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Sonntag, 20. April 2014

Oh Fair to See - Song cycles for tenor and piano

Der Doktor und der liebe Finzi


Label/Verlag: Linn Records
Detailinformationen zur Platte


Eine spannende Repertoireerweiterung und fr ein deutsches Publikum sicher eine Entdeckung wert.

Es ist erst zehn Jahre her, als James Gilchrist sich gänzlich der Musik verschrieben hat. Zuvor hat der Tenor, der nicht nur mit John Eliot Gardiner die ‚Bach Pilgrimage’ angetreten hat, sondern auch in Rollen in Gilbert & Sullivan-Operetten und Händel-Opern und –Oratorien Erfolge feiern konnte, ein Leben als Arzt geführt oder gefristet. Die zeitgenössische Musik liegt ihm besonders am Herzen. Er wirkte bei den Uraufführungen von Knut Nystedt’s ‚Apocalypsis Johannis’ und in John Tavener’s ‚Total Eclipse’ mit. Zusammen mit seiner musikalischen Partnerin, der Pianistin Anna Tilbrook, befasste er sich mit Schumanns ‚Liederkreis’, aber auch mit Klavierliedern von Poulenc und Gerald Finzi. Letzterem widmen James Gilchrist und Anna Tilbrook eine ganze CD mit drei Liederzyklen.

Englisch durch und durch

In der Musik Englands haben sich im 20. Jahrhundert durchaus Schulen ausgebildet. Vielleicht sollte man besser sagen: es haben sich Traditionsstränge fortgesetzt. Gerald Finzi, Jahrgang 1901, wurde stark von Ivor Gurney beeinflusst, der wiederum fest verwurzelt mit den Traditionssträngen des Londoner Royal College of Music war. Etwas ketzerisch ließe sich diese Institution als Kaderschmiede der englischen ‚pastoralen Schule’ bezeichnen. Das, und dies soll betont werden, ist nicht böse gemeint. Gerald Finzi, der bereits 1956 starb, mag zwar von den Traditionen dieser Schule beeinflusst worden sein, bei genauem Betrachten jedoch wird schnell offenkundig, dass er ein ultra-romantischer Komponist war. In einem Nachruf schrieb Howard Ferguson, Finzis tiefstes Interesse habe wahrscheinlich der englischen Dichtung gegolten und anders als einige Komponisten habe er nicht nur Lyrik gelesen, um etwas Vertonbares zu finden, sondern weil er die Dichtung liebte. Eine der intimsten musikalischen Gattungen, das Klavierlied, wurde deshalb zu einem Schwerpunkt seines Schaffens. Er veröffentlichte seine Lieder nie einzeln, sondern fasste sie in Zyklen zusammen. Das konnte immer wieder lange dauern, und aus diesem Grunde blieben bei seinem Tod nahezu zwei Dutzend Lieder unveröffentlicht in Finzis Skizzenheft. Material für vier weitere Zyklen. Zwei davon, ‚Oh Fair to See’ und ‚Till Earth Outwears’ haben James Gilchrist und Anna Tilbrook eingespielt. Dazu gesellt sich noch der Zyklus ‚A Young Man’s Exhortation’. Während ‚Oh Fair to See’ auf Gedichten von Christina Rossetti, Edward Shanks, Ivor Gurney, Edmund Blunden, Robert Bridges und Thomas Hardy fußt, vertonte Finzi in den beiden anderen Zyklen ausschließlich Gedichte von Thomas Hardy – englisch durch und durch.

Romantisch durch und durch

Finzis Lieder haben tragen fast alle den Gestus des Melancholischen, des Schmerzlichen, des Introspektiven. Thomas Hardys Gedichte dürften daher kaum adäquater vertont worden sein als von Finzi. Nicht die Lyrik Hardys ist romantisch, Finzis Musik ist es – sie ist romantisch durch und durch. Für James Gilchrist bietet sich hier die Möglichkeit, sein breites Ausdrucksspektrum zu präsentieren, wobei ihm seine Opern- und Oratorienerfahrung zugute kommt. In Finzis Liedern findet er Deklamation, findet er die breite Phrase der Exaltiertheit ebenso wie die noble Geste. Gilchrists Dynamik und Ambitus bringen unterschiedliche Stimmfärbungen hervor: in der Tiefe warm und samten, in der Höhe kräftig, aber nie eng und fest. Er exponiert sein Vibrato nicht verschwenderisch, sondern entwickelt es am Einzelton fein abgestuft und immer deutlich am Text entlang, um ihm größtmögliche Verständlichkeit zu geben. Für Anna Tilbrook scheint die Intimität der Finzi-Lieder ein ideales Feld zu sein. Ihr Spiel, das auch in den leisesten Passagen immer präsent und markiert bleibt, bildet eine Symbiose mit Gilchrists Gesang, Klavier und Stimme verschmelzen. Finzis Faktur ist stets so angelegt, dass Vokales und Instrumentales sich gegenseitig bedingen. Dies setzen Gilchrist und Tilbrook ungemein subtil um. Eine spannende Repertoireerweiterung und für ein deutsches Publikum sicher eine Entdeckung wert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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