Der Auftakt zur ersten wirklichen Gesamteinspielung der zweihändigen Klavierwerke Robert Schumanns durch Florian Uhlig überzeugt nur teilweise.
Weiter...
Barock trifft...
Barock trifft...
Vier Konzerte des israelisch-amerikanischen Komponisten Avner Dorman (geb. 1975), die eine meist eingängige und frische Mischung aus Barock-, Rock- und Popmusik, aus Minimalismus und vorderasiatischer Musik bietet. Bestens dargeboten und aufgenommen.
Weiter...
Musiktheater im Zwischenstadium
Musiktheater im Zwischenstadium
Das Theater St. Gallen kann mit der Wiederaufführung von Mayrs 'Medea in Corinto' nicht in allen Belangen überzeugen.
Weiter...
Ihnen gefällt diese Seite?

Hinweise:
Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:
Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich
Login
E-Mail:
Kennwort:
Kennwort vergessen?
Newsletter abonnieren
klassik.com empfehlen
Anzeige

harmonia mundi magazin (9/2010) herunterladen (2486 KByte)

Anzeige

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2010) herunterladen (3298 KByte)

Jetzt im klassik.com Radio

Georg Friedrich Händel: Kantate ´Solitudini care, amata liberta´ HWV 163 - Aria

Radio starten

Empfehlungen der Redaktion
Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...
Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen weiter...
Musikzeitschriften
Österreichische Musikzeitschrift
Vorwort
[weiter]
Portrait
Jonathan Nott im Portrait
""Ich komme nicht weg von der Kantilene""
Jonathan Nott findet in Mahlers Sinfonien die Spiegelung seiner musikalischen Ideale - den Ausgleich von Emotion und Struktur
Sponsored Links


Home | Aktuell | Community | Magazin | Portraits | Musikshop | Professionals
Mein klassik.com | Hilfe / Sitemap | Wir über uns | Kontakt
Werbung | Stellenangebote | Praktika | Datenschutz | Lizensierung | Impressum

© Copyright 1993-2010 eMusici.com GmbH - Alle Rechte vorbehalten.
Powered by StageKit 2.0