> > > Bach, Johann Sebastian: Englische Suiten
Mittwoch, 29. Juni 2016

Bach, Johann Sebastian - Englische Suiten

Rasant und tänzerisch


Label/Verlag: harmonia mundi
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Richard Egarr gelingt mit dieser Einspielung der Englischen Suiten von Bach der perfekte Spagat zwischen historisch informierter Spielweise und lebendiger Neuinterpretation.

Die Rezensentin muss zugeben, dass sie die vorliegende CD nicht ganz unvoreingenommen in den CD-Player einlegte, sondern allerhöchste Erwartungen hatte. Über die Jahre sind ihr Richard Egarrs Mozart- und Bach-Interpretationen sehr ans Herz gewachsen, so dass sie auch die Englischen Suiten mit größter Spannung erwartete. Ob Goldberg-Variationen oder die beiden Alben zum Wohltemperierten Klavier – Richard Egarr hat sich bisher als feinfühliger und historisch informierter und sensibler Interpret dieser Musik erwiesen. Allein sein Booklet-Text macht deutlich, dass es sich hier nicht um einen stimmungsgetriebenen Glamour-Interpreten handelt. Den interessierten Leser erwartet vielmehr eine kritische Quellenanalyse, die sowohl die Überlieferungswege der Bachschen Suiten beschreibt als auch ihre musikalische Verortung im Musikleben der damaligen Zeit versucht.

So akribisch wie die theoretische Auseinandersetzung ist auch Egarrs spieltechnische Ausformung der Stücke. Mit großer Sachkenntnis arbeitet er die typischen Charakterzüge der einzelnen Tanzsätze heraus, während er gleichzeitig den Bachschen Tonfall wunderbar zu neuem Leben erweckt. Die Komplexität der polyphonen Stimmführung scheint aus dem musikalischen Moment wie zwingend zu entstehen, so dass jede Note mit Sinn und Ausdruck gefüllt ist. Egarr entwickelt die Musik wie eine Improvisation, ohne dabei die interpretatorischen Konventionen des Barocks zu vergessen. So gelingt ihm der perfekte Spagat zwischen historisch informierter Spielweise und lebendiger Neuinterpretation. Selten klingen die Suiten so frisch und frei wie hier. Ihr tänzerischer Duktus scheint selbst in so komplexen, vielstimmigen Sätzen wie der 'Allemande' aus der Suite a-Moll BWV 807 immer durch die enge Textur der Stimmen hindurch. Auch die Wahl flüssiger Tempi in den Präludien wie in den Suiten Nr. 4 und 5 trägt dazu bei, dass Egarr dem Hörer Energie und Spielfreude an Bachs Musik vermittelt. Selbst der getragene, quasi improvisiert wirkende Anfang des Präludiums der Suite BWV 811 wird von Egarr mit einem sehr flinken Mittelteil kombiniert, der den Hörer durch immer neue harmonische Wendungen überrascht.

Das von Egarr gewählte Instrument, ein Ruckers-Nachbau durch Joel Katzman (Amsterdam, 1991) ist von bestechender Klangfülle. Es besitzt eine warme Mittellage, kräftige tiefe Register sowie eine mild strahlende Höhe ohne klirrende Spitzen. Durch Egarrs Entscheidung, das Cembalo auf a‘ = 409 zu stimmen, wird dieser Klangeindruck noch positiv verstärkt. Er erreicht dadurch eine Ausgewogenheit der Stimmen, die sich besonders in den fugierten Sätzen auszahlt, wenn ein Motiv durch die verschiedenen Register wandert. Die vorliegende CD-Box mit Bachs Englischen Suiten ist ein weiterer Meilenstein in Richard Egarrs grandioser Aufnahmereihe Bachscher Werke.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Bach, Johann Sebastian: Englische Suiten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
harmonia mundi
2
15.02.2013
EAN:

093046759124


Cover vergössern

harmonia mundi

Die Geschichte
Am Anfang stand die Abenteuerlust eines Mannes ohne Geld und ohne Mitstreiter, der - arglos und wagemutig - den Entschluß faßte, eine Schallplattenfirma für klassische Musik zu gründen. Aber er hatte das Glück, bald von Freunden und Musikliebhabern - oft uneigennützige - Unterstützung zu finden. Während der 60er Jahre stellte harmonia mundi - soweit die finanziellen Mittel es zuließen - einen exemplarischen Katalog von Aufnahmen historischer Orgeln aus ganz Europa zusammen.

