Was die Neuveröffentlichungen zum 200. Geburtstag von Felix Mendelssohn Bartholdy angeht, sind seine Lieder leider etwas kurz gekommen, hauptsächlich Einspielungen der 'Lieder ohne Worte' haben in der ersten Hälfte von 2009 den Markt überschwemmt. Auf dieser CD, die bei dem Label Profil Edition - Günter Hänssler erschienen ist, haben sich die junge Sopranistin Gudrun Sidonie Otto und ihr Klavierbegleiter Wolfgang Brunner mit Hingabe dem sehr privaten Liedwerk Mendelssohns gewidmet. Mit großem Erfolg!
Überzeugende Auswahl
Mendelssohns Lieder, die ihre Erstaufführung meist in kleineren Privatkonzerten in den bürgerlichen Salons von Leipzig oder Berlin fanden, begleiteten ihn sein gesamtes Leben und Schaffen hindurch. Die CD bietet eine gute Auswahl von Anteilen aus dem Frühwerk ('Erntelied' op.8/4) über die mittleren Jahre ('Frühlingslied' op.47/3) bis hin zu Liedern aus seiner letzten Sammlung ('Es weiss und rät es doch keiner' op.99/6). Auffällig ist am Liedwerk Mendelssohns vor allem der große Anteil an Liedern mit religiösen Texten. Aus Briefen, die in durchaus bereichernder Weise in Auszügen im Booklet abgedruckt sind, erfährt man, dass die Anlässe vor allem zu den religiösen Liedern oft sehr privat waren. Mendelssohn vergleicht dort seinen Drang, geistliche Musik zu komponieren, mit dem Bedürfnis, danach in einem speziellen Buch oder in der Bibel zu lesen. Leider finden diese Kompositionen heute eher weniger Beachtung, und so ist es umso schöner, dass auf dieser Einspielung einige davon zu hören sind, wie 'Entsagung op.9/11 oder 'Tröstung' op.71/1. Der oftmals erhobene Vorwurf der Naivität oder übermäßiger Sentimentalität, der besonders die religiösen Lieder trifft, wird durch die schlichte und innige, aber nicht übertrieben pathetische Interpretation des Duos entkräftet. So ist es auch durchaus nicht als Manko zu empfinden, dass auf dieser CD wohl die berühmtesten Mendelssohn Lieder 'Auf Flügeln des Gesanges' op.34/2 oder 'Neue Liebe' op.19/4 nicht zu finden sind. Dafür gibt es etwas unbekanntere Schätze wie das 'Morgenlied' op.86/2 oder 'Pilgerspruch' op.8/5. Dazu gehört Mut und die Rechnung geht auf. Man hört, es ist eine überzeugende Auswahl getroffen worden.
Präziser Wohlklang
Gudrun Sidonie Otto überzeugt mit klarer, beweglicher und klangschöner Stimme, und ihr helles, brillantes Timbre führt sie mühelos und intonationssicher durch alle Lagen. Durch ihre differenzierte Gestaltung schafft sie es, die Vielfalt der Lieder noch durch eine sehr ansprechende Farbigkeit zu bereichern. Sie vermag beim wohl dramatischsten Stück 'Andres Maienlied' op.8/8 (von dem übrigens auch ein durchaus interessanter Filmclip auf der CD zu finden ist) ohne ins Opernhafte abzudriften, gekonnt die Hexen tanzen zu lassen. Es gelingt ihr aber auch, in 'Entsagung' mit einer erstaunlich anrührenden Schlichtheit und Innigkeit den Ton dieses einfachen, kirchenliedhaften Stückes ganz präzise zu treffen. Außerdem darf sich der Hörer an einer sehr differenzierten Aussprache erfreuen.
Eine Besonderheit dieser Aufnahme ist sicher die Entscheidung für einen ca. 1815 in Wien gebauten Hammerflügel mit sechs Oktaven, der dem von Mendelssohn geschätzten Klang sehr nahe kommen mag. Dies verleiht der ganzen Interpretation natürlich ein ganz besonderes Gepräge, was mit einem gängigen, modernen Konzertflügel wohl nicht in dem Maße erreicht worden wäre. Mit Wolfgang Brunner hat die junge Sopranistin einen überaus erfahrenen und engagiert musizierenden Begleiter mit wunderbar frischem Engagement zur Seite.
Insgesamt ist diese Aufnahme wirklich eine ausgesprochen überzeugende Zusammenstellung und Interpretation von Liedern Mendelssohns. Das Duo harmoniert sehr gut und der Zusammenklang ist stimmig und homogen. Die CD in technisch guter Qualität stellt außerdem eine hervorragende, junge Sängerin vor, von der es hoffentlich bald noch mehr Aufnahmen zu hören geben wird. |