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Details zu Grieg, Edvard: Symphonische Tänze op. 64
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Kritik zu Virgin Classics: Grieg, Edvard: Symphonische Tänze op. 64

Fetzige Tänze und elegische Melodien aus dem Norden


Tobias Pfleger, 10.05.2006

Grieg, Edvard: Symphonische Tänze op. 64
Label: Virgin Classics , VÖ: 07.04.2006


Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 





Was kommt wohl am Ende heraus, wenn ein weltberühmter estnischer Dirigent und ein estnisches Orchester Musik des Norwegers Edvard Grieg aufnahmen? – Eine hinreißend unterhaltsame Platte.

Die Produzenten bei Virgin Classics ordneten die 2002/03 entstandenen Einspielungen dramaturgisch sehr überzeugend an. Eine Wohltat bei so vielen Aufnahmen, die oft scheinbar ziel- und wahllos Stücke kombinieren, ohne roten Faden und Grundkonzept. Der Anfang der CD mit Griegs ‘Symphonischen Tänzen’ op. 64 aus dem Jahr 1898 und der Rausschmeißer-Schluss mit der Suite ‘Aus Holbergs Zeit’ op. 40 (1884) sind bestens platziert, da die ‘Symphonischen Tänze’ vom Hörer mehr aktive Aufmerksamkeit erfordern als die beinahe überstrapazierte ‘Holberg-Suite’. Zwischen diesen Eckpunkten rahmen die beiden ‘Elegischen Melodien’ op. 34 (1881) das zentrale Werk dieser Produktion, die ‘Norwegischen Tänze’ op. 35 (1881), ein.

Robust, aber nicht rabiat

Paavo Järvi, derzeit einer der meistgefragten Dirigenten, zeigt auch hier seine Extraklasse. Er trifft den Grieg’schen Ton aufs Genaueste. Bereits im ersten Stück der ‘Symphonischen Tänze’, dem ‘Allegro moderato e marcato’, wird die hohe Qualität und Treffsicherheit seiner Interpretation deutlich. Järvi nimmt den ersten Tanz, einen Tanz der Bergjäger, robust und kräftig. Doch an keiner Stelle gleitet die Musik eine ungeschlachte, spielmannhafte Derbheit ab. Järvi hält das Estnische Nationale Symphonie-Orchester mit straffen Zügeln. In Bezug auf Klangfarbenspiele jedoch dürfen die Musiker alles aufbieten, was für Abwechslung sorgt. So zeigen die wechselnden Instrumentierungen wiederholter Passagen, wie im vierten Satz, so verschiedene Farben, dass sie einem kaum bekannt vorkommen – wäre da nicht die eingängige Idiomatik der norwegischen Tänze. Betont Paavo Järvi im ersten Satz den Tanzrhythmus durch flüssige Tempi und federnde Nachschläge, die dem Tanz einen unvergleichlichen Drive geben, so lässt er im zweiten die Streicher und Bläser die üppig harmonisierte norwegische Melodie weich aussingen. Auch die letzten beiden Sätze werden von Järvi und dem Estnischen Nationalen Symphonie-Orchester mit Verve und Detailgenauigkeit interpretiert.

Romantik mit Zopfperücke

Herbe Süße und Melancholie dürfen die Streicher des Orchesters in einer bewegenden Interpretation der beiden ‘Elegischen Melodien’ verbreiten, ehe das gesamte Orchester in den ‘Norwegischen Tänzen’ nordisches Lokalkolorit ausbreitet. Orchestriert von Hans Sitt, nachdem Grieg diese Aufgabe eigentlich von Edouard Lalo gelöst wissen wollte, verfügen diese Tänze über eine große Palette an klangfarblichen Schattierungen, die vom Estnischen Nationalen Symphonie-Orchester unter Paavo Järvi brillant ausgenutzt werden. Järvi legt die Kontraste zwischen dem heftigen ersten Abschnitt und dem ruhigen Mittelteil sehr deutlich aus. Das Orchester darf dann auch schon mal in den saftigen Harmonien baden.

Die einzelnen Stimmen Gruppen wirken sehr ausgeglichen, der von Järvi bekannte durchsichtige, schillernde Klang zeigt sich auch hier. Den Unterschied der beiden Teile im zweiten Satz kann man selten so ausprägt erleben wie hier: Järvi lässt seine Musiker im grazilen Anfangsteil agogisch frei phrasieren, durchaus ein wenig übertrieben, ironisch. Wie mit der Beißzange angefasst wirkt dann der schnelle Teil, der die aufgebaute Idylle zu zerstören droht.

Ein Paradestück für Streichorchester ist sicherlich die ‘Holberg-Suite’, die Järvi gut aushört, es aber dennoch nicht schafft, einen solch dichten Klang zu erschaffen wie Ole Kristian Ruud auf der kürzlich erschienen Aufnahme. Die tänzerische Grazie dieser Musik trifft Järvi hingegen optimal. Die Musik wirkt hier stets wie in Anführungszeichen gespielt, was den romantisch harmonisierten, formal an französische Barocktänze angelehnten Tänzen gut bekommt. Die romantische Zopfperücke wird bei Järvi durchaus als Perücke verstanden.

Federnder Gestus und transparenter Klang

Die Klangfarbenschattierungen der Grieg’schen Orchesterwerke sind hier sehr gut eingefangen. Järvi schreckt nicht vor starken Kontrasten im Gestus und in der Dynamik zurück, was die Tänze zu anregender Unterhaltung werden lässt. Der Satz wirkt durchsichtig, trotzdem findet das Orchester seinen eigenen, reichhaltigen Gesamtklang.

Mit dieser CD ist Paavo Järvi einmal mehr ein Volltreffer gelungen. Wenn der designierte Chef des HR-Sinfonieorchesters auch dort so anregende Impulse liefert, darf man sich auf viele interessante Einspielungen freuen.

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