> > > Bach, Johann Sebastian: Matthus-Passion
Montag, 1. September 2014

Bach, Johann Sebastian - Matthus-Passion

Zwei Brüder in Harmonie


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zur Platte


Das Dokument einer legendren Zusammenarbeit wird erneut verffentlicht: vor 35 Jahren bildete die Einspielung der Matthus-Passion von Johann Sebastian Bach mit dem Kreuz- und dem Thomanerchor den krnenden Abschluss der beruflichen Zusammenarbeit der beiden Brder Rudolf und Erhard Mauersberger. Die zwei Legenden deutscher Knabenchortradition vereinten seit 1962, als Erhard Mauersberger die 750-Jahr-Feier des Thomanerchors gestaltete, die beiden Chre, um die groen Werke Bachs aufzufhren. Den Auftakt bildete die h-moll-Messe, 1964 gefolgt von der Matthus-Passion. 1970 dann wurde diese Passion fr die Schallplatte eingespielt. Rudolf Mauersberger war zu diesem Zeitpunkt seit nahezu 40 Jahren Kreuzkantor und hatte seine Kruzianer zu einem exzellenten Chor aufgebaut. Er war die prgende Figur des Chores, nicht zuletzt durch sein Engagement, nach den verheerenden Bombenangriffen auf Dresden vom 13. Februar 1945 die Kruzianer schnellstmglich neu zu formieren und auch nicht zuletzt durch eigene Chorwerke, die er mit dem Kreuzchor zur Urauffhrung brachte, wie zum Beispiel das ‚Dresdner Requiem’ oder die Passionsmusik nach dem Lukas-Evangelium. Erhard Mauersberger, der jngere Bruder, war selbst Mitglied des Leipziger Thomanerchors, studierte bei Karl Straube und Otto Weinreich, war, wie zuvor sein Bruder, Kantor ich Aachen, spter in Mainz. Als Landesmusikdirektor der Landeskirche Thringen wurde Erhard Mauersberger zugleich Kantor der Georgenkirche und Leiter des Bachchors in Eisenach. 1961 wurde er Thomaskantor, ein Amt, das er bis 1972 innehatte.

Wehmut und Resignation

Es sind Zeiten angebrochen, in denen eine solche Aufnahme wie diese durchaus Wehmut bei den Hrern auslsen kann. Begegnet einem hier doch eine Qualitt der Ausfhrung, die in ihrer Einmaligkeit unwiederholbar bleiben wird. Es schwingt eine groe Portion Resignation mit, wenn man diese Aufnahme hrt. Resignation aufgrund der Tatsache, dass die sngerische Qualitt sowohl des Kreuz- als auch des Thomanerchors danach nie wieder dieses besondere Ma an Stringenz erreicht hat, wie zu Zeiten von Rudolf und Erhard Mauersberger. Wie soll es auch anders sein, wo doch konsequent an den tragenden Pfeilern der Kultur gesgt wird, wo Kinder nicht mehr singen knnen, weil sie viel lieber singen lassen und wo die Kids die frhe Mehrstimmigkeit nur durch die polyphonen Klingeltne des Handys kennen.

Ideales Solistenensemble

Die Solistenschar der Produktion versammelte alles, was seinerzeit in der Pflege Bachscher Vokalmusik auf dem Zenit knstlerischer Ausdruckskraft stand, allen voran Peter Schreier als Evangelist und Theo Adam als Jesus, gefolgt von Adele Stolte, Annelies Burmeister, Hans-Joachim Rotzsch und Gnther Leib.
Peter Schreier, selbst schon zur Sngerlegende geworden, sang in der Matthus-Passion fr die Platte unter Claudio Abbado, Kurt Masur und Karl Richter. Als Junge sang er als Knabenalt solistisch im Kreuzchor unter Rudolf Mauersberger, was ebenso diskographisch dokumentiert ist wie sptere Aufnahmen als reifer Tenor unter beiden Mauersbergers. Schreiers schlanker Ton ist der Idealtypus des Evangelisten. Klar artikuliert und auch in hoher Lage bestechend profiliert, trgt er den Evangelistentext mit dramaturgischer Zielgerichtetheit vor, in sicher phrasierten Sinneinheiten und betrender Klanglichkeit. Die Ausdrucksstrke Wagnerscher Opernrollen lsst Theo Adam als Jesus auch in Bachs Matthus-Passion spren. Weihevoll, taten- und gedankensicher ist dieser Jesus mit seiner charakteristisch volltimbrierten Ton und seiner grorumigen Stimmsicherheit. Adam lsst einen Jesus hren, der an dem ‚Es steht geschrieben und so sei es’ nicht zu rtteln gedenkt. Adele Stolte, eine der herausragendsten Bachinterpretinnen ihrer Generation, wartet mit einem nahezu therisch entrckten Sopran auf, hell und klar und doch von einem ungemein spannungsgeladenen Volumen. Wie sie zum Beispiel in der Arie ‚Aus Liebe will mein Heiland sterben’ den Klang aus den Liegetnen heraus zu entwickeln und modellieren wei, das zhlt schlichtweg mit zum Besten, was in dieser Art auf Platte zu hren ist. Dem steht Annelies Burmeisters Alt in nichts nach. Die bhnen- und opernbhnenerfahrene Sngerin deutet ihre Partien mit Binnenspannung aus. Die baritonale Schlankheit von Gnther Leib ermglicht eine flexible Tongebung in den Bass-Arien. Lediglich die Phrasierung ist nicht durchweg schlssig und die Satzzusammenhnge bleiben passagenweise offen.. Wenig betrachtendes, kontemplatives Potential bietet Hans-Joachim Rotzsch mit seinem nasal scharfen Tenor, vor allem in der Arie ‚Ich will bei meinem Jesu wachen’, wo wenig dynamische Differenzierung auch seitens des Chores die einzige Enttuschung der Aufnahme bleibt. Als erster Priester und zweiter Zeuge kann Rotzsch dafr umso mehr berzeugen und durch eine gewisse Theatralik an Glaubwrdigkeit gewinnen. Hermann Christian Polster als Pontius Pilatus und Hans-Martin Nau als zweiter Priester fllen ihre relativ kurzen Rollen mit ausdifferenzierter Plastizitt aus.

