Für die Fähigkeit, Koloraturen und Wahnsinnsarien in bester Symbiose zu verbinden, steht unter den großen Primadonnen unserer Zeit der Name Gruberova. Wenn Linda zu Ende des zweiten Aktes dem Wahnsinn verfällt, geschieht mit dem Zuschauer spätestens jetzt selbiges; er verfällt der Gruberova.
Mit Gaetano Donizettis (1797-1848) Opernschaffen verbindet man beim ersten Gedanken ‘Lucia di Lammermoor’, ‘Don Pasquale’ und ‘Der Liebestrank’, jedoch kaum ‘Linda di Chamounix’. Neben Bellini und Rossini steht Donizetti in einer Reihe der großen Meister des italienischen Belcanto. Wenn auch das Sujet an Originalität etwas zu wünschen übrig lässt, ist Donizetti mit ‘Linda di Chamounix’ aus musikalischer Sicht ein sehr reizvolles Stück Musiktheater gelungen. Das 1842 am Wiener Kärntnerthortheater uraufgeführte Spätwerk nach dem Libretto von Gaetano Rossi zählt zu seinen heute sehr selten aufgeführten Werken. Über den Grund darf spekuliert werden, möglicherweise aber kommt man nach Ansehen und -hören der DVD zu einer Lösung. Wie in den meisten Donizetti-Opern, so hängt auch die erfolgreiche Aufführung von ‘Linda di Chamounix’ in hohem Maße vom Auftritt der Primadonna ab.
Das Spiel mit der Rolle, der Stimme, den Koloraturen, das An- und Abschwellen bzw. –Klingenlassen von Tönen oder Trillern – all dies meistert Edita Gruberova in dieser Züricher Aufnahme aus dem Jahr 1996 in der Inszenierung von Daniel Schmid perfekt in Intonation und Interpretation. Sie scheitert an keinem noch so schwierigen chromatischen Lauf, an keiner noch so hohen technischen Hürde. Gruberova singt nicht nur fehlerfrei, sie glänzt vielmehr mit reiner, heller, weicher und strahlender Stimme. Es präsentiert sich uns eine bezaubernde junge Linda, obwohl die Slowakin zum Zeitpunkt der Live-Einspielung bereits das 50. Lebensjahr überschritten hatte. Ovationen und immer wieder aufkommender Szenenapplaus des Opern- und wohl auch Fernsehpublikums kommentieren die Leistung der Primadonna.
‘Linda di Chamounix’ ist die Geschichte des schönen, aber armen Bauernmädchens Linda, das zusammen mit ihren Eltern (Armando Ariostini und Nadine Asher) in bescheidenen Verhältnissen in einem Bergdorf lebt. Der verkommene Patron des Dorfes, der Marchese di Boisfleury (Jacob Will), gibt sich gegenüber den Eltern als Wohltäter, möchte aber insgeheim Linda zu seiner Geliebten machen. Das Mädchen jedoch ist dem angeblich armen Maler Carlo (Deon van der Walt) zugeneigt. Auf Anraten des Präfekten (László Polgár), der die unehrenhaften Absichten des Marchese durchschaut, schickt der Vater Linda unter der Obhut Pierottos (Cornelia Kallisch), einem treuen Jugendfreund des Mädchens, nach Paris.
Dort gibt sich Carlo Linda als Neffe des Marchese und Visconte di Sirval zu erkennen und bringt sie in einer vornehmen Wohnung unter. Durch Pierotto erfährt Linda von den Hochzeitsvorbereitungen Carlos, der auf Druck der Mutter eine andere Frau heiraten soll. In der Annahme, von Carlo hintergangen worden zu sein und vom Vater verstoßen, verfällt Linda dem Wahnsinn.
Zurück im Bergdorf sorgen sich die Bewohner um Linda. Im Gegensatz allerdings zum Schicksal Gaetano Donizettis, der sein Leben im Wahnsinn beendete, wendet sich die Geschichte von Linda und Carlo am Ende zum Guten.
Bei einer derart herausragenden Hauptfigur rückt das übrige Sängerensemble zu Unrecht, aber zwangsläufig ein wenig in den Hintergrund. Durchweg souverän und erstklassig besetzt sind die Hauptrollen: Angefangen von Deon van der Walt (Tenor), über Armando Ariostini (Bariton), dem in dieser Inszenierung erschreckend Graf Dracula gleichsehenden László Polgár (Bass), Cornelia Kallisch (Mezzosopran) bis hin zum Marchese in Person von Jacob Will (Buffo) können alle Akteure in ihren Rollen stimmlich wie auch schauspielerisch überzeugen. An die überzeugende sängerische Gesamtleistung reiht sich das von Adam Fischer dezent geleitete und immer hellwache Orchester des Opernhauses Zürich.
Das Bühnenbild wird beim Publikum wie bei allen modern und damit an Requisiten sehr sparsam ausgestatteten Kulissen geteilte Reaktionen hervorrufen. Als zurückhaltend ist die Inszenierung, als subtil die Beleuchtung zu bezeichnen. Kalte Farben dominieren, von Anfang an auffallend sind die Blau-Violett-Töne, in die die ganze Bühne getaucht ist und die auf den späteren Wahnsinn Lindas hindeuten. Dem Zuschauer wird ein kühles, ironisiertes und damit dem gängigen Typus der idyllisch-dörflichen Bergszenerie entgegen gesetztes Bild geboten.
Obwohl es sich bei dieser Aufnahme um einen Live-Mitschnitt handelt, wird die Aufführung nur selten durch Nebengeräusche gestört. Die bei TDK erschienene DVD überzeugt sowohl in Bild und Ton, und bringt dem Zuschauer dazu die begeisterte Reaktion des Züricher Publikums direkt ins Wohnzimmer. Wenn auch so mancher Freund des traditionellen Bühnenbildes der Inszenierung nicht vollauf zustimmen wird, aus sängerischer und musikalischer Sicht jedenfalls ist diese ‘Linda di Chamounix’ für jeden Liebhaber des italienischen Belcanto absolut empfehlenswert. |