Pascal Gallois spielt - Werke für Fagott von Neuwirth, Fujikura & Mantovani
Innovatives Instrumentalspiel
Label/Verlag: Stradivarius
VÖ: 12/2008
Mit phänomenalem technischem Vermögen interpretiert der Fagottist Pascal Gallois Kompositionen von Olga Neuwirth, Dai Fujikura und Bruno Mantovani.
Instrumentale Techniken unterliegen ständigen Veränderungen. Schon immer basierte ihre Weiterentwicklung auf den Fähigkeiten einzelner Musiker, ihren Instrumenten Außerordentliches und Neues zu entlocken. Bis in die Gegenwart hat sich an dieser Situation nichts geändert, auch wenn die Personalunion von Komponist und Instrumentalist, wie sie für das 19. Jahrhundert typisch war, längst nur noch einen Ausnahmefall im Musikleben darstellt. Die Faszination, die aber ein charismatischer Musiker auf Komponisten haben kann, lässt sich am Beispiel des Fagottisten Pascal Gallois nachvollziehen: Wie kaum ein anderer hat er seit Jahren dazu beigetragen, die Spieltechniken für sein Instrument in Richtungen auszubauen, von denen man früher kaum zu träumen wagte. Das enorme künstlerische Potenzial, das aus neuen Klangfarbenverbindungen wie Mehrklängen, kontinuierlichen Glissandi über mehrere Oktaven oder komplexen Anblas- und Artikulationsarten erwächst, hat eine ganze Reihe wichtiger zeitgenössischer Komponisten dazu gebracht, neue Werke für Gallois zu schreiben.
Nach zwei bereits erschienenen CDs, die nacheinander auf neue Fagottstücke im ästhetischen wie stilistischen Umfeld der beiden Altmeister Pierre Boulez und Luciano Berio fokussierten, hat Gallois nun bei Stradivarius eine Platte eingespielt, in deren Zentrum drei jener Werke stehen, die von der Österreicherin Olga Neuwirth für ihn komponiert wurden. Einerseits schafft er dadurch für den Hörer die Möglichkeit, das Fagott innerhalb dreier Besetzungen zu erleben – nämlich beim solistischen Vortrag, in einer kleinen Kammermusikbesetzung und im Dialog mit einem Orchester –, andererseits konfrontiert er diese Kompositionen aber auch mit den Werken zweier weiterer junger Komponisten. Auf diese Weise entsteht ein überraschend vielseitiges Porträt des Fagotts – ein Porträt, dessen roter Faden aus dem innovativen Instrumentalspiel und den überragenden technischen Fähigkeiten des Solisten gebildet wird.
Dass Neuwirth in der Tat weiß, wie sie von den erweiterten Fagotttechniken profitieren kann, zeigt insbesondere ihr poetisches Konzert 'Zefiro aleggia… nell’infinito…' (2004), in dem das Blasinstrument einem fein gestaffelten Orchester gegenüber tritt und kompositorisch wie klanglich auf unterschiedliche Weise mit diesem dialogisiert. Obgleich die vorliegende Live-Aufnahme mit dem Deutschen Sinfonieorchester Berlin unter Leitung von Brad Lubman in Bezug auf das Zusammenspiel und die Balance innerhalb des Orchesters nicht immer ganz ideal ist – ein Manko, das sich bei einem Mitschnitt solch schwieriger Werke wohl kaum vermeiden lässt –, atmet die Musik eine enorme Spannung, die sich nicht nur immer wieder in Ausbrüchen oder rhythmischen Loops entlädt, sondern auch in jenen still gestellten Phasen, in denen sich die fein ausgearbeiteten instrumentalen Texturen mit den leise rauschenden Klängen vermischen, die über CD zugespielt werden.
Gleichsam eine in mehrfacher Hinsicht kondensierte Version des in 'Zefiro aleggia… nell’infinito…' zu hörenden Soloparts bietet die Komposition 'Torsion' für Fagott und Zuspiel-CD (2003), bei der die Aufmerksamkeit ganz auf das phänomenale Gestaltungsvermögen von Gallois gelenkt wird, denn der Fagottist kann aufgrund des fehlenden Orchesters ein dynamisch noch differenzierteres Musizieren an den Tag legen. Demgegenüber widmet sich Neuwirth in dem Duo 'In Nacht und Eis' für Fagott und Violoncello mit Ringmodulator (2007) dem Material noch einmal auf ganz andere Weise: Hier gehen insbesondere jene Passagen unter die Haut, in denen das elektronisch verfremdete Spiel des Cellisten Rohan de Saram in Gestalt einer glasartigen Klangskulptur emporwächst, von der sich die Fagottlinien dann auf unterschiedliche Weise abheben.
Spannend ist es auch, die beiden übrigen Werke mit dem Neuwirthschen Ansatz zu vergleichen: Da ist einerseits das gleichfalls für die Besetzung Fagott und Violoncello geschriebene Stück 'The Voice' (2007) von Dai Fujikura, das die beiden Instrumente zu einem imaginären Metainstrument verschmilzt und dabei geschickt das mehrstimmige Spiel beider Musiker auszunutzen weiß. Und da ist schließlich noch Bruno Mantovanis Komposition 'Un mois d’octobre' für Fagott und Klavier (2001), die zwar als einziges Werk auf dieser Platte aufgrund einer etwas unentschlossenen Konzeption auf mich nicht ganz überzeugend wirkt, aber auf jeden Fall durch die Konfrontation mit den übrigen Stücken gewinnt und nicht zuletzt aufgrund der Besetzung mit Klavier, gespielt von Dimitri Vassilakis, weitere klangliche Facetten im fesselnden und intensiven Spiel von Gallois enthüllt. Wer sich für zeitgenössisches Musikschaffen interessiert sollte hier einmal reinhören – denn es lohnt sich.
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Interpretation: Klangqualität: Repertoirewert: Booklet: |
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:
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