Ein Konzert gut zu konzipieren ist eine wahre Kunst. Zu selten erschließen sich die Zusammenhänge zwischen den dargebotenen Stücken, zu oft bleibt ein Programm konservativ und bedient sich eines unflexiblen Repertoires. Doch mit dem im Juli 2003 mitgeschnittenen Konzert in der Stuttgarter Johanneskirche legt die lettische Organistin Iveta Apkalna ein Programm vor, das allein schon durch seine innere Balance und Ausgewogenheit besticht. Überzeugend nicht zuletzt das harmonische Nebeneinander von großen Standardwerken wie Liszts Präludium und Fuge über B-A-C-H, so wie Bachs gigantische Fantasie und Fuge g-moll, und Werken zeitgenössischer Komponisten wie Péteris Vasks und Philip Glass.
So setzt gerade Vasks meditatives Stück ‘Viatore’ einen eindrucksvollen Kontrapunkt zu Liszts virtuos-aufwühlendem Werk. Bachs Fantasie und Fuge kann sich danach aus der Ruhe in die Höhe bauen und die angestauten Energien in Naji Hakims furiosem Finale aus der ‘Hommage an Stravinsky’ in einem Feuerwerk der Virtuosität entladen.
Es ist der Bescheidenheit Apkalnas zu verdanken, dass das Ende von Philip Glass' Oper ‘Satyagraha’ einen ebenso innigen wie innerlichen Schlusspunkt setzt, also nicht das bravoheischende Hakim-Stück das Konzert beschließt.
Es ergibt sich eins aus dem anderen; das Programm besticht durch seine Logik, die große innere Balance und Folgerichtigkeit. Hinzu kommt natürlich Iveta Apkalnas überzeugende musikalische Umsetzung. Gerade Hakims ‘Hommage’ überzeugt neben der hohen virtuosen Beherrschung nicht zuletzt durch die farbige und kontrastreiche Registrierung. Es vermischen sich farbliche so wie geräuschhafte Elemente bis zur Kakophonie, zur Unerträglichkeit gesteigert. Sehr beeindruckend auch die große Ruhe, der lange Atem in dem Stück von Vasks, das sich langsam und gemessen mit ruhigen Puls entwickelnd kann.
Die enge Verbindung der Organistin zur Musik des 20. Jahrhundert ist eine sehr positiv zu bewertende Allianz. Leider wirkt die Interpretation der Bach-Fuge nicht ganz so überzeugend wie der Rest des Konzertes. Das Thema beginnt kühn, gut artikuliert und phrasiert, verliert aber mit zunehmender kontrapunktischer Steigerung an Nachhaltigkeit. Zu sehr ist Apkalna damit beschäftigt, das Gebilde zusammenzuhalten, als dass sie sich innerhalb der Musik frei gestaltend bewegen könnte. Dass die Fuge sich in Klangmasse aufzulösen droht, hängt nicht all zu sehr mit der Akustik der relativ überschaubaren Johanneskirche zusammen; auch nicht ausschließlich mit den erschwerten Aufnahmebedingungen des Live-Mitschnitts.
Doch es ist der Gesamteindruck der überzeugt. Mit dieser Aufnahme stellt sich Iveta Apkalna als sehr vielversprechende Künstlerin mit großem ästhetischem Empfinden und überzeugenden technischen Fähigkeiten vor. Sollte sie in der Lage sein, auch das klassische Repertoire zur Meisterschaft zu führen, können wir uns in Zukunft auf eine großartige Balance zwischen Neuem und Altem einstellen. |