Eduard Erdmann, geboren 1896 in Riga, wurde vor allem als einer der bedeutendsten deutschen Pianisten bekannt. Seine Bach- und Schubert-Interpretationen werden auch heute noch – 47 Jahre nach seinem Tod – sehr hoch geschätzt. Den Komponisten Erdmann kennt man dagegen fast gar nicht; dass er vier großartige Sinfonien hinterließ, dürfte den wenigsten bekannt sein. Erdmann gehört zu den Musikern, die ihre Fähigkeiten gleichermaßen als Interpret wie auch als Komponist unter Beweis stellte. Ins öffentliche Interesse rückte jedoch primär die Virtuosenlaufbahn. Dieser Sachverhalt ist z.B. auch bei Arthur Schnabel zu beobachten oder auch etwa bei Robert Casadesus, der unter anderem nicht wenige Sinfonien hinterließ. Wo dieser allerdings eher neoklassizistische Häppchen ablieferte, da gibt Eduard Erdmann Sinfonien von großem Format und höchster kompositorischer Qualität ab.
Mitreisender Strom
Israel Yinon, dessen Einspielungen mehrmals mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurden, widmet sich hier der Dritten Sinfonie op. 19 und ‘Capricci’ op. 21. Vollendet wurde die vorletzte Sinfonie Erdmanns im Jahre 1947. Der Deutsch-Balte stellt sich mit diesem tiefgründigen Werk dem geschichtsphilosophischen Vorbehalt gegenüber der traditionsreichen Form nach dem Zweiten Weltkrieg entgegen; und macht deutlich, dass man auch in dieser Zeit noch lebendige Sinfonik schaffen konnte, die nicht die Augen gegenüber dem Gewesenen und der damals aktuellen Situation verschließt.
Erdmanns Partitur verrät ein enormes Maß an kompositorischer Finesse; dennoch klingt diese Musik nicht nach nüchternem Handwerk. Schon das erste Thema, in dem Quarten und Quinten geschichtet werden, zeigt Erdmanns Festhalten an der tonalen Tradition, auch wenn die Grenzen sehr weit ausgedehnt werden.
Das vorzüglich disponierte Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt folgt Israel Yinon mit spürbarem Interesse und leidenschaftlichem Impetus durch das dichte Geflecht motivischer Arbeit. Der Dirigent macht hier einmal mehr deutlich, dass er ein Kenner der Sinfonik des 20. Jahrhunderts ist; wie selbstverständlich schafft er einen mitreisenden Strom. Sein analytischer, die Satzstruktur durchleuchtender Zugang, wird von dem wunderbar transparent klingenden Orchester zum Klingen gebracht. Yinon setzt keine äußerlichen Effekte auf, sondern bindet die expressionistischen Klangfarben in einen übergeordneten Zusammenhang, der weite Bögen schafft. Im ‘Adagio’ lässt sich eine fast kammermusikalische Transparenz erleben, das schwungvolle ‘Scherzo’ glänzt vor allem durch gekonnte Instrumentation und einen energischen Gestus. Die Balance des Orchesters ist durchweg sehr gut, auch die Blechbläser treten nicht zu sehr in den Vordergrund. Besonderes Lob verdienen die oft hervortretenden Holzbläser. Mit Leichtigkeit und viel Ausdruck erfüllen sie die eher spröden Melodielinien. Natürliche und bestens abgestimmte Phrasierung und eine lebhafte rhythmische Gestaltung lassen das Rondo-Finale zu einem besonderen Leckerbissen werden.
Die besondere Stärke dieser Aufnahme liegt neben dem traumwandlerisch sicheren Dirigat Israel Yinons in der bis in die Extreme gehenden fein abgestuften Dynamik, die hervorragend eingefangen wurde. Die Tontechnik hat hier eine wahre Meisterleistung abgeliefert.
Den krönenden und leichtfüßigen Abschluss bildet das kurze ‘kleine Kaleidoskop für Orchester’ mit dem Titel ‘Capricci’, entstanden als Geburtstagsgeschenk für Philipp Jarnach. In ständiger Metamorphose schwirren die Motive durch den Raum, farbig instrumentiert und mit Verve interpretiert.
Lohnenswerte Entdeckung
Nachdem das Label cpo schon die ersten beiden Sinfonien Eduard Erdmanns produzierte, liegt hier mit der Dritten Sinfonie ein in allen Belangen überzeugendes Werk vor, das vom Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt unter der Leitung von Israel Yinon fabelhaft interpretiert wird. Hört man diese Musik, so fragt man sich unweigerlich, wieso man nach 1945 keine Sinfonie mehr schreiben konnte. Ein solches Talent wie Erdmann konnte es. |