Kennern der moderneren Chormusik wird der Name Knut Nystedt keineswegs unbekannt sein: Seit langen Jahrzehnten hat sich der 1915 geborene Norweger als ebenso innovativer wie traditionsbewusster Chorkomponist profiliert. Zu gute kam ihm dabei neben der soliden kompositorischen Ausbildung auch die eigene Erfahrung als Chorsänger im ‚Olavsguttune Knabenchor’. Sie eröffnete ihm früh einen Überblick über die Schätze vokaler Mehrstimmigkeit. Nicht zufällig zählt er daher bis in die jüngere Vergangenheit Palestrina und Bach zu den für sein Schaffen einflussreichen Komponisten. Aber auch Künstler der Gegenwart, wie Lutoslawski, Penderecki oder Ligeti gehören zu den Größen von Belang. Und so ergeben sich aus verschiedenen Einflüssen auch wichtige Hinweise auf den Personalstil Nystedts: Seine Musik ist von ausgeprägter Vielstimmigkeit geprägt und basiert auf einer breiten Klangwirkung. Harmonische Komplexität wird durch eine ausgesprochen dichte Faktur des Satzes hervorgebracht und unterstützt, enge Akkordlagen dominieren das Klangbild. Die Tempi fließen breit dahin, eine delikate dynamische Differenzierung erlaubt ein variables Klangbild. Immer wieder prägen Mixturklänge die Kompositionen, wenden sich die meist kürzeren Stücke aber an den Schlüssen in gefällige Sphären und loten mit einem extremen Chorambitus die Möglichkeiten eines gemischten Ensembles souverän aus.
Adaption & Fortspinnung
Am ehesten einem breiteren Publikum bekannt sein dürfte Nystedts 1987 unter dem Titel ‚Immortal Bach’ entstandene Adaption des Bach-Chorals ‚Komm, süßer Tod’. In diesem Stück wird die enge Verbindung zu einem prägenden Vorbild überaus deutlich, tritt aber auch die eigene Gestaltungskraft Nystedts klar hervor: Ausgehend von dem originalen Choral verwandelt sich der Norweger das musikalische Material an. Er entfremdet Klangzusammenhänge, spinnt implizit vorhandene Wendungen fort, deutet die Klänge, kostet sie aus, unternimmt in gewisser Weise eine verlangsamte ‚Inspektion der Akkorde’. Doch auch die anderen Stücke, zumeist auf biblischen oder neueren Gebetstexten basierend, zeigen den souveränen Meister des Chorklangs. Vor allem die zyklischen Arbeiten, als Beispiel sei ‚Jesu sieben Worte’ op. 171 genannt, verdeutlichen Nystedts Stärken als beinahe ‚altmodischer’ Textdeuter und gleichzeitig hochmoderner Chorkomponist.
Würdige Interpreten
Nystedt hat früh für exquisite Ensembles geschrieben, so dass niveauvolle Uraufführungen stets den Ausgangspunkt für die Rezeption seiner Werke bildeten. Zu den Widmungsträgern einiger seiner neueren Arbeiten gehört das 1996 als Nachfolgeformation des Philharmonischen Chors Oslo gegründete ‚Ensemble 96’, das auf der vorliegenden Aufnahme zu hören ist. Die profilierten Choristen singen klangvoll und natürlich, ohne äußere Force. Beweglich, schlank und mit höchster dynamischer Kontrolle musizieren die wenigen Sängerinnen und Sänger, auch im chorsolistischen Bereich und besonders in den hohen Frauenstimmen immer wieder überzeugend.
Der klare, sehr plastische Klang der Aufnahme überzeugt, an der Intonation der mit heiklen Herausforderungen gespickten Kompositionen sind keinerlei Mängel zu bemerken. Alle Stärken der Kompositionen verbinden sich mit dem musikalischen Vermögen des Chores, so dass der Umstand, das einige Register des Chores eventuell etwas geschlossener sein könnten sich zugunsten der Tatsache relativiert, dass gerade die hohe klangliche Mischungsfähigkeit den akkordisch reizvollen Kompositionen Nystedts sehr zu Gute kommt. |