> > > Rogier, Philippe: Missa Domine Dominus Noster
Montag, 31. August 2015

Rogier, Philippe - Missa Domine Dominus Noster

Schmale berlieferung von hoher Qualitt


Label/Verlag: Linn Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Messen und Motetten Philippe Rogiers in einer starken Einspielung mit englischer Expertise: Philip Cave und das Ensemble Magnificat zusammen mit His Majestys Sagbutts and Cornetts.

Es sind nicht viele Kompositionen des franko-flämischen Komponisten Philippe Rogier (ca. 1561-1596) überliefert. Das liegt nicht an der Kürze seiner Lebensspanne, denn er war ein ausgesprochen produktiver Musiker: Wie viele seiner musikalisch begabten Landesgenossen aus den Spanischen Niederlanden machte er am Hof des spanischen Königs Karriere, stieg dort 1584 zum Vizekapellmeister auf, bevor er zwei Jahre später die Leitung der königlichen Kapelle übernahm. Unglücklicherweise fielen die meisten seiner Werke späteren Katastrophen zum Opfer – während eines Feuers im Madrider Königspalast 1734 und in noch größerem Ausmaß durch das große Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755.

Aber auch ausweislich seiner überlieferten Werke kann Rogier als Meister seiner Zeit betrachtet werden, wie das Programm der vorliegenden Platte zeigt. Interessant ist vor allem die in vielen Fällen mehrchörige Grundanlage seiner Sätze: Den innovativen Venezianern der Zeit in nichts nachstehend, sind damit schöne Klangwirkungen und große Effekte möglich. Doch bleibt diese Sphäre nicht ohne Kontrast, findet Rogier gerade in klanglich zarteren Bereichen Momente intensiver Deutung. Rogiers Musik wirkt durch diese schon moderne Kompositionstechnik motorischer, rhythmisch pointierter, linear bewegter als die älterer Zeitgenossen. Man spürt, dass Rogier die Arbeit Andrea Gabrielis kannte und damit die Impulse eines der wichtigen Gravitationszentren des ästhetischen und satztechnischen Wandels aufnahm.

Hinzu tritt die im Spanien des Goldenen Zeitalters verbreitete Praxis, verschiedene Instrumente als Klangverstärker mitgehen zu lassen. Das steigert Pracht und Klangfülle, beschert der Musik aber auch sinnliche und sehr konzentrierte Momente. Wie stets scheinen die Motetten noch frischer als die strenger angelegten Messen, überzeugen sie mit einem geradezu freudvollen Ausdruck.

Kompetent und klangsinnlich

Philip Caves Vokalensemble Magnificat singt diese nuancenreiche Musik in einer siebzehnköpfigen Besetzung, die durch klar ausgeformte Register besticht: Deutlich zeichnende Farben entfalten einen kernigen Klang, der gleichwohl einer gewissen Verschmelzungsfähigkeit nicht entbehrt. Aber auch in verhaltenen Abschnitten bleibt die Klanggestalt gut fokussiert und präzis. Besetzungsbedingt wird alles Breite und Ausladende vermieden. Auch die unbegleitet interpretierte Palestrina-Motette 'Domine in virtute tua' gerät belebt und zeigt einen ausgeprägten Sinn für strukturelle Nuancen. In den Reihen der Formationen finden sich etliche auch solistisch und aus der Arbeit anderer Vokalensembles bekannte Stilisten, etwa die Soprane Anna Crookes, Sally Dunkley und Carys Lane, die Altistin Clare Wilkinson oder die Bässe Ben Davies und Eamonn Dougan. Sie stehen stellvertretend für das unerschöpflich scheinende Reservoire hervorragender englischer Consortsänger, deren kontinuierlich hohe Qualität es ermöglicht, auch ambitionierte Vokalkompositionen in kleinen, schlagkräftigen, hervorragend intonierenden Besetzungen zu singen.

Natürlich bringen die instrumentalen Anteile von His Majestys Sagbutts and Cornetts an etlichen Stellen Klangfülle ein. Zugleich unterstützen sie die Vokalisten aber bei der klaren Zeichnung der Linien, indem sie den Klang durch charakteristische Farben präzisieren und damit transparent halten. Grundlage dafür ist eine ausgeprägte Disziplin, die ein Ausufern des instrumentalen Grundklangs sicher verhindert. Insgesamt ist das Klangbild erfreulich differenziert, bildet klare Sphären ab, werden die Register plastisch präsentiert. Der Raumanteil ist zugunsten großer Transparenz kontrolliert, diffuse Wolkigkeit ist nirgends zu bemängeln.

Philip Cave nutzt die strukturellen Qualitäten der Musik zu frischem Musizieren, wählt alles andere als statische Tempi und spielt mit den dynamischen Kontrasten der Mehrchörigkeit. Dieser klangsinnliche Zugriff bewährt sich, weil die potenten Ensembles nicht blindlings in einen dichten Klangstrom geschickt werden, sondern Cave die Kompositionen Rogiers klug disponiert. Cave zeigt Rogier als interessanten und erstaunlich eigenständigen Vertreter der späten franko-flämischen Tradition – die Musik dieses früh gestorbenen Meisters ist keineswegs randständig.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Linn Records:

  • Zur Kritik... Bruckners Zweite als Ensemblemusik: Bruckners Zweite in einer Bearbeitung fr Ensemble: mehr Licht als Schatten. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Gren des zweiten Blicks: Groe Komponisten der Tudor-Zeit in einem interessanten Programm, mit einem Schwerpunkt abseits der groen Namen. Das Ensemble Magnificat berzeugt mit feiner Vokalkunst. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Feinheiten und Rafinessen: Eine musikalisch sehr gute und in der kammermusikalisch reduzierten Darstellung symphonischer Musik intime und durchsichtige Interpretation von Mahlers Vierter Sinfonie und Debussys 'Prlude l'aprs-midi d'un faune'. Weiter...
    (Dr. Claudia Maria Korsmeier, )
blättern

Alle Kritiken von Linn Records...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Neuanfang: Hans-Christoph Rademann und die Gchinger Kantorei dokumentieren den Beginn ihrer Zusammenarbeit mit einer hervorragend gelungenen, auch konzeptionell berzeugenden h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Kleines Jubilum: Stile antico hat sich eindrucksvoll als eines der wichtigsten Vokalensembles fr die Musik der Renaissance etabliert, in atemberaubender Geschwindigkeit und auf verlsslich hohem Niveau. Glckwunsch zu einem Jahrzehnt Erfolg. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Schwarzhumoriges: Chansons von Georg Kreisler in gekonnten Arrangements, sehr passend gesungen von den Singphonikern. Eine schne Hommage an den vielseitigen Knstler. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... berzeugend auf ganzer Linie: Das Quartetto di Cremona begeistert mit einer emotional weit gespannten Aufnahme von zwei entstehungsgeschichtlich weit auseinander liegenden Streichquartetten Ludwig van Beethovens. Weiter...
    (Sonja Jschke, )
  • Zur Kritik... Groes Theater: Lieder von Gustav Mahler werden von Bo Skovhus und Stefan Vladar feinnuanciert gedeutet. Weiter...
    (Jasemin Khaleli, )
  • Zur Kritik... Blick frs Wesentliche: Cathy Krier gibt einen glasklaren, durchdringenden Blick auf das pianistische uvre Leo Jančeks frei. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

harmonia mundi magazin (8/2015) herunterladen (1831 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (7/2015) herunterladen (2823 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Frhling der Knste im Frstentum
Das Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo bringt Ungewohntes zusammen.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich