Wenn einzelne Gestalten aus früherer Musikgeschichte herausragen, und ihr Leben und Schaffen so dokumentiert ist, dass dem Hörer der Gegenwart ein einigermaßen plastisches Bild entsteht, interessieren diese Figuren automatisch mehr als anonyme Künstler. Das mag einer romantischen Auffassung geschuldet sein, die das Werk aufs engste mit seinem Schöpfer verknüpfte – oder es ist einfach menschlich, sich mehr für erkennbare Personen und ihr Werk als für ‚herrenlos‘ überlieferte Kunstwerke zu interessieren.
In dieser Weise ragt uns der Dichter und Komponist Oswald von Wolkenstein (ca. 1377-1445) entgegen. Für die Literatur jener Zeit eine wichtige Größe, ist die Anerkennung auf dem Gebiet der Musik nicht vergleichbar. Doch auch hier gibt es Lohnendes zu entdecken, wie die vorliegende Einspielung etlicher ein- oder mehrstimmiger Lieder von Wolkenstein zeigt. Die kundige Formation Shield of Harmony unter der Leitung von Crawford Young hat jetzt zusammen mit dem aus dem Barockrepertoire bestens bekannten Altus Andreas Scholl ein schönes Programm zusammengestellt. Darin finden sich lyrische Stücke ebenso wie rein instrumentale tänzerische Sätze. Wobei die hohe Bedeutung der Texte Oswalds von Wolkenstein für die musikalische Sphäre deutlich herausgestellt werden muss – Oswald war in erster Linie zweifellos Dichter, weshalb wohl mit Crawford Young davon ausgegangen werden kann, das Wolkenstein auch im zeitgenössischen Vergleich nur wenig an avancierter musikalischer Satztechnik interessiert war und Theoretisches eher nicht im Mittelpunkt stand. So entsteht ein auch für den nicht speziell vorgebildeten Hörer, der vielleicht über den Interpreten Scholl zu dieser Aufnahme gekommen ist, ein charakteristischer Spannungsbogen von lyrischem Gesang und eher bewegteren instrumentalen Deutungen.
Sehr schöne Interpretation
Andreas Scholl kann seine lyrisch-schwebenden Qualitäten in diesem Programm voll einbringen, etliche solistische Lieder sind wie für seine stimmlichen Möglichkeiten gemacht. Dabei bewegt er sich auch deklamatorisch leicht und erstaunlich selbstverständlich durch ein Repertoire, mit dem er bisher nicht hervorgetreten ist. In einigen Liedern singt er mit seiner baritonalen Bruststimme: Das bietet einen passenden Kontrast für das Programm, lässt aber zugleich deutlich werden, dass seine Ausnahmestellung als Altus nicht zwingend auf eine vergleichbare Konstellation im Bariton-Register schließen lässt.
Glückend ist die vokale Interaktion mit der ebenfalls beteiligten Sopranistin Kathleen Dineen, deren Stimme sich glänzend mit Scholls lyrischem Altus mischt. Das Ensemble Shield of Harmony musiziert mit zarter, schmaler Geste, fügt die Klänge gewissermaßen zum vokalen Anteil hinzu. Dabei bezaubern charakteristische Klangfarben wie die des ‚dulce melos‘ – eines mit Schlegeln gespielten Hackbretts – und sorgen für einen stimmungsvollen Klangraum. In den rein instrumental interpretierten Stücken dominiert das rhythmisch-tänzerische Element, das dann auch für eine stärkere Dynamisierung sorgt. Die Tempi sind fließend im Vokalen, rhythmisch angetrieben im Instrumentalen. Das Klangbild ist sehr gut strukturiert, klar, fast kristallin – aber eben nicht hart, so dass die schmale Besetzung plastisch abgebildet wird.
Andreas Scholl und Shield of Harmony finden einen eigenständigen, im Booklet-Essay gut begründeten und reflektierten Zugang zur Lyrik und zur Musik Oswald von Wolkensteins. Etliche der bei der Interpretation dieser Musik notwendig zu treffenden Entscheidungen können überzeugen – man weiß ohnehin nur sehr wenig darüber, wie es war oder sein sollte. Aber die interpretatorische Erfahrung und Expertise der Akteure führt zu einem im lyrischen Ton ebenso wie im musikantischen Temperament überzeugenden Ergebnis. Das Programm hat mehrere Gesichter, so wie Wolkenstein in Lyrik und Musik. Insofern ist es eine runde und gelungene Deutung, zart und lebendig zugleich. |