Dicke schwarzgraue Gewitterwolken ballen sich an einem vor wenigen
Augenblicken noch blauen Himmel zusammen, schwerer Donner erschüttert die engen
Strassen der Stadt und treibt die gerade noch in gemütlichem Einkaufstrott
umherflanierenden Passanten auseinander. Die ersten Tropfen fallen, erst zögerlich,
dann stets heftiger, bis ein wahrer Sturzregen einsetzt. Ich, ohne Schirm,
suche Unterschlupf in dem schroffen Klotz einer alten Kirche, öffne einen der
mit Gusseisen besetzten Torflügel einen Spalt weit und schlüpfe in ein kleines
Vorzimmer. Während ich es durchschreite, öffne ich meine Jacke und lockere
den Schal, laufe vorbei an dem schwarzen Brett mit Konzertankündigungen und den
neusten Nachrichten der Gemeinde, vorbei an einer grossen Spendenurne und
begebe mich durch eine kleine Tür in den Hauptraum. Ich trete in den Saal und
erstarre, nicht mehr fähig zu einem weiteren Schritt, werde eingehüllt in eine
Wolke aus Klang, die sich gnadenloser über mir ergiesst wie der Regen
draußen, durch meine Kleidung sickert und meinen ganzen Körper erfasst. Es ist ein
Orgelkonzert und jede einzelne Note hallt durch diese verwinkelten Gemäuer,
wird scheinbar noch verstärkt und vervielfacht, kommt von allen Seiten auf
mich zu. Ich verharre hier und bleibe, bis der letzte Ton verebbt ist, bleibe
noch eine ganze Weile länger.
Die überwältigende physische Wirkung der Orgel, die nicht nur im Ohr,
sondern im ganzen Körper spürbar wird, war Komponisten aller Epochen und Sparten
bekannt und obwohl dieses mächtigste und immobilste aller Instrumente auch
nicht mehr den einstmaligen zentralen Platz im musikalischen Schaffen einnimmt,
war es auch niemals gänzlich verschwunden, erschien immer dann, wenn es um
Tragik ging und um Transzendenz, um die ewige Thematik des Todes und des
Fortwährens nach ihm. Auch in der Moderne, von den dunklen Niederungen des
Doom-Metal bis zu den extremen Jazzexperimenten eines Jan Garbarek, erhält sie wieder
eine tragende Rolle. Es ist somit nicht nur eine repertoiretechnisch längst
überfällige und musikalisch wertvolle freundliche Geste des audite-Labels,
sich mit dieser Veröffentlichung eingehender der Orgel im späten 19. und 20.
Jahrhundert zu widmen, sondern vielmehr ein Gebot der Aktualität. Die Auswahl
der fünf beteiligten Stücke erfolgte dabei aber nicht nur anhand ihrer
zeitlichen Nähe und Kombinationsfähigkeit, sondern zudem anhand ihrer
verschiedenartigen Integration der Orgel in den Gesamtkontext – man muss den Plattentitel
also so verstehen, dass hier nach Berührung von Ähnlichem geforscht wird, aber
eben nicht nach Vermischung von Gleichem.
Samuel Barbers ‘Toccata Festiva’ verteilt die Rollen von Orchester und Orgel
ständig neu, lässt letztere auf ersteres antworten oder umgekehrt und
tauscht auch Führungs- und Begleitungszuordnungen stets aufs Neue. Immer unter
Strom doch niemals gehetzt eilt dieses Meisterwerk unter Verwendung verschiedener
immer wieder auftauchender Themen seinem prachtvollen Finale entgegen.
Saint-Saens hingegen benutzt die Orgel, um die beiden Sätze intern
atmosphärisch aufzubrechen, stellt dem kühlen Beginn des ersten Satzes seiner dritten
Symphonie ruhige wärmende Register entgegen, während das
feierlich-euphorische Finale wunderbar mit der nervös voranpreschenden Einleitung des zweiten
Satzes kontrastiert.
Bei dem Titelstück dieser Zusammenstellung handelt es sich um Frank Zabels
Beitrag, dessen Erstveröffentlichungscharakter derart forsch mit einem schräg
in den Text geklebten ‘Premiere Recording’-Zusatz versehen ist, dass man
meint, es gebe ihn im Sonderangebot. Zabel, 1968 in Meinerzhagen geboren, lehrt
als Professor in Düsseldorf und geht dem Prinzip der Unschärfe als
Gestaltungselement in der Kunst nach. Wie angenehm, dass diese Musik dennoch so ganz
unakademisch klingt, so frisch und abseits aller Schulen. Mit dem Begriff der
Unschärfe ist auch nur der gleichzeitige Anschlag benachbarter Töne beim
Spielen einer Note gemeint, sowie der gelegentliche Einsatz von Vierteltönen und so
ist hier nichts undefiniert geblieben, sondern alles wunderbar fokussiert
und resolut. Orgelglissandi, brachiale Tutti, romantische Geigenpassagen und
kurze Exkursionen ins Atonale – Stilvielfalt und Multidimensionalität der
Mittel geben den Ton an.
Richard Strauss’ ‘Festlicher Einzug der Ritter des Johaniterordens’ ist dann
ein Abschluss, der keiner Erklärung bedarf, feierlich und würdevoll, mächtig
und majestätisch.
Christian Schmitt an der Orgel kitzelt die feinsten stimmlichen Nuancen aus
seinem Instrument und Johannes Wildner hat nichts anderes getan, als die
Stücke auf ihre ursprünglichste Bedeutung zu reduzieren – ein Verdienst indes,
keine Einfallslosigkeit. Die Produktion von Ludger Böckenhoff ist klar und
klangmalerisch: Nie waren Bläser satter, selten Streicher derart warm.
Auch der letzte Besucher hat die Kirche verlassen, ich ziehe den
Reißverschluss meiner Jacke zu und öffne die schwere Tür in die Welt da draußen
wieder. Die Sonne scheint und ein Regenbogen steht am Himmel. Einträchtig und
schillernd stehen seine Farben nebeneinander und berühren sich, Seite an Seite, zu
einem prachtvollen Gemälde. |