Baiba Skride die zweite: Nach ihrem gelungenen Soloeinstand darf das junge Talent nun seine Fähigkeiten im Zusammenspiel mit dem Orchester (hier: das Kammerorchester C. Ph. E. Bach) demonstrieren. Warum sich die 23-jährige gerade in diesem Fall, wo es sich doch um den Teamgeist drehen sollte, wie eine Diva auf ihrem Sessel fläzt, dürfte wohl das Geheimnis des Fotografen bleiben. Und während das Cover sich noch um einen 18. Jahrhundert-Anstrich bemüht, wird die sorgsam (und noch durch einen stabilen Pappschuber betonte) Illusion auf der Rückseite mit einer Aufnahme des durch elektrische Lampen illuminierten Hotelflurs zunichte gemacht. Was aber recht eigentlich gut passt zu einer CD, welche die Süße und ‘Natürlichkeit’ von Zuckerwatte aufweist.
Davon aber erst später mehr, denn ganz schön perfide und ganz und gar nicht lieblich präsentiert sich erst einmal der ganz gewiss zu Missverständnissen führende Aufdruck auf der Hülle: Wer vor dem Namen Haydn den Buchstaben ‘M’, statt ‘J’ bemerkt, darf sich glücklich schätzen, hier nicht daneben gegriffen zu haben. Man mag einwenden, dass ‘Violin Concertos’ nicht so sehr von seinen Komponisten, als vielmehr der Interpretin leben soll, doch kann ein gewisses Kalkül kaum ausgeschlossen werden. Und Michael mag früher als sein älterer Bruder zu Ruhm und Anerkennung gefunden und einige bedeutende und starke Werke verfasst haben, sein ‘Concerto in B-Dur’, welches das Album ausklingen lässt, gehört nicht dazu. Musik wie ein einziges großes Klischee ist das - sie muss Kubrick für ‘Barry Lyndon’ und seine Odyssee im Weltall entgangen sein - unverbindlich, gefällig und wenig aufregend. Und statt sich dem flauschigen Mittelmaß mit aller Macht entgegenzustemmen, bleibt auch Skride in ihrem Ansatz etwas farb- und harmlos. Lediglich der langsame Mittelsatz hat außer Schönklang auch einige substantiellere Momente vorzuweisen, doch fehlt auch hier das gewisse Etwas.
Gut, dass es noch Mozarts ‘Concerto No. 3’ gibt, eine sichere Bank zwar, doch eben auch eine, bei welcher der Solistin ausreichend Platz zur Entfaltung persönlicher Potentiale gelassen wird. Und die nützt Baiba Skride bedeutend besser als bei dem müden Haydn: Forsch, doch niemals schneidend ist ihr Ton, bestimmt, doch nicht egoistisch. Wer etwas anderes oder gar eine auf Machtgehabe ausgerichtete Show erwartet hat, muss wohl überlesen haben, dass diese Frau seit ihrer Kindheit im Ensemble mit ihren Schwestern Kammermusik praktiziert. Wie auch auf ihrer Zusammenstellung von Partitas sind sublime Laut/Leise-Kontraste und butterweiche Läufe die herausragenden Merkmale ihres Spiels - so herausragend gar, dass man meint, sie aus Tausenden heraushören zu können.
Hartmut Haenchen und das Produzententeam lassen derweil bereits im September die Weihnachtsglöckchen bimmeln: Das Adagio ist ein Walzer mit Zuckerguss in surrealistischen Neon-Farben und auch der Rest der Platte kommt mit einem runden, warmen Wohlfühlklang daher, der eigentlich besser zu Winter, Eiskristallen auf dem Fenster und Glühwein passt. Andererseits muss man sagen: Das Material verträgt die Vorgehensweise und immer dann, wenn einem kalt und traurig ums Herz ist, wird diese Musik Wunder wirken. Und Skride schärft mit Entschiedenheit und Präzision das leicht konturenlose Bild des Orchesterklangs.
Die Deutsche Grammophon hat Hillary Hahn, die Decca Janine Jansen und Sony jetzt Baiba Skride - der Dreikampf kann beginnen! Eine ganz und gar reizende Aussicht, haben doch alle drei Damen ein eigenes Profil, reichlich Talent und ein gesundes Maß an Ehrgeiz vorzuweisen. Wenn diese beiden CDs eines beweisen, dann dieses: Den Anschluss an die Spitzengruppe junger Geigenvirtuosinnen hat Skride quasi aus dem Stand geschafft. |