Rein äußerlich ist diese Einspielung von Bachs Johannespassion der Konkurrenz weit überlegen. In einem stabilen Pappschuber befindet sich eine Box mit den beiden CDs und daneben ein Buch – nicht etwa ein Booklet – mit 192 Seiten Text- und Bildmaterial zum Werk. Eine sehr edle, hochwertige Ausstattung, kein Zweifel – ob die Interpretation selbst da mithalten kann? Jos van Veldhoven leitet Chor und Orchester der Netherlands Bach Society; die Solisten sind Caroline Stam (Sopran), Peter de Groot (Altus), Gerd Türk (Tenor/Evangelist), Charles Daniels (Tenor), Stephan MacLeod (Baß/Christus) und Bas Ramselaar (Baß). Van Veldhoven erläutert im beigelegten Buch seine Version einer historischen Aufführungspraxis: kleine Sängergruppen (Ripienisten) statt eines großen Chores, dreifach besetztes Continuo (mit Orgel, Cembalo und Theorbe) sowie Verzicht auf Querflöten und damit Annäherung an die erste Fassung der Passion von 1724.
Beim ersten Hören des Eingangschores können diese Elemente irritieren: dem Chor scheint die Wucht und Dramatik zu fehlen, die man von so mancher Aufführung der Johannespassion gewohnt ist, die Theorbe sticht aus dem Continuo heraus. Aber in sich ist diese Einspielung schlüssig – und das ist der springende Punkt: keine Variante historischer Aufführungspraxis wird heute dogmatisch von sich behaupten, genau so und nicht anders sei zu Bachs Zeit musiziert worden. Die Idee, den Evangelisten von Cello und Cembalo, Jesus dagegen von Orgel, Theorbe und Kontrabaß begleiten zu lassen, erweist sich im Laufe des Werkes als abwechslungsreiche Auflockerung. Alle Solisten agieren auf hohem Niveau, besonders Gerd Türk beeindruckt als Evangelist durch präzise Artikulation und klares Textverständnis. Caroline Stam bewältigt ihre beiden Arien ´Ich folge dir gleichfalls´ und ´Zerfließe, mein Herze´ mit Hingabe und Schwung. Nach einer Weile hat man beinahe vergessen, wie dünn der Chor besetzt ist – die Leistung der Ausführenden wiegt dieses scheinbare Defizit mühelos auf.
Im Laufe der 40 Nummern der Passion gelingt es den Musikern, den dramatischen Spannungsbogen zu halten, selbst die mit merkwürdigen Symbolen barocker Poetik aufgeladene Arie ´Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken´ fügt sich in der Interpretation von Charles Daniels schlüssig in das Gesamtgeschehen ein. Van Veldhoven schlägt ein relativ flottes Tempo an, das aber nie gehetzt wirkt. Ein großer Pluspunkt dieser Johannespassion ist die deutliche Aussprache der Solisten wie des Chores; wer den Text nicht ohnehin kennt, kann ihn mühelos auch ohne das beiliegende Buch nachvollziehen. Auch die Korrespondenz zwischen Bas Ramselaar und dem Chor in der Arie ´Eilt, ihr angefochtnen Seelen´ ist einwandfrei. Bei allem Lob darf allerdings ein wichtiger, wenn auch behutsam zu diskutierender Kritikpunkt nicht vergessen werden: Aufnahmen der Johannespassion existieren zur Genüge. Selbst die Gesichtspunkt der historischen Aufführungspraxis sind mittlerweile in allen nur denkbaren Facetten berücksichtigt worden – etwa von Harnoncourt und Norrington, um nur zwei von vielen Dirigenten zu nennen. Gewiß hat das Werk einen musikalischen Stellenwert, der zahlreiche Einspielungen (auch aus dem Blickwinkel der verschiedenen Fassungen) wünschenswert erscheinen läßt. Doch irgendwann ist auch hier eine Grenze erreicht, an der man die Aufnahmetätigkeit den zahlreichen anderen Passionen des 18. Jahrhunderts zuwenden könnte – etwa den Werken von Telemann oder Keiser.
Wer indessen noch keine Johannespassion besitzt, bekommt mit diesem Set nicht nur eine exzellente Interpretation, sondern auch sehr reichhaltige Informationen über das Werk geliefert. Die Passion Christi wird im beiliegenden Buch durch zahlreiche Bilder und Gemälde dokumentiert. Unter diesem Gesichtspunkt handelt es sich um eine lohnenswerte Anschaffung – rein interpretatorisch gibt es dagegen wenig Neues. Der Klang ist nicht perfekt, aber doch auf hohem Niveau.
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