Qualitativ hochwertiges Violaspiel, das konnte ich vor einiger Zeit anlässlich einer Einspielung von Kompositionen Mieczysław Weinbergs durch die Bratscherin Julia Rebekka Adler erfreut feststellen, hat derzeit Hochkonjunktur. Tatsächlich setzen sich die meisten jungen Talente mit ihrem ganzen Können dafür ein, dass das Instrument jenseits der weit verbreiteten Klischees wahrgenommen wird. In diesem Sinne hat die Schweizerin Anna Spina auf ihrer bei NEOS erschienen CD eine Reihe von fünf Solokompositionen aus den vergangenen sechs Jahrzehnten vereinigt, die mit früheren Spieltraditionen brechen und explizit auf die Erforschung neuer Ausdrucksbereiche setzen.
Ältestes Werk in diesem Reigen ist Bernd Alois Zimmermanns 'Sonate für Viola' (1955), in deren Verlauf der Komponist die Möglichkeiten der Bratsche neu bestimmte und erweiterte, indem er den Rahmen einer streng kontrapunktischen Setzweise – man könnte das Werk als eine Art moderner Choralbearbeitung bezeichnen – bis zu den Grenzen des spieltechnisch Möglichen ausdehnte. Spinas Wiedergabe der Sonate ist nicht nur im Hinblick auf eben diese geforderten spieltechnischen Details phänomenal, sondern kann darüber hinaus auch in Bezug auf Klarheit und Sorgfalt ihrer Formung musikalischer und klanglicher Strukturen stellvertretend für die gesamte Produktion stehen.
Gérard Griseys 'Prologue' (1976) wirkt in Spinas Interpretation weniger geschlossen als in anderen Einspielungen. Dies hängt damit zusammen, dass die Bratscherin hier ganz bewusst die Kontraste zwischen den disparaten Texturen – den figurativen Bewegungen im Tonraum einerseits und den immer wieder angestimmten Repetitionen des Grundtons andererseits – in den Mittelpunkt stellt und dadurch von der kompositorisch nachvollzogene Erschließung eines Obertonspektrums und dem damit verbundenen Entwicklungsverlauf ablenkt. Indem sie zugleich die zunehmend in den Verlauf eingelassenen Rauigkeitswerte und Störungen betont, macht sie das Werk zu einer packenden Studie zu den Übergangsbereichen zwischen Klang und Geräusch.
Konsequenterweise stellt die Interpretin dem 'Prologue' die nahezu zeitgleich entstandenen Werke 'Ai limiti della notte' (1979) und 'Tre notturni brillanti' (1974) von Salvatore Sciarrino gegenüber, deren Wirkung fast ausschließlich auf der Anwendung differenzierter Geräuschwertigkeiten besteht. Faszinierend ist es, den energetischen Prozessen zu lauschen, die Spina unter der Oberfläche des jüngeren Stücks aufdeckt, um sie zu verwischten, flirrenden Konturen zu formen. Noch eindrücklicher geraten allerdings die 'Notturni', bei deren Wiedergabe die körperliche Komponente der von Sciarrino eingeforderten Virtuosität – vor allem deren unauflösliche Verbindung mit dem Atem und den Bewegungen der Musikerin – sehr deutlich, geradezu mit bildhafter Prägnanz hervortritt.
Wiederum auf ganz andere Weise zeigt Spina schließlich, mit welchen interpretatorischen Facetten sie auf die monologische Situation reagiert, die Georges Aperghis in 'Volte-Face' (2001), dem jüngsten Stück der eingespielten Werkauswahl, entwirft: Hier erscheint ihr Spiel passagenweise zärtlich und – teils gar ironisch – verspielt, wird dann wiederum mit heftigen Ausbrüchen konfrontiert, bewegt sich dabei aber immer in einem Assoziationsraum, der den Hörer an einen gesprochenen Monolog zu erinnern vermag. Dass die CD bereits nach knapp 55 Minuten zuende ist, mag ist ein wenig bedauerlich; allerdings wartet sie dafür mit einer enorm vielseitigen Annäherung an das Repertoire für solistische Viola auf, die jedem Hörer empfohlen sei, der sich nicht vor dem Neuen scheut. |