Mit der ‘Neuen Musik’ verhält es sich ein wenig wie mit dem
Geschlechterkonflikt: Nicht ganz einfach. Man muss ja nicht gleich die
Beschallung von Tanzgelagen oder Schützenfesten mit Nono'schen
Orchesterwerken fordern, um dem Genre eine leichte Realitätsferne zu
attestieren - und dies leider nicht im Sinne einer begrüßenswerten
Transzendenz, sondern einer zumeist affektiert-künstlerischen Borniertheit.
Da man mit Atonalität oder neuen Referenzsystemen keinen müden EURO
verdienen kann, lassen sich die Komponisten, so scheint es, in der Währung
des wahren Bohemien auszahlen: Dem EGO, welcher das Herz des Schöpfers
beflügelt und das Gemüt des Rezipienten bedrückt: Was wurde zu den
stilisierten Abstraktionen und mit dem Brei der Subventionen hochgepäppelten
Werken der Neutönenden in den Konzertsälen dieser Welt gelitten und dazu
gute Miene gemacht! Elmar Lampsons unermüdliches Engagement für die
Wiederentdeckung der Erfahrung als grundlegendstes Phänomen des
musikalischen Erlebnisses nimmt man deswegen nicht nur erleichtert und
dankend entgegen, sondern darf in ihm auch den Vorboten eines möglicherweise
bereits bald anstehenden Paradigmenwechsels in der Neuen Musik sehen.
Der da lautet: Zurück zum Hören! Wobei durchaus nicht gemeint sein soll,
dass die bereits durch Radiodauerberieselung und die unvermeidlichen
Klangteppiche an allen passenden und unpassenden öffentlichen Orten rot
angelaufenen Ohren noch zusätzlich strapaziert werden sollten. Vielmehr
verbirgt sich hinter dieser simplen Formulierung ein Aufruf zu einer
qualitativen Aufwertung des Hörens hin zu einem bewussten Prozess, durch den
Musik erst entsteht und jeder einzelne Ton einen beinahe physischen
Charakter erhält. Lampson weist in dem spannenden Interview, welches sich in
dem der CD beigelegten Booklet findet, darauf hin, dass der Geist des
Beobachters hierbei im Idealfall einen neuen Aggregatzustand erreicht, in
welchem Vergangenheit und Zukunft im erlebten Augenblick zusammenfließen und
das stetig voranschreitende ‘Jetzt’ zum Puls wird. Wahrscheinlich eher
zufällig denn geplant erinnert seine Herangehensweise dabei an die Methodik
der Meditation, in der genau dieser Zustand als die ‘Wahrnehmung der
Wahrnehmung’ bekannt ist und tatsächlich weisen die auf ‘Fadenkreuze’
versammelten Stücke ebenjene spirituelle Aura auf, die den meisten Kollegen
aus der modernen E-Musik so schmerzlich abgeht. Die beiden, in ihrem
Entstehungszeitpunkt extrem weit auseinanderliegenden Sätze des
‘Streichquartetts Nr.2’ dienen dabei als idealer Einstieg ins Schaffen, sind
zwar streckenweise so aneckend, wie man es ihnen nachsagt, niemals aber
schockierend oder gar verstörend und enden in der zarten Schönheit einer
harmonischen Naturerscheinung, welche versöhnend ihre heilenden Hände über
die aufgerissenen Wunden legt. Schwierigere, doch kein bisschen weniger
lohnenswerte Kost stellt ‘Halleluja’ dar, das 1996 für den verstorbenen
Vater entstandene Requiem für Solo-Cello. Eine berührende Einleitung geht
nahtlos in ausgedehnte, markant gezackte Sechzehntelfiguren über, die sich
allmählich in den hohen Registern auflösen und den Raum für den
kontemplativen Hauptteil freigeben, in welchem das Stück beinahe zum
Stillstand kommt, doch gerade in den an der Grenze zur Hörbarkeit
gestrichenen Saiten einen quasi umgekehrten Höhepunkt erreicht.
Entscheidenden Beitrag zum Gelingen hat hier auch das grandiose Spiel von
Wolfgang Sellner, der jeden Augenblick die fantasmagorische Atmosphäre
zwischen Erleben und Erlöschen aufrecht erhält, ohne sich dabei in
Gefühlsduseleien zu verlieren. Die vier abschließenden Stücke für Violine
und Klavier sind ältesten Datums, klingen dennoch frisch und unverbraucht,
dabei aber bedeutend bodenständiger und weniger radikal. Nicht umsonst ist
bei ihnen die Assoziation mit Bartok gezielter Teil des Materials, während
sich die vorangegangenen Kompositionen gängigen Referenzen und Systemen
verweigern.
Wenn der Komponist Lampson dem Dekan Lampson an der Hochschule
Witten/Herdecke schon jetzt in Sachen Öffentlichkeitswirkung ebenbürtig
wäre, müsste man sich um die Entwicklung der neuen Musik keine Sorgen mehr
machen. Merkwürdig deshalb, dass dem Wahl-Hamburger bei zwei Punkten ein
Lapsus im eigenen Gedankenkonstrukt unterläuft. Seine generelle
Verunglimpfung der U-Musik als ‘Gummibärchen-Musik’, mag aus einer von
gängigen Normen abweichenden Definition der Grundgesamtheit resultieren oder
aus schlichter Unkenntnis der auf diesem Gebiet stattfindenden Entwicklungen
(tatsächlich erreicht gerade in den Ausläufern dieser Sparte eine
beachtliche Zahl an Werken den beabsichtigten Aggregatzustand der
Zeitqualitäten). Doch dass seine Musik, wie ein Kuss oder ein Händedruck,
nur im Konzertsaal wahrhaft fühlbar werde, mag nicht recht einleuchten.
‘Musikalisch hörend sich einem klingenden Gegenstand zu nähern, heißt, Innen
und Außen verschwimmen zu lassen.’ Es ist gerade das Befreiende dieser
Botschaft, dass dies überall möglich ist. |