> > > Schubert, Franz: Winterreise
Samstag, 25. April 2015

Schubert, Franz - Winterreise

Vom Wort her


Label/Verlag: Linn Records
Detailinformationen zur Platte


Eine besondere Winterreise: Peter Harvey und Gary Cooper mit einer konzeptionell ambitionierten Interpretation des groen Schubert-Zyklus'.

Wann immer mit Franz Schuberts 'Winterreise' einer der ganz großen Liederzyklen zu Gehör kommt, merkt man auf, zumal dann, wenn sich ein Vokalist eher untypischer Prägung dieser Herausforderung stellt. So ist es beim englischen Bariton Peter Harvey, der einer breiten Hörerschaft als ein wichtiger Sänger in der Alten Musik bekannt ist. Er war einer der vokalen Eckpfeiler auf John Eliot Gardiners Kantaten-Pilgerreise des Jahres 2000, hat sich vielfach als Händel- und Purcell-Interpret von Format gezeigt. Und so ist die bei einer Neueinspielung der diskographisch so unüberschaubar üppig vertretenen 'Winterreise' immer interessante Frage nach dem interpretatorischen Ansatz hier mit besonderer Aufmerksamkeit zu bedenken.

Harvey widmet sich mit seinem Pianisten Gary Cooper einem textbasierten Ansatz – und deutet einerseits vom Sinn her, etabliert aber zugleich eine Deutungsebene, die vom Sprechen her kommt. Harveys Aussprache des Deutschen kann nur als vorbildlich bezeichnet werden. Die Texte Wilhelm Müllers gewinnen in seinem Vortrag plastische Qualitäten, werden dezidiert und präzis gesprochen.

Mit diesem Ansatz harmoniert auch das Spiel Gary Coopers: Er spielt auf der Kopie eines englischen Pianoforte des Jahres 1823 vor allem strukturell eindringlich, damit diesen Aspekt sicher deutlicher betonend als andere Pianisten. Bei Cooper sind Begleitfiguren nie Zierrat oder klangsphärische Zutat, vielmehr sind sie essenzielle Elemente elaborierter Schubertscher Satzkunst, die der vokalen Linie zwar deutlich den Vorrang einräumt aber dennoch stets plastisch und präsent bleibt. Das erklingende Instrument ist dazu in einer modifizierten Vallotti-Stimmung farbig registriert und betont auch dynamisch die Eckpunkte des Tableaus besonders deutlich.

Spezieller Zugang mit bemerkenswertem Ertrag

Peter Harveys nobler, eleganter, in den Lagen extrem ausgeglichener Bariton ist in Verbindung mit dem sprachlichen Vermögen dieses vielseitig interessierten Künstlers das ideale Medium für diesen in seiner Klarheit das Klassische mehr als das Romantische betonenden Ansatz. Makellos frei sind Tongebung und Intonation, bruchlos wird die Stimme durch die Register geführt. Besonders auffällig ist die schon erwähnte Deutlichkeit der Aussprache, gepaart mit großer Sensibilität für formale und inhaltliche Aspekte: Bei dieser 'Winterreise' braucht niemand ein Textbuch. In diesem Punkt hat Harvey ganz sicher auch etlichen Sängern deutscher Muttersprache etwas voraus, kein Anflug von Akzent oder Verfärbung beschwert seinen Vortrag.

Harvey und Cooper musizieren in fließenden Tempi, eine gewisse Frische bleibt in diesem Punkt immer gewahrt. Dynamisch wird plastisch proportioniert, werden die Differenzen betont, gehen vor allem von Gary Coopers entschieden und klar artikuliertem Spiel wichtige Impulse aus. Das bei Linn Records wie immer vorzügliche Klangbild ist klar, direkt, äußerst präzis und konzentriert. Vokale und instrumentale Anteile sind perfekt gestaffelt, etliche Details sind sehr gut ausgebaut. Positiv fällt auch das Booklet auf: Vor allem Peter Harveys beeindruckend reflektierter Einführungsessay ist ein hochklassiger Gegenentwurf zu jener Praxis, die von vielen großen Labels gepflegt wird – allzu oft sagen die dort verbreiteten Schnurren der Hochglanzinterpreten deutlich weniger über die Musik als über die Persönlichkeit des Interpreten aus. Harvey hat zu seinem instruktiven Text noch eine schnörkellos-moderne Neuübersetzung der Gedichte Wilhelm Müllers geliefert.

Manchem mag Harveys vom Wort, von der Alten Musik herkommender Ansatz zu trocken, mit Blick auf die diskographische Tradition vielleicht auch zu harmlos erscheinen. Der famose Bariton singt Schubert mehr als Klassiker denn als echten Romantiker. Doch liegt gerade hier ein faszinierend eigenständiger, konsequent zu Ende geführter Ansatz für eine gültige Deutung. Abseits überbordender Gefühligkeit zeichnen die Interpreten mit feinem Pinsel und ermöglichen damit einen bemerkenswerten interpretatorischen Ertrag.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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