‚Wie man es macht, macht man es verkehrt’ – dieser Satz fällt mir immer wieder ein, wenn ich die verschiedenen Bewertungen des Schaffens des dänischen Komponisten Niels Wilhelm Gade (1817-1890) lese. So wurde am Frühwerk eine zu starke Verhaftung in der nordischen Themenwelt beklagt, der Komponist treibe zu viel bloße Klangmalerei. Als sich Gade, vielleicht als Reaktion darauf, einen allgemeingültigeren Stil zugelegt hatte, passte den Kritikern nicht, dass die Musik zu wenig eigenständig sei und zu sehr an die deutschen Romantiker erinnerte; so wird überliefert, jemand habe einmal beim Hören eines ihm unbekannten Musikstücks geäußert, dieses klänge so sehr nach Mendelssohn, dass es von Gade sein müsse. Hinter all dieser Kritik verbirgt sich zwar ein wahrer Kern; im Grunde wird aber die durchaus eigenständige Komponistenpersönlichkeit Gades verkannt.
Drei Sonaten aus drei Schaffensphasen
Die drei Violinsonaten Gades zeigen – ähnlich wie die acht Sinfonien – sehr schön diese kompositorische Entwicklung. Die erste Sonate A-Dur op. 6 ist dem Frühwerk zuzurechnen; als Inspirationsquelle für das klangmalerische und fast schon impressionistische Farbschattierungen vorwegnehmende Werk mag das Märchen von der schönen Meerjungfrau gedient haben. Die dritte Sonate B-Dur op. 59 gehört zu den letzten Kompositionen Gades und steht für dessen Rückbesinnung auf ‚nordische’ Themen. Nach einem eher an Schumann und Mendelssohn erinnernden Kopfsatz öffnet sich die Bühne für ein imaginäres Elfen- und Trollballett, das in manchem die Stimmung der Griegschen lyrischen Stücke trägt. Formal konzentrierter und vergleichsweise streng gearbeitet ist die zweite Sonate in d-Moll op. 21. Dieses Werk aus der mittleren, der ‚klassischen’ Schaffensperiode, hat Gade Robert Schumann gewidmet, und möglicherweise ist in ihm eine ‚Antwort’ auf dessen ‚Gruß an G’ aus dem 'Album für die Jugend’ ('Nordisches Lied’) versteckt.
Sanglich durch und durch
Das österreichische Label Gramola legt hier eine Einspielung der drei Violinsonaten mit dem Geiger Thomas Albertus Irnberger und dem Pianisten Edoardo Torbianelli vor, die im März 2009 in Salzburg entstanden ist. Besondere Erwähnung verdient das Instrumentarium, denn Torbianelli spielt nicht einfach nur Klavier, sondern musiziert an einem Wiener Hammerflügel von 1846 aus der Fabrik von Johann Michael Schweighofer – die Sanglichkeit seiner Instrumente, die schon Johannes Brahms schätzte, dürfte ideal für romantische Violinsonaten geeignet sein. Romantisch sind die Interpretationen dann auch zu nennen, ohne dass sie jedoch sentimental oder allzu schwelgerisch ausfallen würden. Irnberger versagt es sich nicht, auf der Geige zu singen und gönnt sich auch reges Vibrato; Geige und Pianoforte harmonieren aber in der Tat schon in ihren Klangfarben sehr gut, und vom Spiel der beiden Interpreten, die bestens aufeinander eingestellt sind, lässt sich im Wesentlichen nichts anderes behaupten. Die beiden wählen frische Tempi und breiten eine breite Palette an Farben und Stimmungen aus; die Charaktere der drei völlig unterschiedlichen Sonaten werden sehr gut herausgearbeitet, die Stücke empfehlen sich hier als wirklich hörenswerte Musik und als wertvolle Repertoire-Ergänzung.
Zugabe
Als kleine Zugabe nach der zweiten Sonate gibt es übrigens noch eine – allerdings eher eigenwillig zu nennende – Interpretation des besagten 'Nordischen Lieds’ aus Schumanns 'Album für die Jugend’. Im Booklet wird die Vermutung geäußert, Schumann selbst könnte in seinem Stück schon auf Musik Gades – nämlich auf dessen erste, Roberts Frau Clara gewidmete Violinsonate – Bezug genommen haben, und zwar auf deren besondere Tonartendisposition. Vielleicht wäre es dann intelligenter gewesen, das Klavierstück zwischen die erste und die zweite Sonate zu stellen, wo es von der Chronologie her gesehen dann ja hingehört. Die Klangqualität der auf hybrider SACD ausgelieferten Produktion ist ohne Fehl und Tadel; das Booklet bietet eine solide Einführung in drei Sprachen. |