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Details zu Lampson, Elmar: Fadenkreuze
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Kritik zu col legno: Lampson, Elmar: Fadenkreuze

Befreiende Botschaft


tocafi, 07.06.2004


Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 





Mit der ‘Neuen Musik’ verhält es sich ein wenig wie mit dem Geschlechterkonflikt: Nicht ganz einfach. Man muss ja nicht gleich die Beschallung von Tanzgelagen oder Schützenfesten mit Nono'schen Orchesterwerken fordern, um dem Genre eine leichte Realitätsferne zu attestieren - und dies leider nicht im Sinne einer begrüßenswerten Transzendenz, sondern einer zumeist affektiert-künstlerischen Borniertheit. Da man mit Atonalität oder neuen Referenzsystemen keinen müden EURO verdienen kann, lassen sich die Komponisten, so scheint es, in der Währung des wahren Bohemien auszahlen: Dem EGO, welcher das Herz des Schöpfers beflügelt und das Gemüt des Rezipienten bedrückt: Was wurde zu den stilisierten Abstraktionen und mit dem Brei der Subventionen hochgepäppelten Werken der Neutönenden in den Konzertsälen dieser Welt gelitten und dazu gute Miene gemacht! Elmar Lampsons unermüdliches Engagement für die Wiederentdeckung der Erfahrung als grundlegendstes Phänomen des musikalischen Erlebnisses nimmt man deswegen nicht nur erleichtert und dankend entgegen, sondern darf in ihm auch den Vorboten eines möglicherweise bereits bald anstehenden Paradigmenwechsels in der Neuen Musik sehen.

Der da lautet: Zurück zum Hören! Wobei durchaus nicht gemeint sein soll, dass die bereits durch Radiodauerberieselung und die unvermeidlichen Klangteppiche an allen passenden und unpassenden öffentlichen Orten rot angelaufenen Ohren noch zusätzlich strapaziert werden sollten. Vielmehr verbirgt sich hinter dieser simplen Formulierung ein Aufruf zu einer qualitativen Aufwertung des Hörens hin zu einem bewussten Prozess, durch den Musik erst entsteht und jeder einzelne Ton einen beinahe physischen Charakter erhält. Lampson weist in dem spannenden Interview, welches sich in dem der CD beigelegten Booklet findet, darauf hin, dass der Geist des Beobachters hierbei im Idealfall einen neuen Aggregatzustand erreicht, in welchem Vergangenheit und Zukunft im erlebten Augenblick zusammenfließen und das stetig voranschreitende ‘Jetzt’ zum Puls wird. Wahrscheinlich eher zufällig denn geplant erinnert seine Herangehensweise dabei an die Methodik der Meditation, in der genau dieser Zustand als die ‘Wahrnehmung der Wahrnehmung’ bekannt ist und tatsächlich weisen die auf ‘Fadenkreuze’ versammelten Stücke ebenjene spirituelle Aura auf, die den meisten Kollegen aus der modernen E-Musik so schmerzlich abgeht.

Die beiden, in ihrem Entstehungszeitpunkt extrem weit auseinanderliegenden Sätze des ‘Streichquartetts Nr.2’ dienen dabei als idealer Einstieg ins Schaffen, sind zwar streckenweise so aneckend, wie man es ihnen nachsagt, niemals aber schockierend oder gar verstörend und enden in der zarten Schönheit einer harmonischen Naturerscheinung, welche versöhnend ihre heilenden Hände über die aufgerissenen Wunden legt. Schwierigere, doch kein bisschen weniger lohnenswerte Kost stellt ‘Halleluja’ dar, das 1996 für den verstorbenen Vater entstandene Requiem für Solo-Cello. Eine berührende Einleitung geht nahtlos in ausgedehnte, markant gezackte Sechzehntelfiguren über, die sich allmählich in den hohen Registern auflösen und den Raum für den kontemplativen Hauptteil freigeben, in welchem das Stück beinahe zum Stillstand kommt, doch gerade in den an der Grenze zur Hörbarkeit gestrichenen Saiten einen quasi umgekehrten Höhepunkt erreicht. Entscheidenden Beitrag zum Gelingen hat hier auch das grandiose Spiel von Wolfgang Sellner, der jeden Augenblick die fantasmagorische Atmosphäre zwischen Erleben und Erlöschen aufrecht erhält, ohne sich dabei in Gefühlsduseleien zu verlieren. Die vier abschließenden Stücke für Violine und Klavier sind ältesten Datums, klingen dennoch frisch und unverbraucht, dabei aber bedeutend bodenständiger und weniger radikal. Nicht umsonst ist bei ihnen die Assoziation mit Bartok gezielter Teil des Materials, während sich die vorangegangenen Kompositionen gängigen Referenzen und Systemen verweigern.

Wenn der Komponist Lampson dem Dekan Lampson an der Hochschule Witten/Herdecke schon jetzt in Sachen Öffentlichkeitswirkung ebenbürtig wäre, müsste man sich um die Entwicklung der neuen Musik keine Sorgen mehr machen. Merkwürdig deshalb, dass dem Wahl-Hamburger bei zwei Punkten ein Lapsus im eigenen Gedankenkonstrukt unterläuft. Seine generelle Verunglimpfung der U-Musik als ‘Gummibärchen-Musik’, mag aus einer von gängigen Normen abweichenden Definition der Grundgesamtheit resultieren oder aus schlichter Unkenntnis der auf diesem Gebiet stattfindenden Entwicklungen (tatsächlich erreicht gerade in den Ausläufern dieser Sparte eine beachtliche Zahl an Werken den beabsichtigten Aggregatzustand der Zeitqualitäten). Doch dass seine Musik, wie ein Kuss oder ein Händedruck, nur im Konzertsaal wahrhaft fühlbar werde, mag nicht recht einleuchten. ‘Musikalisch hörend sich einem klingenden Gegenstand zu nähern, heißt, Innen und Außen verschwimmen zu lassen.’ Es ist gerade das Befreiende dieser Botschaft, dass dies überall möglich ist.

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