Dann kam die entscheidende Begegnung mit Alfred Deller. Mit ihm verband sich die Wiederentdeckung der Musik der englischen Renaissance, und harmonia mundi wurde schnell eine der Speerspitzen der großen Erneuerung der Barockmusik und blieb bis heute häufig Vorreiter neuer Entwicklungen.
Stets um ihre Unabhängigkeit besorgt, hat harmonia mundi im Laufe der Jahre, zunächst in Frankreich und nach und nach im Ausland, ihr eigenes Vertriebsnetz aufgebaut. Aber es sind vor allem die Künstler, die das Ansehen von harmonia mundi geschaffen haben. Ihnen gebührt hier an erster Stelle Dank.

Die Produktion
Seit fast 50 Jahren verfolgt harmonia mundi in der Produktion unverändert eine Richtlinie: keine schematischen Industrieprodukte nach den Regeln des Marketings zu fabrizieren, sondern musikalischen Geschmack und Begeisterung zu vermitteln. harmonia mundi hat allgemein das Image, DAS Label der Barockmusik zu sein. Ab Anfang der 60er Jahre, lange vor der barocken Modewelle, begann sie, mit Spitzenkünstlern eine oft beispielhafte Produktion aufzubauen.
Diese Produktion konzentriert sich in erster Linie auf die Interpreten, die eine persönliche Vision und neue Ideen umsetzen, egal in welcher musikalischen Gattung oder Epoche. Erstaunlicherweise war es in den letzen Jahren gerade die sogenannte "Alte Musik", die neue Gedankengänge und Interpretationsansätze hervorgebracht hat. Unsere Devise ist, gute Musik mit Musikern zu machen, die sie optimal vermitteln - oder ganz einfach: mitreißende Musik mit mitreißenden Musikern.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag harmonia mundi:

  • Zur Kritik... Der Flügel des Gesangs: Unter der Vielzahl neuer Mendelssohn-Klavieraufnahmen der letzten fünf Jahre finden sich ziemlich individualisierte pianistische Grundperspektiven. Javier Perianes etwa verkörpert die Fraktion der einfühlsamen Klaviersänger nahezu prototypisch. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Geschichten erzählen: Der dritte und letzte Teil der Einspielung sämtlicher Konzerte Robert Schumanns wartet endlich mit etwas auf, was den übrigen beiden Folgen fehlte: einer überzeugenden Realisierung. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Souverän: Es ist eine vollgültige Deutung dieser ebenso attraktiven wie fordernden Musik von Alfred Schnittke, in einer der letzten gemeinsamen Arbeiten des RIAS Kammerchors mit Hans-Christoph Rademann. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von harmonia mundi...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Christiane Bayer:

  • Zur Kritik... Wo ist das Strahlen?: Die Stücke sind schön eingesungen, wenn auch ohne große interpretatorische Überraschungen. Weiter...
    (Dr. Christiane Bayer, )
  • Zur Kritik... Frühling für die Ohren: Stefen Temmingh und Dorothee Mields spüren mit Neugier den unterschiedlichen Vogelstimmen und deren Bedeutungen in der europäischen Barockmusik nach. Was für ein buntes Gezwitscher, bei dem einem Ohr und Herz aufgehen. Weiter...
    (Dr. Christiane Bayer, )
  • Zur Kritik... Ein würdiger Auftakt: Der Startschuss zu einer Kuhnau-Reihe bei cpo könnte fulminanter gar nicht ausfallen: tadellose Umsetzung großartiger Musik durch das Ensemble Opella Musica mit Unterstützung der Camerata Lipsiensis. Weiter...
    (Dr. Christiane Bayer, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Christiane Bayer...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Ungeminderte Expressivität: Tasim Little bietet auf der zweiten Folge der Reihe britischer Violinsonaten Raritäten, die durch Littles expressiven Vortrag belebt werden. Ihr zum Süßlichen tendierender Vibratogebrauch ist allerdings Geschmackssache. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Nordische Herzenswärme: Dieser Einspielung mit 30 Liedern von Jean Sibelius gelingt eine multiperspektivische Portraitzeichnung des großen finnischen Komponisten. Vor allem die feinfühlige Interpretation gerät sehr ansprechend. Weiter...
    (Nicole Overmann, )
  • Zur Kritik... Klassiker: Die Reihe mit Regers Orgelwerken zeigt auch in der dritten Folge, dass Gerhard Weinberger vor allem für die zurückgenommenen und sakralen Wendungen ein feines Gespür hat. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

harmonia mundi magazin (6/2016) herunterladen (1627 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (6/2016) herunterladen (2144 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Karl Goldmark: Die Königin von Saba - Heil! Heil! der Königin Heil!

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Beethoventrio Bonn im Portrait "Als hätte es klassische Komponisten in Russland nicht gegeben…"
Das Trio Beethoven Bonn über seinen neuen Pianisten Jinsang Lee, aktuelle Projekte und anstehende CD-Aufnahmen

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich