Moderne Gitarrenstudien
Mit dem ersten Band seiner 'Estudios Sencillos' (1972) schloss Leo Brouwer, wohl als erster Komponist seit Tárrega, eine große Lücke im Repertoire der klassischen Gitarre. Bis dato hatte es schlichtweg kein Etüden-Werk gegeben, dass die Möglichkeiten der erweiterten Tonalität, der Polyrhythmik oder der modernen Spieltechniken in elementare Studien mit einbezog. Wenn man klassische Gitarre an der Musikschule oder am Konservatorium lernte, dann nach wie vor mit den Etüden von Carulli, Sor oder Giuliani. Leo Brouwer erkannte diesen Mangel recht bald. Er orientierte sich an Béla Bártoks 'Mikrokosmos' und versuchte ähnliche Miniaturen zu schreiben, die es nun auch dem modernen Gitarristen ermöglichen sollten, komplexere Werke der zeitgenössischen Musik zu erarbeiten.
Die 2002 publizierten 'Nuevos Estudios Sencillos' mochten vielleicht auf den ersten Blick enttäuschen – waren sie doch in ihrer Struktur noch einfacher gehalten als der erste Band von 1972. Doch der Schein trügt. Die zehn Studien sind zwar zunächst recht leicht zu spielen, doch letztlich umso schwerer zu interpretieren. Gerade in einer so feinsinnigen Erarbeitung, wie der von Rainer Stegmann spürt man, dass sich Brouwers Miniaturen selbst nach mehrmaligem Hören oder Spielen nicht erschöpfen werden.
Widmungen
Brouwer schrieb die 'Nuevos Estudios' als ‚Homenajes’ (Hommages) an Komponisten, die für seine Entwicklung als Musiker von maßgeblicher Bedeutung waren. Dies erinnert an ein recht ähnliches Verfahren, mit dem etwa György Kurtág zahlreiche seiner Miniaturen in seinem umfassenden 'Játékok' ausgeschmückt hat. Den Charakteren dieser assoziativen Widmungen fühlt Stegmann dank seines technisch sauberen Spiels ein ums andere feinsinnig nach. Er betont rhythmisch präzise die Akzente in der Hommage à Prokófiev, steigt in ein fließendes Tremolo für Tárrega ein, oder nuanciert auf wunderbare Weise Brouwers lyrische Melodie für Szymanowski. Stets sind die Assoziationen zu den entsprechenden Komponisten plausibel und evident. Lediglich die Frage, was die erste Etüde mit Debussy und die sechste mit Fernando Sor zu tun haben sollte, müsste man noch einmal an Leo Brouwer selbst richten. Bei allen anderen Stücken kann man mehr oder weniger leicht die Einflüsse oder Anspielungen erkennen. Brouwer verwebt das berühmte Tremolo aus Tárregas 'Recuerdos de la Alhambra' geschickt mit seiner eigenen Komposition, dem 'Decameron Negro', oder zitiert in der Hommage à Stravinksy die rhythmischen Pattern des ‚Sacre’.
Stravinsky und Bartók waren ohne Zweifel die wichtigsten Einflüsse für Leo Brouwers expressiv-rhythmischem Stil der 50er Jahre. Im Zuge der musikalischen Postmoderne wandte sich Brouwer jedoch zunehmend von der Avantgarde ab und entwickelte einen von der „Neuen Einfachheit“ und folkloristischen Elementen inspirierten Personalstil. Dieser zeichnet sich durch minimalistische, offene und fragmentarische Strukturen aus, wie sie in den beiden späten Kompositionen 'Hika' (1996) und 'Paisaje cubano con tristeza' (1999) anzutreffen sind. Stegmann stellt hier das Klangerlebnis und die unterschiedlichen Facetten des Gitarrentimbres in den Vordergrund. Besonders in der Komposition 'Hika' – eine Art Requiem für Toru Takemitsu – zeigt sich eine völlig neue gitarristische Klangwelt. Brouwer verwendet hier, die von dem japanischen Komponisten bevorzugte lydische Tondauer und entwickelt daraus ein lyrisches Stück, dass in seiner Länge durch eine verblüffende Stringenz überzeugt. Stegmanns skordierte Gitarre erzeugt dabei eine ebenso faszinierende, wie entrückt wirkende Stimmung.
Von Bach bis Domeniconi
Etwas weniger überzeugend als seine großartigen Brouwer-Einspielungen, ist die fünfzehnminütige 'Chaconne' von Carlo Domeniconi. Der italienische Komponist bezog sich in diesem Werk auf Bachs berühmtes gleichnamiges Stück aus der Partita d-Moll BWV 1004. Das Werk, das Bach ursprünglich für Violine konzipierte, gehört spätestens seit der Bearbeitung Segovias zu den beliebtesten Stücken im Repertoire der Gitarristen. Die harmonische und kontrapunktische Struktur scheint fast mehr der Laute oder Gitarre, als der Violine zu gute zu kommen. Domeniconi hat die Grundstruktur beibehalten, aber an vielen Stellen um interessante Dissonanzen, spieltechnische Finessen und erweiterte Klangfarben erweitert. Stegmann fehlt allerdings hin und wieder die Präzision im Ostinato, Brillanz der Farben und Transparenz der Melodieführung, die noch die kürzlich erschienene Einspielung von Dale Kavanagh auszeichnete. Auch ist er im Grundtempo vielleicht etwas zu langsam und dürfte sich hier ebenfalls an der brillanten Interpretation von Kavanagh orientieren. Dennoch vermag die Komposition, als Domeniconis versteckte ‚Hommage à Bach’, die CD überaus schlüssig abzurunden.
Rainer Stegmann, der sich seit Jahren für die Gitarren-Werke von Leo Brouwer, Carlo Domeniconi und Toru Takemitsu einsetzt, hat mit seinen ‚Soundscapes’ eine überaus gelungene Einspielung moderner Gitarrenmusik vorgelegt. |