> > > Bach, Johann Sebastian: Sonaten & Partiten fr Violine
Samstag, 5. September 2015

Bach, Johann Sebastian - Sonaten & Partiten fr Violine

Introspektiv


Label/Verlag: Linn Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Pavlo Beznosiuk mit einer konzentrierten Deutung der Bachschen Sonaten und Partiten fr Solovioline.

Johann Sebastian Bachs Sonaten und Partiten für Solovioline sind ebenso häufig eingespielt wie beschrieben und bedacht worden – und dennoch sind bei jedem Hören einer niveauvollen Einspielung, sind mit jeder neuen Interpretation bemerkenswerte Aspekte zu entdecken. Nicht anders ist es bei der aktuell vorliegenden Version des britischen Barockgeigers Pavlo Beznosiuk, die beim rührigen Label Linn produziert wurde. Beznosiuk ist neben seiner Tätigkeit als Violinist auch ein versierter und erfolgreicher Ensembleleiter, der mit seinem Avison Ensemble eine Reihe bemerkenswerter Aufnahmen mit Werken von Charles Avison und zuletzt eine frische Einspielung mit Händels Concerti grossi op. 6 realisiert hat.

Zunächst wird deutlich, dass Beznosiuk einen klaren, unverstellten Zugriff favorisiert. Er will Strukturen und Kontexte offenlegen und ist weniger an tänzerischem Temperament oder der Zurschaustellung virtuoser Aspekte interessiert. Dazu wählt der erfahrene Stilist sehr gemäßigte Tempi, die auf ein klares Ausmusizieren hin disponiert sind. Zwar sind einige der schnellen Tempovorgaben damit unterdurchschnittlich umgesetzt, in der Summe gestaltet Beznosiuk aber doch ein stimmiges Gefüge mit überzeugenden Relationen. Nur sehr gelegentlich gerät dieses gedankenvertiefte Konzept nicht überzeugend, etwa in der etwas zu schweren Siciliana der ersten Sonate. Ansonsten entwickelt Beznosiuk aus diesem eher introvertierten geigerischen Ansatz teils sehr frische Impulse, beispielhaft in der Giga der zweiten Partita nachzuhören. Manche der langsamen Sätze geraten – bei diesem Ansatz fast naturgemäß – zu besonders intensiven Höhepunkten.

Souverän & ausgeglichen

Auch in diesen verhaltenen Tempi beherrscht Beznosiuk die ausladenden Architekturen souverän. Auftrumpfende Gesten sind diesem gedankenvollen Künstler fremd, auch wenn sein technisches Vermögen in der großen Partita am Ende der zweiten Partita natürlich manifest wird. Der Brite spielt die Folge der Sätze mit einem schlanken, gut fokussierten Ton auf einer 1676 beim Antwerpener Geigenbauer Matthuys Hofmans entstandenen Violine, über die man im in dieser Hinsicht mangelhaften Booklet nichts Näheres erfährt. Das Instrument ermöglicht einen relativ schmalen, konzentrierten, auch ausgeglichenen und milden Klang, der ohne jede Schärfe auskommt. Selbstverständlich artikuliert Beznosiuk präzis und deutlich, doch gewinnt er seine Deutungskonsequenz eher aus der Kombination von schlackefreiem Ton und zurückgenommenen Tempi.

Das Klangbild ist klar, dabei trotz erheblicher Plastizität nicht skelettierend, mit einem sehr schönen, durchaus erheblichen Raumanteil versehen. Die Bilanz fällt mit Blick auf das Booklet etwas gemischter aus: Im Gegensatz zur schon angesprochenen Informationsknappheit in Bezug auf das Instrument überzeugen die fotografische Gestaltung und die kurzen einführenden Texte von Beznosiuk und John Butt, der – selten, aber sinnvoll – diese vermeintlich bestens bekannten Repertoirestücke mit einer soliden analytischen Einführung versehen hat. All das ist aber nur in englischer Sprache zu haben.

Es ist dies eine feinsinnige, konzentrierte Deutung, die an Strukturen und Beziehungen mehr interessiert ist als an brillantem Feuerwerk, ein introspektiver Ansatz gewissermaßen. Beznosiuk zeigt kein Hochglanzgeigen, überzeugt dafür umso mehr als kundiger Stilist und geduldiger Interpret.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Linn Records:

  • Zur Kritik... Bruckners Zweite als Ensemblemusik: Bruckners Zweite in einer Bearbeitung fr Ensemble: mehr Licht als Schatten. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Gren des zweiten Blicks: Groe Komponisten der Tudor-Zeit in einem interessanten Programm, mit einem Schwerpunkt abseits der groen Namen. Das Ensemble Magnificat berzeugt mit feiner Vokalkunst. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Feinheiten und Rafinessen: Eine musikalisch sehr gute und in der kammermusikalisch reduzierten Darstellung symphonischer Musik intime und durchsichtige Interpretation von Mahlers Vierter Sinfonie und Debussys 'Prlude l'aprs-midi d'un faune'. Weiter...
    (Dr. Claudia Maria Korsmeier, )
blättern

Alle Kritiken von Linn Records...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Begegnungen: Die Sinphoniker und der Taipei Male Choir mit interessanter neuer Chormusik, berzeugend gesungen, mit ein wenig Luft nach oben. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Neuanfang: Hans-Christoph Rademann und die Gchinger Kantorei dokumentieren den Beginn ihrer Zusammenarbeit mit einer hervorragend gelungenen, auch konzeptionell berzeugenden h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Kleines Jubilum: Stile antico hat sich eindrucksvoll als eines der wichtigsten Vokalensembles fr die Musik der Renaissance etabliert, in atemberaubender Geschwindigkeit und auf verlsslich hohem Niveau. Glckwunsch zu einem Jahrzehnt Erfolg. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Drei groe Werke und ein Dream-Team: Steven Isserlis und Stephen Hough widmen sich gemeinsam drei groartigen Cellosonaten und befreien sie von allzu viel romantischer Schwermut. Weiter...
    (Maxi Einenkel, )
  • Zur Kritik... Begegnungen: Die Sinphoniker und der Taipei Male Choir mit interessanter neuer Chormusik, berzeugend gesungen, mit ein wenig Luft nach oben. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Delicatessen: Das Quartett La Ritirata erkundet das Schaffen Juan Crisstomo de Arriagas mit Verve und Stilsicherheit auf historischem Instrumentarium. Das Ergebnis ist tadellos. Weiter...
    (Dr. Jrgen Schaarwchter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Internationaler Mozartwettbewerb

Anzeige

Magazine zum Downloaden

harmonia mundi magazin (8/2015) herunterladen (1831 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (9/2015) herunterladen (3117 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Ernst Wilhelm Wolf: String Quartet in G minor op. 3,3 - I. Allegro assai

Radio starten

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Nike Wagner im Portrait "Kunst lebt von Vernderung"
Nike Wagner ber Akzente des diesjhrigen Beethovenfestes, das Beethoven-Jubeljahr 2020, historische Auffhrungspraxis und Liszts schlechte Stellung im Hause Wagner

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich

Don Giovanni