Seit die Musik Estlands durch seine zeitgenössischen Komponisten und Dirigenten auch in Mitteleuropa bekannt geworden ist, beginnt man sich mehr und mehr für die Musikgeschichte dieses geographisch etwas abseitigen Staates zu interessieren. Das Selbstbewusstsein seiner jungen Staatlichkeit teilt dieses kleine schöne Land mit dem seiner Musiker. Die Werke von Erkki-Sven Tüür, Arvo Pärt oder Peter Eötvös werden auch in Deutschland häufig gespielt, und wenn sich allein Vater Neeme und Sohn Paavo Järvi zusammen tun, decken sie das Repertoire guter zwei Dutzend mitteleuropäischer Dirigenten ab.
Die lebendige Gegenwart weckt das Bedürfnis ihre Vergangenheit kennen zu lernen, nach Fortschritten, Verbindungen und Abwegen zur aktuellen Musik zu suchen. Die vorliegende Cd kann als eine Reaktion auf dieses Interesse verstanden werden. Das Label Finlandia immer ein Garant für hochinteressante nordische Musik, stellt die gesamten Präludien von Mart Saar (1882-1963) und Eduard Tubin (1905-1982) vor, 42 Klavierstücke von unterschiedlichster Art, interpretiert von Vardo Rumessen.
Trotz der Hymnen, die im nur auf englisch und sehr knapp gehaltenen Booklet auf diesen Pianisten gesungen werden, habe ich große Vorbehalte gegenüber seinem Spiel. Mag sein, dass Live-Auftritte einen anderen Eindruck vermitteln, die Cd macht nicht glauben, dass es sich um einen sensiblen und unvergleichlichen Pianisten handelt. Besonders die abwechslungsreichen Kompositionen von Mart Saar leiden darunter. Saars Präludien sind von aphoristischer Kürze und decken ein reichhaltiges Ausdrucksspektrum zwischen leicht tänzelnd (Nr. 9) über nachdenklich melancholisch (Nr. 11) bis zu auffahrend fröhlich (Nr. 15) ab. Dabei kann gerade das Präludium Nr. 15 sein Vorbild Chopin nicht verbergen. Andere versuchen dies erst gar nicht. Eines ist eine erklärte Hommage an Debussy. Gerade in diesem Stück wird Rumessens Anschlagstechnik zum Ärgernis. Der Pianist generiert einen hellen, im forte zumeist knallenden Ton. Dieser strahlt aber weniger, als er scharf klingt. Den exquisiten Ausdruck der Debussyanklänge, aber auch der tänzerischen Stücke, trifft er damit nicht. Die Balance der Klänge ist nicht stimmig. Auffällig ist dies auch im erwähnten Chopinesken Präludium Nr. 15. Da donnern die letzten Töne in der tiefsten Lage geradezu martialisch und perlen die Läufe wie Hagelkörner; die Spitzentöne werden nicht mit Kern hingetupft (man kann auch im Forte tupfen), so dass sie einen runden Klang hervorbrächten, sondern werden äußerst unterschiedlich hingekleckst. Rumessen nimmt sich reichlich agogische Freiheiten, führt diese aber nicht mit Sinn für die großen Bögen. Vielmehr laviert er (etwa in Nr. 18 und 19) von Augenblick zu Augenblick, was den Stücken die innere Einheit nimmt.
Hört man nach den Saar-Präludien diejenigen von Eduard Tubin, erkennt man schnell, welcher Komponist den interpretatorischen Fokus bildete. Von den noch ,romantischen‘ seines Landsmannes unterscheiden sich Tubins Präludien erheblich. Gerade seine Späteren sind spröder und kommen mit äußerst knappen Mitteln aus - wenige musikalische Motive bestimmen den Fortgang der Kompositionen. Rumessens Spiel, seine Kühle und Sentimentalitätsverweigerung, fügt sich besser zu diesen Werken. Pianist und Komponist scheinen einig, zum Hörer emotionale Distanz halten zu wollen.
Während Saars Musik großteils noch weittragende Spannungsverläufe verlangt, sind Tubins Stücke Momentaufnahmen mit verschiedenen augenblicklichen Spannungen. Bei Tubin sind diese sinnvoll vermittelt. Bei Saar ließ Rumessen die Bögen allzu häufig abbrechen. So wirkt die Aufnahme letztendlich als habe der Pianist von Tubin auf den älteren Saar rückgeschlossen. Ein Vermittlungsversuch, der mich nicht überzeugen kann. |