Die CD-Reihe ‚Edition Staatskapelle Dresden’ fördert mitunter kleine Hörschätze aus den Bergwerken des DDR-Rundfunks zutage, in denen, um im Bild zu bleiben, Originalbänder abgebaut und anschließend auf akustischen Hochglanz gebracht werden. So geschehen auch beim 28. Teil der Edition, der auf zwei CDs den Live-Mitschnitt des Sinfoniekonzerts vom 15. März 1974 der Staatskapelle aus dem Dresdner Kulturpalast bringt. Auf dem Programm standen Claude Debussys 'Prélude à l'après-midi d'un faune’, Robert Schumanns a-Moll Klavierkonzert op. 54 und 'Ein Heldenleben’ op. 40 von Richard Strauss. Der Dirigent war für das Orchester kein Unbekannter, dazu jemand, der die Herzen von Strauss-Fans höher schlagen lässt. Die Rede ist von Rudolf Kempe. Seine musikalische Ausbildung hatte der gebürtige Dresdner an der von Fritz Busch ins Leben gerufenen Orchesterschule der Sächsischen Staatskapelle genossen und von 1950 bis 1953 dieser selbst als Generalmusikdirektor und Nachfolger Joseph Keilberths vorgestanden. Gerne wohl hätte der gelernte Oboist seine ‚älteste Geliebte’ noch öfter dirigiert, doch kulturpolitische Querelen zwischen Ost und West standen dem leider häufig entgegen.
Wer sich mit dem Thema Sächsische Staatskapelle und Rudolf Kempe ausführlicher beschäftigen möchte, der sollte einen Blick in das sehr text- und bildreiche, liebevoll gestaltete Booklet werfen. Ebenso viel Detailarbeit scheint man bei der Aufbereitung der originalen Radiobänder aufgewandt zu haben, denn die Aufnahme ist klanglich einwandfrei und wirkt sogar noch jünger als erwartet. Sicher ist die Akustik des Dresdner Kulturpalastes wegen ihres ziemlich ausgeprägten Halls für Aufnahmen eher problematisch, doch waren die Staatskapelle und Kempe an diesem Abend so gut aufgelegt, der Orchesterklang und die interpretatorische Stringenz derart mitreißend, dass man beim Hören darauf kaum achten wird. Vor allem Strauss’ 'Heldenleben’, das spektakuläre und nicht gerade unbescheidene musikalische Selbstportrait eines 35jährigen, wird so ungebremst vital, so intelligent, geradezu erhebend, quasi als ein einziger großer Bogen musiziert, dass es eine Dreiviertelstunde lang zu keinem einzigen Spannungsloch kommt, auch nicht während der ausgedehnten Violinsoli von Peter Mirring. Kempe verfällt dabei nie der nahe liegenden Verlockung der Selbstinszenierung, der gleichsam ins Profane abgleitenden Prahlerei. Dafür durchschaut er die verschachtelten Stimmverläufe zu sehr, gestaltet er die Steigerungen zu fein schattiert, ist sein Blick für die Einzelteile und das große Ganze einfach zu präsent, kurz, tritt er zu sehr hinter der Musik zurück, und erzielt damit zwei Jahre vor seinem Tod ein nahezu vollendetes Ergebnis.
Sicher, Kempe und die Staatskapelle haben sämtliche sinfonischen Dichtungen von Strauss bereits ein Jahr zuvor im Studio eingespielt. Gegen das Argument, man kenne das alles ja schon, lässt sich aber natürlich das Live-Erlebnis dieser Aufnahme halten, und dann sind da ja noch Schumann und Debussy, deren Werke alles andere als Beigaben zum 'Heldenleben’ darstellen. Denn erstens entpuppt sich das ‚Strauss-Orchester’ aus Dresden hier als wunderbarer Klangkörper für Debussys luftige Texturen und sein strömendes Melos und zweites bewältigt der amerikanische Pianist Malcolm Frager Schumanns a-Moll Klavierkonzert selten plastisch sowie hochsensibel. |