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Details zu Touching Colours - Organ & Orchestra
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Kritik zu Audite: Touching Colours - Organ & Orchestra

Gebot der Aktualität


tocafi, 19.01.2004

Touching Colours - Organ & Orchestra
Label: Audite , VÖ: 11.08.2003
Spielzeit: 72:59 , aufgenommen 2/2003


Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 





Dicke schwarzgraue Gewitterwolken ballen sich an einem vor wenigen Augenblicken noch blauen Himmel zusammen, schwerer Donner erschüttert die engen Strassen der Stadt und treibt die gerade noch in gemütlichem Einkaufstrott umherflanierenden Passanten auseinander. Die ersten Tropfen fallen, erst zögerlich, dann stets heftiger, bis ein wahrer Sturzregen einsetzt. Ich, ohne Schirm, suche Unterschlupf in dem schroffen Klotz einer alten Kirche, öffne einen der mit Gusseisen besetzten Torflügel einen Spalt weit und schlüpfe in ein kleines Vorzimmer. Während ich es durchschreite, öffne ich meine Jacke und lockere den Schal, laufe vorbei an dem schwarzen Brett mit Konzertankündigungen und den neusten Nachrichten der Gemeinde, vorbei an einer grossen Spendenurne und begebe mich durch eine kleine Tür in den Hauptraum. Ich trete in den Saal und erstarre, nicht mehr fähig zu einem weiteren Schritt, werde eingehüllt in eine Wolke aus Klang, die sich gnadenloser über mir ergiesst wie der Regen draußen, durch meine Kleidung sickert und meinen ganzen Körper erfasst. Es ist ein Orgelkonzert und jede einzelne Note hallt durch diese verwinkelten Gemäuer, wird scheinbar noch verstärkt und vervielfacht, kommt von allen Seiten auf mich zu. Ich verharre hier und bleibe, bis der letzte Ton verebbt ist, bleibe noch eine ganze Weile länger.

Die überwältigende physische Wirkung der Orgel, die nicht nur im Ohr, sondern im ganzen Körper spürbar wird, war Komponisten aller Epochen und Sparten bekannt und obwohl dieses mächtigste und immobilste aller Instrumente auch nicht mehr den einstmaligen zentralen Platz im musikalischen Schaffen einnimmt, war es auch niemals gänzlich verschwunden, erschien immer dann, wenn es um Tragik ging und um Transzendenz, um die ewige Thematik des Todes und des Fortwährens nach ihm. Auch in der Moderne, von den dunklen Niederungen des Doom-Metal bis zu den extremen Jazzexperimenten eines Jan Garbarek, erhält sie wieder eine tragende Rolle. Es ist somit nicht nur eine repertoiretechnisch längst überfällige und musikalisch wertvolle freundliche Geste des audite-Labels, sich mit dieser Veröffentlichung eingehender der Orgel im späten 19. und 20. Jahrhundert zu widmen, sondern vielmehr ein Gebot der Aktualität. Die Auswahl der fünf beteiligten Stücke erfolgte dabei aber nicht nur anhand ihrer zeitlichen Nähe und Kombinationsfähigkeit, sondern zudem anhand ihrer verschiedenartigen Integration der Orgel in den Gesamtkontext – man muss den Plattentitel also so verstehen, dass hier nach Berührung von Ähnlichem geforscht wird, aber eben nicht nach Vermischung von Gleichem. Samuel Barbers ‘Toccata Festiva’ verteilt die Rollen von Orchester und Orgel ständig neu, lässt letztere auf ersteres antworten oder umgekehrt und tauscht auch Führungs- und Begleitungszuordnungen stets aufs Neue. Immer unter Strom doch niemals gehetzt eilt dieses Meisterwerk unter Verwendung verschiedener immer wieder auftauchender Themen seinem prachtvollen Finale entgegen. Saint-Saens hingegen benutzt die Orgel, um die beiden Sätze intern atmosphärisch aufzubrechen, stellt dem kühlen Beginn des ersten Satzes seiner dritten Symphonie ruhige wärmende Register entgegen, während das feierlich-euphorische Finale wunderbar mit der nervös voranpreschenden Einleitung des zweiten Satzes kontrastiert.

Bei dem Titelstück dieser Zusammenstellung handelt es sich um Frank Zabels Beitrag, dessen Erstveröffentlichungscharakter derart forsch mit einem schräg in den Text geklebten ‘Premiere Recording’-Zusatz versehen ist, dass man meint, es gebe ihn im Sonderangebot. Zabel, 1968 in Meinerzhagen geboren, lehrt als Professor in Düsseldorf und geht dem Prinzip der Unschärfe als Gestaltungselement in der Kunst nach. Wie angenehm, dass diese Musik dennoch so ganz unakademisch klingt, so frisch und abseits aller Schulen. Mit dem Begriff der Unschärfe ist auch nur der gleichzeitige Anschlag benachbarter Töne beim Spielen einer Note gemeint, sowie der gelegentliche Einsatz von Vierteltönen und so ist hier nichts undefiniert geblieben, sondern alles wunderbar fokussiert und resolut. Orgelglissandi, brachiale Tutti, romantische Geigenpassagen und kurze Exkursionen ins Atonale – Stilvielfalt und Multidimensionalität der Mittel geben den Ton an. Richard Strauss’ ‘Festlicher Einzug der Ritter des Johaniterordens’ ist dann ein Abschluss, der keiner Erklärung bedarf, feierlich und würdevoll, mächtig und majestätisch.
Christian Schmitt an der Orgel kitzelt die feinsten stimmlichen Nuancen aus seinem Instrument und Johannes Wildner hat nichts anderes getan, als die Stücke auf ihre ursprünglichste Bedeutung zu reduzieren – ein Verdienst indes, keine Einfallslosigkeit. Die Produktion von Ludger Böckenhoff ist klar und klangmalerisch: Nie waren Bläser satter, selten Streicher derart warm.

Auch der letzte Besucher hat die Kirche verlassen, ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke zu und öffne die schwere Tür in die Welt da draußen wieder. Die Sonne scheint und ein Regenbogen steht am Himmel. Einträchtig und schillernd stehen seine Farben nebeneinander und berühren sich, Seite an Seite, zu einem prachtvollen Gemälde.

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