Die Geschichte von Apollo und Daphne ist eine fabelhafte Geschichte. Die Schlichtheit der Konstellation und Handlungsführung (Gott liebt Nymphe – Nymphe läuft weg – Nymphe wird Baum) formuliert einen mythischen Kern, der an Grundsätzliches rührt, und, wie oft bei den griechischen Mythen, durch die laufende Ausdeutung und -gestaltung die europäische Kulturgeschichte dergestalt begleitet, dass man sagen könnte: Das ist einer der Mythen, die diese Kulturgeschichte unmittelbar ausmachen. Nicht zuletzt durch die Beteiligung des Gottes der Künste ist der Mythos ein Brennpunkt über Flüchtigkeit, Gestaltung und Dauer. Auch Händel hat 1710 eine Kantate zur Geschichte der ersten traurigen Liebe des Gottes geschrieben. Die Handlung beginnt, indem der Gott in die Schranken gewiesen wird: gerade hat er den Python, ein grässliches Untier, erlegt, und fühlt keine höhere Macht mehr über sich – und findet in Eros seinen Meister. 'Figat tuus omnia, Phoebe, te meus arcus.‘ sagt Eros sehr geschliffen bei Ovid: Mag dein Pfeil auch alles treffen, Phöbus, meiner trifft dich.
Händel hatte auch eine Oper zu diesem Stoff geschrieben, die 1708 in Hamburg (wegen Überlänge in zwei Teilen) uraufgeführt wurde, aber dieses Werk ist leider nur mittelbar erhalten; was übrig blieb, indem Händel einige Instrumentalabschnitte zu Suiten zusammenstellte, ist nun gemeinsam mit der genannten Kantate auf einer CD versammelt. Unter der Leitung von Bernhard Forck hat das Händelfestspielorchester Halle mit den Solisten Myrsini Margariti (Sopran) und Nikolay Borchev (Bariton) die Kantate HWV122 und, je geschlossen unter die Handlung der Kantate gemischt, die Suiten in B-Dur HWV352 und G-Dur HWV353 eingespielt. Und diese Einspielung ist sehr gelungen – und wird ihre Form nicht mehr verändern.
Das Händelfestspielorchester, das der erfahrene Forck seit 2007 vom Pult des Konzertmeisters aus leitet, pflegt einen schwebend leichten, transparenten Streicherklang und vollzieht die bildlose Handlung agil und treffend nach. In Verbindung mit den Solisten gelangt man hier so nah ans bildgebende Verfahren, wie es die Musik, die 1711 zum Geburtstag von Queen Anne uraufgeführt wurde (und vielleicht des jungen Komponisten ironisches ‚tempus fugit‘ ebenso stimulierte), zulässt. Der Bariton Nikolay Borchev gibt den Apoll bewusst und federnd. Die Bass-Arie 'Come rosa in su la spina‘ etwa gelingt sehr viel leichter, belebter und (der Situation und Zeit des Gottes angemessener) auch jugendlicher als die Interpretation von Lorenzo Regazzo und dem Concerto Italiano
aus dem letzten Jahr. Sowohl was das Orchester als auch den Solisten angeht. Dahinter bleibt Myrsini Margariti als Daphne nicht zurück; mit weicher, runder Stimme und auch nicht zu verhalten gibt sie die Tochter des Peneios.
Dem gemischten und themenorientierten Programm der CD ist noch das Concerto grosso op.6/4 in a-Moll beigegeben, wie eine groß angelegte Zugabe, in der das Orchester noch einmal seine Fähigkeiten zeigen kann; das wäre nach der überzeugenden Ineinanderfügung dreier Werke kaum mehr nötig gewesen. Ein weniger karges und verschlossenes Booklet hingegen hätte zur Rundung des Projekts beitragen können. |