Größeren Werken oder geschlossenen Sammlungen, die an epochalen Wendepunkten entstehen, wird in der zeitgenössischen und auch späteren Rezeption wie selbstverständlich eine entscheidende Bedeutung zugemessen: Sie werden als Kodifizierung einer noch jungen Entwicklung gesehen, die anderen Komponisten als ‚Gesetzbuch’ und ästhetische Orientierung dient und uns heutigen Betrachtern als leicht wahrnehmbare Markierung dient: Die (musikalische) Welt wird einteilbar, leichter erfahrbar und lässt sich wunderbar erfassen.
Eine solche oder ähnliche Funktion erfüllt Giulio Caccinis (ca. 1550-1618) im Jahr 1602 erschienene Sammlung ‚Le nuove musiche’. Caccini vereinte hier vor allem Madrigale und strophische Arien, die den neuen, damals erst seit wenigen Jahren eingeführten monodischen Stil repräsentierten. Dessen musikalisches Hauptmerkmal lag im dramatisch-affektgeladenen Sologesang zu bassbezogener instrumentaler Begleitung. Diese Technik hatten Caccini, Doni und andere zuvor in der Florentiner Camerata erprobt und in verschiedenen musikdramatischen Werken der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Auch Caccini versuchte sich als Opernkomponist, steuerte einzelne Sätze zu verschiedenen dieser frühen Werke und zu einigen Intermezzi bei, vertonte aber auch einen der klassischen Stoffe selbst – seine 1600 Florenz entstandene und 1602 dort aufgeführte Oper ‚Euridice’.
Doch steckte hinter der 1602 gedruckten Sammlung nicht in erster Linie Caccinis Wunsch, Stilprägendes zu veröffentlichen: Es zeigt sich hier auch der selbstbewusste Künstler und Tonschöpfer, der sein über viele Jahre und Jahrzehnte entstandenes, kleinteiliges Werk gedruckt und damit der Um- und Nachwelt erhalten wissen wollte. Hinzu trat Caccinis Wunsch, der seit einigen Jahrzehnten beobachteten ‚Unart’ der übermäßigen und damit beliebigen Verzierung vokalen Musizierens einen wohlmeinenden Riegel vorzuschieben, indem er – durchaus unüblich für die Zeit – die Verzierungen für seine vokalen Linien ausschrieb.
Intimität & Ausdruck
Auf der vorliegenden Platte werden Caccinis Kompositionen mit zeitgenössischen Instrumentalwerken kombiniert, die als meist kurze, effektvolle Toccaten das intime und anspruchsvolle Programm sinnvoll gliedern und ergänzen. Caccinis Arien und Madrigale haben meist einen getragenem Grundzug, geben musikalischen Entwicklungen Raum, spüren den – im Vergleich zu den Zeitgenossen sicher reduzierten, aber immer noch üppigen – Verzierungen über ruhigen, gelegentlich durch entschlossene Dissonanzbehandlung avancierter gestalteten harmonischen Fortschreitungen nach.
Die famose Sopranistin Roberta Invernizzi singt die klangschönen und technisch vertrackten Stücke mit klar konturierter Stimmgebung, agiert leicht und beweglich und präsentiert vor allem ihre glänzende Verzierungstechnik. Daneben überzeugt sie mit sinnvoller und gut strukturierter Phrasierung, die sie gemeinsam mit den Instrumentalisten der ‚Accademia Strumentale Italiana’ umsetzt. Diese agieren dezent, in weicher Klanglichkeit und werden von Alberto Rasi geschickt als variabel besetztes Begleitensemble arrangiert, deuten dabei aber auch ihre individuelle Virtuosität und das zweifellos vorhandene kammermusikalische Potential an.
Am Ende entsteht eine feinsinnige Interpretation, die mit einer auch technisch exquisiten Klangkonzeption den Eigenheiten und Prinzipien der Musik Caccinis nachspürt – die zweifellos an einer der bedeutendsten Zeitenwenden in der Musikgeschichte veröffentlicht wurde und damit ein vieldiskutierter Teil ästhetischer Debatten wurde. Doch finden wir sie hier auch als wunderbar feinsinnige, ausdrucksstarke Affektmusik, die absolut frisch und geglückt interpretiert wird. |