> > > Bach, Johann Sebastian: Cantatas
Montag, 4. Juni 2012

Bach, Johann Sebastian - Cantatas

Unspektakuläre Kantaten


Label/Verlag: Arts music
VÖ: 10/2004
Bestell-Nr.: 47695-2
Spielzeit: 069:50


Die Selbstverständlichkeit, mit der Johann Sebastian Bach (wie viele seiner Kollegen im 18. Jahrhundert) Sonntag für Sonntag eine Kantate komponierte, versetzt den heutigen Hörer in ungläubiges Erstaunen. Nicht nur, weil es sich keineswegs um Werke von der Stange handelt – hohe individuelle Qualität zeichnet beinahe jede der rund 200 erhaltenen Kantaten aus. Sondern auch angesichts des Arbeitsaufwandes eines Komponisten, der neben seiner Tätigkeit als Kantor und Lehrer noch zahlreiche andere Verpflichtungen bewältigen mußte. Woher nahm Bach all die Zeit? Während man über diese Frage nachgrübelt, bietet es sich an, die eine oder andere Kantate zu hören – Diego Fasolis hat mit dem Instrumentalensemble ‘I Barocchisti’ und dem Chor des Schweizer Radios Lugano drei Chorkantaten und eine Solokantate aufgenommen, darunter zwei der berühmtesten Vokalwerke aus Bachs Feder: die ‘Trauerode’ BWV 198 und den ‘Actus tragicus’ BWV 106. Daneben stehen die Kantaten ‘Der Herr denket ans uns’ BWV 196 und die Alt-Solokantate ‘Schlage doch, gewünschte Stunde’ BWV 53. Das Solistenquartett besteht aus Nancy Argenta (Sopran), Bernhard Landauer (Altus), Daniel Auchincloss (Tenor) und Georg Zeppenfeld (Bass).

‘Laß, Fürstin, laß noch einen Strahl’ lauten die Anfangsworte der ‘Trauerode’ genannten Kantate, die Bach 1727 anläßlich des Todes der Kurfürstin Christiane Eberhardine von Sachsen komponierte. Entsprechend fehlen diesem Werk bombastische oder überschwengliche Passagen, ein lichter Tonfall der Trauer dominiert. Die Kantate ist zweigeteilt, der Schwerpunkt liegt im ersten Teil mit dem majestätischen Eingangschor und der virtuosen Altarie ‘Wie starb die Heldin so vergnügt!’, die Landauer sicher und mit zahlreichen dynamischen Schattierungen vorträgt. Wer den Klang eines Altus nicht mag, wird sich von dieser Einspielung zwar kaum umstimmen lassen, aber interpretatorisch bleibt Landauer fehlerfrei. Die anderen drei Solisten halten in etwa dieses Niveau: Nancy Argenta in ihrer Arie ‘Verstummt, ihr holden Saiten’, Tenor und Bass in ihren vergleichsweise kurzen Auftritten. Der klein besetzte Chor aus Lugano steht dem gegenüber zurück, vor allem die Aussprache betreffend. So werden die drei Chorpartien zu den schwächsten Stellen dieser Einspielung. Klanglich liegt alles im grünen Bereich, allenfalls die Continuogruppe scheint während der Choräle bisweilen unterzugehen.

Der ‘Actus tragicus’ war eine der Lieblingskantaten des 19. Jahrhunderts. Deutlich knapper als die ‘Trauerode’, unterscheiden sich die beiden Werke auch durch die instrumentale Sonatina, die dem Chor ‘Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit’ vorausgeht. In der Grundstimmung liegen die beiden Kantaten indes nahe beinander: Auch im ‘Actus tragicus’ sind Tod und Ewigkeit die zentralen Themen. Georg Zeppenfeld, der im vorangegangenen Werk nur ein Rezitativ absolvieren durfte, kann jetzt in der Arie ‘Bestelle dein Haus’ seinen kraftvollen Bass entfalten. Beim Anhören des Chores hat man nach wie vor den Eindruck, dass einige seiner Mitglieder Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben. Sehr eindringlich hingegen singt Landauer ‘In deine Hände befehl´ ich meinen Geist’, zuvor brilliert Argenta in ihrem Arioso ‘Es ist der alte Bund’. Ein wichtiges Detail im Orchester sind die beiden Blockflöten, die für einen sehr aparten, individuellen Klang sorgen. Schwächere Instrumentalisten können dadurch die gesamte Kantate verderben, doch bei ‘I Barocchisti’ besteht diese Gefahr nicht. Insgesamt steht die Einspielung im oberen Mittelfeld der zahlreichen ‘Actus tragicus’-Aufnahmen.
In der Kantate ‘Der Herr denkt an uns’ verzichtet Bach ganz auf Blasinstrumente, Streicher und Continuo bilden die Grundlage für fünf Sätze, unter denen die Sopranarie ‘Er segnet, die den Herrn fürchten’ einen gewichtigen Platz einnimmt. Erneut überzeugt Argenta als vielleicht beste der vier Solisten durch sichere Technik und hohe Gestaltungsvielfalt. In der einleitenden Sinfonia beweist Bach, dass ein reduziertes Orchester keineswegs reduzierte Inspiration bedeuten muss. Die Soloarie ‘Schlage doch, gewünschte Stunde’ fasziniert durch ihre ungewöhnliche Besetzung mit Glocken, die das Schlagen eben jener Stunde versinnbildlichen. Guillemette Laurens (Mezzosopran) ist hier die Solistin. Sie hat den Raum, die Flexibilität und Bandbreite ihrer Stimme zu demonstrieren; Fasolis hält das Orchester zurück, wie es bei einer Soloarie sicherlich angebracht ist. Die Glocken klingen dezent und werden nicht als instrumentale Kuriosität zur Schau gestellt.

Unterm Strich eine gute Einspielung von vier Bach-Kantaten, die sich allerdings starker Konkurrenz gegenübersieht. Spätestens seit dem Bach-Jahr 2000 liegen auch die beiden seltener gespielten Kantaten dieser CD in zahlreichen Aufnahme vor. Der klein besetzte Chor und die auf historischen Instrumenten musizierenden Mitglieder von ‘I Barocchisti’ orientieren sich an der historischen Aufführungspraxis. Auf diesem intensiv erforschten Gebiet gibt es zahlreiche Spekulationen, die unter anderem auf eine solistische Besetzung der Chorpartien hindeuten – aus diesem Blickwinkel ist die CD also eine halbe Sache.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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