Es scheint eine ausgemachte Sache auf dem internationalen Tonträgermarkt zu sein: Nicolò Paganini gehört den männlichen Interpreten. Verschwindend gering ist die Zahl der Geigerinnen, die sich mit seinen Violinkonzerten oder Capricen auf CD präsentieren. Umso erstaunlicher wirkt da jene Selbstverständlichkeit, mit der kürzlich die 30jährige Tanja Becker-Bender Paganinis gewaltigen Etüden-Zyklus in Angriff genommen hat.
Ihre Einspielung für das englische Label Hyperion ist das Zeugnis einer über 20 Jahre währenden Faszination. Bereits als Zehnjährige lernte die gebürtige Stuttgarterin – das Booklet verschweigt dies in aller Bescheidenheit – eine Paganini-Caprice nach der anderen. Mit vierzehn Jahren beherrschte Tanja Becker-Bender das komplette Opus. Mit Anfang 20 wagte sie dann, wovor selbst die abgebrühtesten Virtuosen zurückscheuen – sie führte den gesamten Zyklus live auf. Bei ihrer Studioaufnahme nun scheint Becker-Benders langjährige Paganini-Erfahrung in jeder Note, jeder Phrase durch. Und das Verblüffende: Noch nie haben die Capricen des Italieners so frisch und unverbraucht geklungen.
Becker-Bender hebt sich wohltuend vom breitbeinigen Macho-Gehabe vieler ihrer männlichen Kollegen ab. Sie nimmt sich als Interpretin zurück, protzt nicht mit ihrem (ohne Zweifel phänomenalen) Können. Während Thomas Zehetmair in seiner jüngst veröffentlichten ECM-Neueinspielung einmal mehr den rauschhaften Exzentriker hervorkehrt, versteht sich Becker-Bender als Vermittlerin der reinen Musik. Zehetmair lässt sein Instrument kratzen und beißen, krächzen und kreischen. Er lässt keinen Geräuscheffekt aus, um den genialischen Teufelsgeiger Paganini zum Leben zu erwecken. Ganz anders Tanja Becker-Bender. Der kraftvolle, sonore Ton ihrer Guaneri bleibt auch bei den leidenschaftlichsten Attacken ausgewogen. Ihr Paganini-Spiel wird von Wohlklang und Werktreue beherrscht, von Klarheit des Ausdrucks und Ehrlichkeit der Empfindung. Wo immer sich die Gelegenheit bietet, sucht die Interpretin die Innerlichkeit. Sie genießt die intimen, poetischen Momente.
Zehetmairs Interpretationen warten – im Gegensatz zu der texttreuen Becker-Bender – mit spektakulären Charakterveränderungen und improvisatorischen Verzierungen auf. Jede Caprice bekommt ihre individuelle Maske aufgepresst, jedes Stück hat aggressiv auftrumpfenden Zugabencharakter. Becker-Benders Version dagegen ist eine der ganz wenigen, die man von vorne bis hinten durchhören möchte. Und das lohnt sich. Denn nur auf diese Weise entfalten sich Paganinis 24 Capricen als betörendes, umfangreiches Kunstwerk. Wer Zweifel hat, dass es sich hierbei um den bedeutendsten Zyklus für Solovioline seit Bachs Sonaten und Partiten handelt, der höre Tanja Becker-Bender. |