Partiell historisch

Es bedarf eigentlich nicht der Erklrung, dass diese Aufnahme keine an der historischen Auffhrungspraxis orientierte ist. Barocke Phrasierung wird stets durch den romantischen Zug geglttet und doch verliert die Musik dadurch nicht an Konturenschrfe. Gerade der Kreuz- und der Thomanerchor warten mit geschmeidigen, intonatorisch perfekt geschulten Stimmen auf, die mit dem heute oftmals starren und in der Hhe so problematisch unsauberen Klang von Knabenchren nicht vergleichbar sind. In den Chorlen zeigen sich die Chre als Felsen in der Glaubensbrandung, so stimmlich klar disponiert sind sie zu hren. Viele mgen den Knabenklang in den Passionen nicht. Und doch ist es eine historische Tatsache, dass Bach eben nun mal keinen gemischten Chor vor sich hatte. Wie transparent die Harmonik erscheint, das kann ein gemischter Chor nur sehr schwer leisten. Hier hrt man musikalisch logisch phrasierte Vorhaltsbildungen und in der Doppelchrigkeit der aufgebrachten Massen dynamische Steigerungen, die immer klar durchhrbar sind und deutlich machen, was die beiden Mauersberger-Brder mit ihrer langjhrigen differenzierten und effektiven Chorschulung geleistet haben. Man hre nur ‚Sind Blitze, sind Donner’: lupenreine Intonation in der Hhe, gepaart mit bestechender Transparenz der Faktur.
Das Gewandhausorchester spielt routiniert und mit dem glatten, noblen Klang, den es traditionsbedingt kultiviert, und das muss ja nicht negativ sein. Die Streicher entwickeln eine hohe Flexibilitt in der Begleitung der entsprechenden Rezitative, mit sattem, vollem Klang, dass man sich einmal wieder richtig darin baden kann, wenn man genug hat von so mancher blutleerer Vibratolosigkeit der historischen Auffhrungspraxis. Das Orchester spielt klangschn, doch stellenweise htte die Binnenentwicklung der Tne weniger statisch sein knnen. Der Zusammenklang mit den beiden Chren ist herausragend ausgewogen, ebenso mit den Solisten.

Ein Schmuckstck

Berlin Classics prsentiert Bachs musikalischen Kultgegenstand in einer diesem Gegenstand wrdigen Verpackung. Preuisch-blau samtbezogen der Schuber und mit etlichen Passionsdarstellungen verschiedener Jahrhunderte bedruckte CDs und Klappalbum. Ebenso das Booklet, welches weitere Abbildungen aus der Passionsgeschichte Jesu Christi und der darauf bezogenen Symbolik enthlt.
Die Aufnahmequalitt der 35 Jahre alten Einspielung ist hervorragend. Das Klangbild ist bestens ausgesteuert, Hhen und Tiefen sind plastisch wiedergegeben und auch bei hchster dynamischer Steigerung nie ber- oder untersteuert.
Auf Immer-Wiederhren.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Magazine zum Downloaden

harmonia mundi magazin (8/2014) herunterladen (1750 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (7/2014) herunterladen (2702 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Paolo Carignani im Portrait "Bei Verdi kann man den Bhnenstaub riechen"
Von der Rockorgel in den Orchestergraben - das Feuer des italienischen Dirigenten Paolo Carignani lodert auf verschiedenen Gebieten

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich