Jura Margulis, der Sohn des renommierten Klavierpädagogen Vitaly Margulis, ist in den letzten Wochen mit gleich zwei Einspielungen in Erscheinung getreten. ‘Live On Horowitz’ Steinway’, so heißt die erste - eine beeindruckende Hommage an Horowitz und dessen geliebtes Instrument (Ars Musici).
Doch Margulis’ zweite CD, kürzlich bei Oehms erschienen, hinterlässt einen noch stärkeren Eindruck. Gewidmet ist diese Studioaufnahme der Kunst der Klaviertranskription. Was auf den ersten Blick wie eine bunte Zusammenstellung von Bekanntem und weniger Bekanntem wirkt, erweist sich beim näheren Hinschauen als klug durchdachtes, überzeugend organisiertes Konzept: Margulis zeichnet ein umfassendes, facettenreiches Porträt des Todes. Das Verführerische, Erlösung-Verheißende findet in Margulis’ Stückeauswahl ebenso Berücksichtigung wie das Unausweichlich-Brutale, das Bedrohlich-Drängende und das Grotesk-Verzerrte, Fratzenartige. Bemerkenswerterweise sind die Bearbeitungen wie bei einem Klavierabend angeordnet. Während Margulis in der ersten Hälfte berühmte Transkriptionen von Gluck, Bach und Schubert interpretiert, lädt er in der zweiten Hälfte zu eigenen Übertragungen und individuell frisierten Liszt-Bearbeitungen ein.
Abgerundet wird die imaginäre Soiree durch zwei russische Zugaben – den Hummelflug in der Fassung von Rachmaninoff und Prokofieffs eigenhändig transkribierten Marsch aus ‘Die Liebe zu den drei Orangen’. Übrigens: Margulis und die Produzenten von Oehms erlauben sich hier einen hintersinnigen Scherz, indem sie die letzte Zugabe auf der Rückseite des Albums unerwähnt lassen. Auch im normalen Inhaltsverzeichnis des Booklets taucht der Titel nicht auf, und so fühlt man sich wie ein Zuhörer im Konzert, der über eine weitere Zugabe glücklich ist, aber nicht genau weiß, was gerade gespielt wird. Nur wer das Booklet ganz genau unter die Lupe nimmt, wird auf der Rückseite des Beiheftes im Kleingedruckten fündig – ein echter ‘hidden track’!
Aber nun zurück zum Anfang. Die Idee, ein Recital mit der Melodie von Gluck/Sgambati beginnen zu lassen, ist nicht neu. Vermutlich hat sich Margulis in diesem Fall von seinem Kollegen Earl Wild und dessen legendärem Konzert in der New Yorker Carnegie Hall aus dem Jahre 1981 inspirieren lassen (Audiofon). Wilds Aufnahme dieses Kleinods ist wunderbar und bezaubernd, wird allerdings durch zahlreiche Nebengeräusche vonseiten des Publikums beeinträchtigt. Wen dies stört, besitzt mit Margulis Studioaufnahme eine hervorragende Alternative. Sein klarer, durchdringender, klagender Ton ist herzerweichend und fasziniert von der ersten bis zur letzten Sekunde.
Margulis’ ausgefeilte, kompakte Deutung der Bach/Busoni-Chaconne kann gar nicht genug gelobt werden. Margulis besitzt alle technischen und klanglichen Möglichkeiten, um den großen Bogen über diesen ausufernden Variationssatz zu spannen. Frappierend dabei ist, wie er gestalterischen Weitblick mit dem genussvollen Auskosten der ruhigen Momente vereint. Margulis’ packender, enervierender Zugriff ist gezügelt, zielgerichtet und zugleich von bestechender Transparenz im Polyphonen. Außer Pletnevs atemberaubender, rauschhafter Live-Aufnahme aus der Carnegie Hall (Deutsche Grammophon, 2001) fällt mir – trotz reichlich vorhandener Auswahl - keine ähnlich überzeugende Einspielung ein.
Auch über die vier Liszt-Transkriptionen von Schubert-Liedern lässt sich nur Positives berichten. Im Fall des Liedes ‘Der Müller und der Bach’ ist der Vergleich mit Arcadi Volodos (Sony, 2002) aufschlussreich. Beide Interpretationen bewegen sich unbestritten auf höchstem pianistischem Niveau. Doch im Gegensatz zu Volodos’ entrückter, weltferner Klanglichkeit orientiert sich Margulis näher am Schubertschen Original und wirkt bodenständiger. Der’Erlkönig’, mit dem Margulis die kurze Schubertauswahl abschließt, wird filigran und feinsinnig, gleichsam entschlackt, dargeboten. Erst ganz am Ende entlädt sich die unheilvoll angestaute Energie.
In der zweiten Hälfte des Recitals weiß Margulis die Virtuosität noch beträchtlich zu steigern. Zunächst mit einem eigenen Arrangement von André Caplets ‘Conte Fantastique’. Zu Unrecht wird der Franzose Caplet heutzutage vernachlässigt und als bloßer Debussy-Epigone abgestraft. Mit allen Tricks und Raffinessen gelingt Margulis eine spektakuläre Wiederbelebung. Durch seine kongeniale Rekomposition des Mittelteils gewinnt das Stück sogar noch an Stringenz. Margulis untrügliches Gespür für transzendentale pianistische Effekte wird auch in den folgenden Stücken immer wieder deutlich. Mit Saint-Saëns’ teuflisch schwerem ‘Danse macabre’ gelingt Margulis ein würdiger offizieller Abschluss dieses imaginären Klavierabend. Er hat Liszts Fassung geringfügig gekürzt und mit Hilfe einiger wirbelnder Spielfiguren geschickt aufgepeppt. |